Harthausen
Gemeinde als Paradies für Piepmätze
Die Pflege der Natur unter besonderer Berücksichtigung der freilebenden Vogelwelt ist laut dem Vorsitzenden Reinhard Steiger das oberste Ziel des NVV. Der Preis des Lebensmitteldiscounters Aldi im bundesweiten Online-Wettbewerb passt da perfekt ins Profil. Teilnehmer müssen ein Projekt vorstellen, Kunden können es bewerten. Jede Aldi-Filiale in Deutschland sucht einen Preisträger. Am 3. Juli endet die Aktion. NVV-Kassiererin Michaela Kühner entdeckt die Ausschreibung gerade noch rechtzeitig, schlägt die Teilnahme vor und erhält von Steiger sofort grünes Licht.
Weil die Vogelbestände seit Jahren zurückgehen, bietet der NVV seit einiger Zeit Workshops zum Bau von Nistkästen an. „Der Bau macht Spaß, und mit dem Aufhängen wird insbesondere bei Kindern und Jugendlichen die Mitverantwortung für die Natur gefördert“, heißt es vom Verein.
Naturschutz als großes Thema
Kühners ganze Familie ist im NVV aktiv. Ihre 13-jährige Tochter Sophie betreut derzeit mit Begeisterung 45 Nistkästen. „Der Wettbewerb im Netz ist eine Chance, Familien und Jugendliche neu auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen, sie anzusprechen“, meint Kühner. Naturschutz sei aktuell zum Glück ohnehin ein großes Thema.
Ihre Rechnung geht auf. Den Aldi-Kunden gefällt das spezielle Engagement des Vereins. In der Filiale Hanhofen belegt der NVV Harthausen Platz eins. Das heißt: 1500 Euro fließen in die Kasse. Im August wird der Betrag überwiesen. „Das Geld geht in das Nistkastenprojekt und in die Jugendarbeit“, erklären Steiger und Kühner im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Interessenten an dem Projekt könnten sich gerne melden. „Dafür muss man gar kein Mitglied sein“, betont Kühner.
Fokus auf Habitatpflege
„Wir kommen von der Ornithologie“, blickt der 70-jährige Steiger auf die Anfänge des NVV unter dem Gründungsvorsitzenden Richard Hoffmann zurück. „Früh schon haben meine Vorgänger bemerkt, dass das Zählen der Vögel und die Pflege der Nester nicht ausreicht für den Erhalt der Vogelwelt. Seit den 1980er-Jahren betreiben wir verstärkt Habitatpflege“, betont Steiger.
Seit damals werde das Flächenaufkaufprogramm ausgebaut. Nicht mehr genutzte Wiesen, aber auch andere Freiflächen werden dem Verein angeboten, oder er gewinnt sie durch Umlegung oder Flächentausch. Mit 40 Hektar Land sei der NVV heute der zweitgrößte Flächenbesitzer neben der Gemeinde, sagt Steiger. „Nur auf dem, was uns gehört, können wir sagen, was dort passiert.“
Der NVV installiert und überwacht unter anderem die Nisthöhlen, betreibt Landschaftspflege, füttert im Winter die Vögel, nimmt sich der Streuobstwiesen an oder legt neue an, schafft und erhält ebenso Biotopbereiche. Zusammen mit den einschlägigen Verbänden wie Nabu, Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie (GNOR) und BUND macht er auch Bildungsangebote.
Bodenbrüter Kiebitz braucht Schutz
Ein richtig großes Rad drehen will der NVV mit seinem Kiebitz-Projekt. Auch der für die Region typische Bodenbrüter leidet zunehmend unter dem Verlust der passenden Brutflächen. 2020 gab es in ganz Rheinland-Pfalz noch 70 Bruten, sieben davon auf Harthausener Gemarkung. Der Kiebitz braucht gleich mehrfach Schutz: das Gelege – jeweils vier Eier – ebenso wie die geschlüpften Küken, die 28 Tage brauchen, um flügge zu werden. Räuber wie Fuchs, Marder, Storch, Krähe oder Habicht bedeuten für den Nachwuchs Lebensgefahr.
Außerdem liegen Kiebitz-Nester in feuchter Umgebung und sind schwer zu sehen. Für eine Erntemaschine sind sie allerdings kein Hindernis. April und Mai sind da die ganz kritischen Monate. NVV-Mitglieder aus der Kiebitz-AG suchen die Nester, bedecken sie mit Körben und kontrollieren die Gelege täglich. Auch Familie Kühner ist täglich dafür draußen. Die aufgebrachte Geduld und Sorge zeigt Erfolg: Alle elf geschlüpften Küken in diesem Jahr sind flügge geworden.
Viele Akteure mit im Boot
„Wir haben in mehrfacher Hinsicht Glück gehabt“, räumt Steiger ein. Der NVV habe einen guten Standort, eine Rinderweidefläche. Das Areal ist etwa drei Hektar groß, es soll auf 7,5 Hektar erweitert werden. „Die GNOR macht ein Projekt, auf 15 Jahre angelegt, daraus. Es geht um Kosten von 400.000 Euro, ohne die Flächen“, berichtet Steiger. „Die Flächen haben wir schon.“ Derzeit werde die Finanzierung festgezurrt. Kreis, Land, Naturschutzbehörden, Jägerschaft und Landwirte seien mit im Boot. Auch der Gemüsehof Geil, der Flächen dort bewirtschaftet, stimmt sich mit uns ab“, lobt der Vorsitzende. Internationale Kiebitz-Experten hätten in der „Hoffmannsruhe“ getagt. „Die Voraussetzungen sind hier momentan sehr gut“, weiß Steiger. Er will nicht ausschließen, dass Harthausen zu einem neuen Paradies für Kiebitze wird.
Zur Sache
Der Natur- und Vogelschutzverein Harthausen (NVV) besteht seit 1954, aktuell zählt er 217 Mitglieder. Laut dem seit zwölf Jahren amtierenden Vorsitzenden Reinhard Steiger sind viele Familien unter den Neumitgliedern. Es gebe Kooperationen mit Vogelschutzvereinen in Dudenhofen und Hanhofen, die vor allem die Kinder und Jugendlichen in Gruppen und der Schule betreuten. Spezialisten wie der Ornithologe Dieter Hoffmann aus der Vogelwarte Radolfzell und seine Frau Ute, oder der Spezialist für Wasservögel, Thomas Dolich aus Neuhofen, erklären zum Beispiel, wie man Vögel beobachtet. Sie berichten über die Lebensgewohnheiten der Tiere und über die Bedeutung der Natur für das Überleben oder Sterben der Vögel. So lernen Kinder die Vorgänge in der Natur hautnah kennen, spüren die eigene Verantwortung dafür und erfahren, was sie selbst zum Erhalt der Umwelt beitragen können,
Der NVV hat seinen Vereinssitz im Vogelschutzhaus „Hoffmannsruhe“, es ist montags ab 14 Uhr für jedermann geöffnet. Zum Haus gehören auch eine Werkstatt, in der man zum Beispiel Nisthöhlen bauen kann, ein Fuhrpark und ein Lager für Werkzeug und Geräte. Gerade entsteht ein weiterer Anbau auf dem Gelände
Noch Fragen?
Mehr Informationen zum NVV und dem Kiebitz-Projekt gibt es im Internet unter www.natur-vogelschutz.de oder direkt bei Reinhard Steiger unter Telefon: 0163 330200.
