Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Große Themen, kleine Welt: Stephen Schulz zu Olympia in Peking und Fußball-WM in Katar

Glaubt man Fifa-Boss Gianni Infantino, dann war es die „beste WM aller Zeiten“. Allerdings schrieb das Turnier im Vorfeld auch j
Glaubt man Fifa-Boss Gianni Infantino, dann war es die »beste WM aller Zeiten«. Allerdings schrieb das Turnier im Vorfeld auch jede Menge negative Schlagzeilen. Das tat der Freude der Argentinier, hier Lionel Messi mit dem Pokal, keinen Abbruch.

Die Olympischen Winterspiele in Peking und die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar haben 2022 die Fans begeistert und noch mehr gespalten. Für Stephen Schulz, Vorsitzender der FG 08 Mutterstadt, kommt die große Aufregung zu spät.

Man kann Stephen Schulz mit gutem Gewissen einen begeisterten Sportfan nennen. Er fährt regelmäßig zu den Heimspielen seines Lieblingsfußballvereins Bayern München, man trifft ihn aber auch bei den Eulen Ludwigshafen in der Zweiten Handball-Bundesliga, bei der Formel 1 in Spielberg oder beim Tennisturnier in Stuttgart. Auch seine beiden Söhne spielen Fußball.

So richtiges WM-Flair ist bei ihm aber nicht aufgekommen, als von Ende November an vier Wochen lang die besten Kicker der Welt ihren Champion ausgespielt haben. Sechs, sieben Partien habe er sich in kompletter Länge angeschaut. Nein, das sei kein halbherziger Versuch eines Boykotts gewesen. „Die Spiele waren tagsüber oder abends. Da waren dann oft berufliche Termine so kurz vor dem Jahreswechsel.“ Oft sei es dabei geblieben, einfach mal kurz reinzuschauen. Aber er gibt zu: „Ich habe diese WM beiläufiger verfolgt als die zuvor.“ Die Jahreszeit habe da mitgespielt. Normalerweise findet eine Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer statt – zwischen zwei Bundesliga-Spielzeiten. Man kann sich bei einer Grillparty nebenher die Spiele anschauen. Jetzt wurde das Turnier erstmals im Winter ausgetragen. „Da hat für mich das WM-Flair gefehlt“, sagt Schulz. Ein weiterer Faktor: „Selbstverständlich verfolgt man mehr Spiele, wenn Deutschland dabei ist.“ Das hatte sich ja nach der Vorrunde erledigt.

„Besser früher eingreifen“

Natürlich hat Stephen Schulz auch die Diskussionen im Vorfeld der beiden Großereignisse mitbekommen. Muss man Olympische Spiele oder eine Fußball-WM in solchen Ländern boykottieren? Stephen Schulz meint: „Nein.“ Der Sport solle weiter Sport sein. „Man sollte jungen Athleten nicht die politischen Versäumnisse der Vergangenheit aufoktroyieren. Man hätte die Spiele und die WM erst gar nicht in diese Länder vergeben sollen“, findet Schulz. Und wenn man es moralisch angehe, dann müsse man auch sehen, dass hierzulande die Bereitschaft, Olympische Spiele auszurichten, einfach nicht da sei, erläutert er und verweist auf die letzten Vorstöße mit München und dem Ruhrgebiet.

Im Fall von Katar und Peking seien die Fehler schon bei der Vergabe gemacht worden. „Es gibt einen bestimmten Prozess für die Vergabe. Und da gab es mehrfach Hinweise darauf, dass es zum Beispiel um die Einhaltung der Menschenrechte in China nicht gut bestellt ist oder die Situation der Arbeiter in Katar schlecht ist. Da hätte man schon eingreifen müssen.“ Schulz spricht sich dafür aus, dass solche Dinge, wie die Einhaltung der Menschenrechte, in die Vergaberegeln mitaufgenommen und regelmäßig überprüft werden. „Man braucht klare Rahmenbedingungen. Und wenn man sich nicht daran hält, wird einem die Veranstaltung entzogen.“

Freie Meinung muss sein

Und so habe auch die Politik dazu beigetragen, dass bei ihm keine rechte WM-Euphorie aufkommen wollte. Und trotzdem: „Einen Boykott hätte ich nicht gut gefunden. Nicht als einzelnes Land.“ Im Verbund hätte das schon eher eine Signalwirkung gehabt. „Wenn Deutschland, England, Frankreich, Brasilien und Argentinien gesagt hätten: Wir fahren nicht hin. Das wäre interessant geworden.“

Überhaupt: Sport und Politik – irgendwie gehörten sie in Peking und Katar zusammen. Dass der Fußballweltverband Fifa zum Beispiel in Katar das Tragen der Regenbogen-Armbinde verboten hat, sogar mit Strafen drohte, findet Schulz nicht in Ordnung. „Freie Meinung – das muss auch im Sport sein“, betont er.

Das Kernproblem seien die übergeordneten Verbände, in diesen beiden Fällen das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Fußballweltverband Fifa. „Da wird das Finanzielle eben über alles andere gestellt“, bemängelt Schulz. Laut Schätzungen betrugen die Kosten für die Stadien und die Infrastruktur in Katar 220 Milliarden US-Dollar. Stephen Schulz muss lächeln bei dieser Summe: „Ich würde sie so anlegen, dass es sich die FG 08 von der Rendite gut gehen lassen kann. Und am Ende wird es wohl darum gehen, das Vermögen vor unnötigen Ausgaben zu schützen“, sagt er und lacht.

Zweifel an der Nachhaltigkeit

Ob die Olympischen Spiele in Peking ihn überhaupt euphorisiert haben, wisse er nicht mehr. „Aber in Deutschland würde mich das total begeistern. Da wäre ich gerne dabei.“ Auch bei den nächsten Sommerspielen in Paris 2024 könne er sich vorstellen, hinzufahren.

Was Stephen Schulz bei der WM in Katar fehlt, ist die Nachhaltigkeit. „Unabhängig von der politischen Situation, ich glaube nicht, dass die Stadien jetzt noch groß genutzt werden.“ Das sei jedes Mal, wenn alle Fans und Teams wieder zu Hause sind, die größte Herausforderung. Aber die Alternative wäre, die WM immer nur in einem kleinen Kreis von Ländern auszurichten. „Dann findet die Weltmeisterschaft nur in großen europäischen Ländern statt, die ohnehin schon Stadien haben – Deutschland, England, Frankreich, Italien.“

Dass IOC und Fifa etwas aus den beiden Veranstaltungen in diesem Jahr gelernt haben, bezweifelt Schulz. „Wenn sich ein ähnliches Land bewirbt, dann sind doch in 20 Jahren Katar und China schon längst wieder vergessen.“ Peking war nach den Sommerspielen 2008 bereits zum zweiten Mal Gastgeber von Olympischen Spielen. Was Schulz fehlt, ist die „Allianz der kritischen Hinterfrager – und zwar stringent“. Das System, wie solche Vergaben von Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften ablaufen, sei krank. „Und das ist keine kurzfristige Sache. Das geht ja schon Jahrzehnte so.“ Stirbt es dann auch irgendwann? „Nein, das glaube ich nicht. Wenn ein Sportprodukt gut ist, muss man viel tun, um es tot zu kriegen.“

Selbstverständlich waren die Olympischen Winterspiele in Peking auch ein farbenfrohes Spektakel. Doch auch hier gab es im Vorfel
Selbstverständlich waren die Olympischen Winterspiele in Peking auch ein farbenfrohes Spektakel. Doch auch hier gab es im Vorfeld reichlich Kritik am Gastgeberland.
Stephen Schulz
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