Rhein-Pfalz Kreis Eine Pionierin feiert Jubiläum
«Mutterstadt.» „In der ersten Woche 1993 haben wir mit einer Bierbank und roten Plastikstühlen angefangen, weil die Möbel eine Woche zu spät geliefert wurden“, erinnert sich Alfons Otte. Er ist einer von zwei Lehrern im heutigen Kollegium, die von Anfang an in Mutterstadt dabei sind. 1992 war er Mitglied der Vorbereitungsgruppe der neuen IGS. Eltern und Lehrer, erzählt er, hätten damals ein Konzept angestrebt, das über die damaligen pädagogischen Vorstellungen hinausging. Als Beispiele nennt er das Lernen in Teams, offenen Unterricht, der auch mal in Zusammenarbeit mit Vereinen, Verbänden oder Unternehmen stattfindet, einen Klassenrat für mehr Mitbestimmung seitens der Schüler und wöchentlich zwei Stunden Projektunterricht. „Unser Ziel war und ist, dass die Kinder nicht nur mit dem Kopf lernen, sondern auch mit Hand und Herz“, sagt Otte. Etwas Besonderes seien daneben die Epochalisierung – das Behandeln eines Themas über mehrere Unterrichtsfächer hinweg, um es tiefer zu ergründen – sowie der musisch-kreative Schwerpunkt mit Ökologie, Kunsthandwerk und darstellendem Spiel. Als erste ihrer Art im Kreis ist die IGS 1993 in Mutterstadt eingerichtet worden. In ganz Rheinland-Pfalz gab es damals nur sieben Stück. Mehr auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen, die Eltern stärker einbinden, die Kinder später nach den angestrebten Schulabschlüssen aufteilen als an herkömmlichen weiterführenden Schulen: Das heute weithin bekannte IGS-Konzept war Anfang der 1990er-Jahre eine Neuheit in der Bildungslandschaft und wurde an Versuchsschulen wie der IGS Ludwigshafen-Oggersheim (Igslo) erst mal getestet, erfreute sich aber nicht zuletzt bei vielen Eltern schon im Versuchsstadium großer Beliebtheit. „Die Hälfte aller Anmeldungen an der IGSLO wurde abgelehnt“, erinnert sich Alfons Otte. Dem offensichtlichen Bedarf geschuldet, habe der Kreistag im April 1992 entschieden, eine neue Schule dieser Art im Landkreis zu etablieren. „Auf Mutterstadt fiel die Wahl, weil es hier bereits eine Real- und Hauptschule gab, die Räume übrig hatten“, berichtet Otte. Der politische Beschluss habe jedoch nicht jeden erfreut. Die Real- und Hauptschulleute hätten sich um ihre Zukunft gesorgt, entsprechend spannungsgeladen habe sich die Anfangszeit gestaltet. „Manche sind bei uns geblieben, andere haben die Schule gewechselt“, fasst Ottes Kollegin Hanna Kellner das Ergebnis zusammen. „Dabei sind die Gebäude ideal für eine IGS, zum Beispiel für die Teams. Das hätte man nicht besser planen können“, schwärmt sie. Daher sei das reformpädagogische Konzept hier bestens aufgegangen. Das gelte auch für den Einbezug der Eltern. Sie böten nachmittags Arbeitsgruppen an sowie eine Koch-AG, die für diese Gruppen Mittagessen zubereitet. Zudem hätten sie mit dem Förderkreis maßgeblich bei der Schulhofgestaltung mitgeholfen. Aber die Schule hatte auch mit Widrigkeiten zu kämpfen – ganz zu Beginn die fehlenden Möbel. Und 1996 ist an einem Wochenende die Decke in einem Physikraum heruntergebrochen. Die IGS musste evakuiert werden. Die Schüler und Lehrer „wurden für einige Monate auf andere Schulen verteilt“. Es sei „eine harte Zeit“ gewesen, sagt er. Inzwischen hat sich in Mutterstadt alles eingespielt, dennoch überprüfen laut Lehrerin Gabriele Röser zwei Konzeptgruppen – eine für die Jahrgänge fünf bis zehn, die zweite für die Oberstufe – regelmäßig, ob das jeweilige Konzept noch passt, oder hier und da angepasst werden muss. Die Beliebtheit der Schule ist ungebrochen: „Wir dürfen pro Jahrgang 112 neue Schüler aufnehmen“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Petra Hann. Die Anmeldezahlen seien bisweilen aber doppelt bis dreimal so hoch. Zur Attraktivität trage vielleicht auch die internationale Ausrichtung bei, überlegt Röser. Immerhin unterhalte die IGS Austauschprogramme mit Polen, Spanien, Frankreich, Großbritannien und Ruanda – „lange Zeit sogar mit Australien“. Zudem verfüge die Schule seit der Sanierung vor drei Jahren über einen modernen Sportplatz, merkt Schulleiter Jens Pellkofer an. An Ideen für zukünftige Vorhaben mangelt es den Beteiligten nicht: Sie gestalten einen neuen Schulgarten. Und möchten die erforderliche Digitalisierung vorantreiben – sofern der Rhein-Pfalz-Kreis als Schulträger mitspielt. Termin Unter dem Motto „25 Jahre Vielfalt“ beschäftigen sich die 865 Schüler dieser Tage in einer Projektwoche ausgiebig mit dem Jubiläum der IGS Mutterstadt. Die 45 Projekte in den Themenbereichen Sport, Naturwissenschaft sowie Kultur/Kunst/Kreativität und deren Ergebnisse präsentieren sie am Samstag, 25. August, von 11 bis 16 Uhr beim großen Jubiläumsschulfest, zudem auch Eltern und Ehemalige eingeladen sind.