Waldsee
Freiwillige schneiden jedes Jahr 300 Obstbäume
Erwin Sprattler steht mit einigen Helfern vor einem älteren Apfelbaum und schüttelt den Kopf. „Völlig verschnitten, lauter Struwwelpeter-Äste“, urteilt er. Der Baum hat aber auch einen ungünstigen Standort. Wenige Meter entfernt stehen große Weiden und nehmen das Licht, sodass der Baum einseitig wächst. Immerhin steht er in einer Senke und hat die Dürre gut überstanden. „Wir werden da einige Ersatzpflanzungen machen müssen“, sagt Sprattler mit Blick auf die abgestorbenen Bäume und wendet sich wieder seinem Sorgenkind zu. „Diese ,Hexenbesen’ entstehen, wenn man zu viele Äste abschneidet. An jeder Schnittstelle wachsen mehrere neue Triebe. Also lieber sparsam auch mal größere Äste herausschneiden als viele kleine“, erklärt der Baumwart und setzt die Schere an.
Der Baum kommt auf die Liste für den Sommer. Wenn er an den Schnittstellen ausgetrieben hat, wird Sprattler die überschüssigen kleinen Ästchen abreißen. Sommerriss nennt man das. Er bremst das Wachstum, der Schnitt jetzt vor der Blüte regt es an, und genau das soll an diesem Baum gerade nicht mehr geschehen. Nur sieht man im Sommer vor lauter Blättern den Baum nicht, deswegen kann es hilfreich sein, ihn jetzt von mehreren Seiten zu fotografieren. Im Sommer sollten auch einige Früchte entfernt werden, wenn der Baum zu viele ansetzt, empfiehlt Sprattler.
„Pyramidenschnitt“ ist A und O
Bevor man überhaupt anfängt, sollte der Baum von allen Seiten gründlich angesehen und überlegt werden, was man überhaupt möchte, was sofort gemacht werden soll, was erst im nächsten Jahr. „Baumansprache halten“, nennt Sprattler das. Mehr als ein Drittel der Äste sollte in einem Jahr nicht herausgenommen werden. „Pyramidenform“ ist das Schlagwort beim Baumschnitt. Am höchsten bleibt der Mitteltrieb, die anderen Äste entsprechend niedriger, aber pro Etage auf einer Höhe, sonst wächst der Baum ungleichmäßig und ist weniger stabil, wenn ein Sturm kommt.
Groß und sehr alt ist der nächste Baum, und die ganze Krone ein einziges Dickicht an kleinen Ästchen, Wie eine Kraushaarperücke. „Der Stamm hat Höhlen und ist daher wertvoll für die Insektenwelt“, erklärt Norbert Keller, der auch schon seit Jahren mithilft. Hier müssen einige „größere Besen“ herausgeschnitten werden, um den Baum zu entlasten, damit der Saft für die verbleibenden Äste noch reicht. So ist jeder einzelne Baum eine neue Herausforderung für die Helfer.
Obst gehört Flächeneigentümern
Streuobstwiesen gibt es in Waldsee seit Ende der 1990er-Jahre. Im Neurott stehen 150 Bäume, im Rasweg und „Auf der Au“ rund 50, etwa 30 Bäume sind es an der Ortsausfahrt Richtung Speyer, etwa 20 an der Altriper Straße und eine Handvoll an der Flurkapelle. Die meisten sind Apfel- und Birnbäume. Viele historische Sorten seien damals angepflanzt worden, von Pastorenbirne und Christkindl über die Waldseer Schmalzbirne bis zur Kaiserbirne mit Eichblatt, erklärt Edgar Weick, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins. Er will eine Bestandsaufnahme machen und die Bäume kartieren. Die Grundstücke für die Streuobstwiesen seien der Ortsgemeinde von den Eigentümern kostenlos zur Verfügung gestellt worden. Daher gehört das Obst den Eigentümern.