Rhein-Pfalz Kreis Eine zuckersüße Familiengeschichte
«Mutterstadt/Speyer.»Das alte Holz atmete die Geschichte. Der Duft von gekochtem Zucker hatte sich tief in den Fasern der Bretter festgesetzt. Als die ehemalige Fertigungsstätte des Gutsel-Bauer vor drei Jahren abgerissen wurde, lag der Duft von Rudolf Müllers Kindheit in der Luft: Es roch nach den selbstgemachten Bonbons seiner Familie. Und das, obwohl im Haus seit mehr als 25 Jahren kein Zucker mehr gekocht wurde. Der Mutterstadter ist Spross einer 1891 gegründeten Speyerer Süßwarendynastie. Bereits seine Ur-Großeltern Ludwig und Anna Bauer haben in einem Ladengeschäft in der Maximilianstraße 18 ihre selbstgemachten Waren angeboten und waren als Schausteller auf Märkten unterwegs. Aus Wägen heraus haben sie dort Leckereien wie Honigkuchen, Magenbrot und Bonbons angeboten. „Die Familie Bauer zählte zu den ältesten Schausteller-Familien in Speyer“, sagt Müller. Er zeigt eine alte Fotografie aus dem Jahr 1901. Darauf zu sehen: Die Bauers mit ihren Kindern vor ihrem ausstaffierten Süßwarenstand. Müllers Großvater Franz Bauer hat das Geschäft später übernommen, war mit seinen Ständen vom Frühling bis ins Spätjahr nicht nur in der Pfalz auf Märkten wie der Speyerer Frühjahrsmesse, die gerade läuft, sondern auch auf Märkten in Düsseldorf, dem Cannstatter Wasen oder in der Schweiz vertreten. „Damals musste man richtig darum kämpfen, einen guten Platz zu kriegen“, sagt der Mutterstadter. Und der ideale Verkaufsplatz lag am Ein- oder Ausgang zum Markt, sodass die Besucher sich am Schluss noch etwas Leckeres für zu Hause mitnehmen konnten. Ein schlechter Standort machte gut 30 Prozent Einbuße aus. Der 66-Jährige zeigt weitere alte Fotos. Die Frauen im Verkaufswagen tragen Spitzenschürzen, alles ist hübsch zurecht gemacht, das Interieur liebevoll gewählt. „In den Wägen steckte viel Handarbeit. Einer hat damals zwischen 12.000 und 15.000 D-Mark gekostet.“ Ein stolzer Preis, der nur mit guter Qualität wieder zu erarbeiten gewesen sei. „Es war alles edel und seriös früher. Heute ist das Adrette leider verloren gegangen.“ Was verkauft wurde, kam zu 70 Prozent aus eigener Herstellung. In großen Kupferkesseln wurden in Speyer aus Zucker Bonbons gekocht. „Mein Großvater hat den Beruf des Zuckerbäckers gelernt“, sagt Müller. War die süße, klebrige Masse heiß, wurde sie gerollt, gewalzt und zugeschnitten. Die gebrannten Mandeln wurden frisch auf dem Markt zubereitet. „Von Hand“, betont Müller. Sie wurden mit einem großen Holzlöffel gerührt, damit sie nicht zusammenkleben. Aber das war längst nicht alles: Marzipan-Nougat-Stangen, türkischer Honig, Mandelbrocken, Zuckerstangen und auch Marzipankartoffeln aus eigener Herstellung gab es. „Die Marzipankartoffeln waren die besten“, sagt Maike Müller. Zugekauft wurden lediglich Waren wie Schokoküsse – aus der Speyerer Fabrik natürlich – und „so was wie Haribo gab es bei uns nicht“, sagt Rudolf Müller. Im Alter von etwa drei Jahren ist er mit seiner Familie über die Märkte gereist. „Auf Süßes hatte ich irgendwann keinen Appetit mehr. Das ist wie bei einem Metzgerssohn. Der ist lieber süß als ein Wurstbrot.“ Er schmunzelt. Zwar schwelgt der 66-Jährige gerne in Erinnerungen, aber den Familienbetrieb zu übernehmen, sei für ihn keine Option gewesen. Müller hat sich für den Beruf des Masseurs und medizinischen Bademeisters entschieden – und sich so in Speyer einen Namen gemacht. Sein Geschäft hat er mittlerweile verkauft, genießt mit seiner Frau Maike das Leben und die Zeit mit seinen drei Kindern und sechs Enkeln. Die Erinnerungen an seine Familiengeschichte verwahrt er voller Stolz. Nicht nur die alten Bilder und Zeitungsartikel. Auch eine alte Drehorgel, den Chapeau Claque seines Großvaters und einen gut 70 Jahre alten und zirka vier Kilo schweren Schokoladennikolaus gibt es noch. Der stand einst im Schaufenster des Ladens „Franz Bauer“ in der Speyerer Maximilianstraße 36, der Weihnachten 1948 eröffnet wurde. „Ein Geschäft in 1-A-Lage“, sagt Rudolf Müller. „Schattenseite. Konkurrenzlos. Und alles war mit viel Liebe gemacht.“ Die Süßwaren und die Einrichtung. Feine Pralinen wurden in einer Vitrine mit Schubladen auf blitzenden Silbertabletts präsentiert, verpackte Waren fein säuberlich und ansprechend aufgestellt. Einige Zeit seien die Großeltern Franz und Betty Bauer noch mit dem Wägen zu Märkten gereist, während seine Eltern Ingerose und Fritz Müller sich bis 1974 um den Laden kümmerten. Das Auskommen, so die Devise des Großvaters, musste ja gesichert sein. Und: Doppelt hält besser. Der Gutsel-Bauer lief. Schließlich wurde weiterhin viel Selbstgemachtes angeboten. „Vor Ostern wurden bis zu 8000 Zuckerhasen gemacht, die im Geschäft verkauft wurden“, erinnert sich Rudolf Müller. Als Kind habe er vor diesen Hochtagen wenig Freizeit gehabt. Schließlich musste süßer, klebriger Zucker gekocht und verarbeitet werden. Und auch heute noch liegt Rudolf Müller dieser unvergleichliche Geruch in der Nase. Der süße Duft seiner Familiengeschichte.