WALDSEE RHEINPFALZ Plus Artikel Im Geschichtsbuch geblättert: Zigarrenstreit eskaliert

Gleich zwei Biergläser sind dem Opfer auf den Kopf geschlagen worden.
Gleich zwei Biergläser sind dem Opfer auf den Kopf geschlagen worden.

Wie eine glimmende Zigarrenspitze Ursache eines handfesten Streits wurde, darüber hat vor 140 Jahren die „Speierer Zeitung“ berichtet. Zugetragen hat sich die Geschichte in Waldsee, genauer: in Georg Lutz’ Wirtschaft „Zum Ochsen“ an der Ecke Karlstraße/Beethovenstraße.

Dass Kleinigkeiten Anlass zu Auseinandersetzungen sein können, erleben wir nahezu täglich – und es war wohl früher auch nicht besser. So berichtete die „Speierer Zeitung“ im Jahr 1880, wie an einem Sommerabend der Waldseer Bürger Alois Spindler im „Ochsen“ beim Bier ganz beschaulich seine Zigarre schmauchte, bis ihn ein unaufschiebbares Geschäft zum kurzfristigen Verlassen der Lokalität zwang.

Er legte dazu die angerauchte Zigarre auf die Fensterbank in der Absicht, sie nach Erledigung gleich weiter zu genießen. Zurückgekommen, staunte er nicht schlecht, dass sich das gute Stück jetzt zwischen den Lippen seines Tischnachbarn Adam Tremmel befand. Der hatte sie wie selbstverständlich an sich genommen und genoss nun den Tabak offenbar in vollen Zügen.

Über die hygienischen Aspekte der Situation mag man heute wie damals unterschiedlicher Meinung sein. Vor allem in Corona-Zeiten wirkt das Rauchen der gleichen Zigarre durch mehrere Münder kaum nachahmenswert. Spindler jedenfalls protestierte heftig und begehrte unbedingt einen Besitz zurück. Da griff der bisher unbeteiligt zuschauende Tagelöhner Zickgraf (der Vorname wird nicht genannt) ein. Er war wohl mit Tremmel befreundet, denn er hielt Spindler, den ursprünglichen Besitzer der Zigarre, fest. Tremmel bekam so Gelegenheit, seinem Raucher-Vorgänger gleich zwei Biergläser auf den Kopf zu schlagen, ehe der Wirt eingreifen konnte. Spindler war danach mehrere Tage arbeitsunfähig.

Natürlich ging die Sache vor den Kadi. Das Schöffengericht in Speyer verdonnerte Tremmel zu acht Tagen Haft. Dabei hat es sogar „mildernde Umstände“ – welcher Art ist nicht bekannt – in sein Urteil einfließen lassen. Der Tagelöhner Zickgraf bekam drei Mark Geldstrafe aufgebrummt. Das war ein Taler und entspricht immerhin einem heutigen Kaufwert von etwa 50 Euro. Ob die Strafen abschreckend gewirkt haben und sich die Herren künftig am Riemen gerissen haben, ist nicht überliefert.

Mehr zum Thema
x