WALDSEE / DUDENHOFEN
Dudenhofenerin Brigitta Sattler spricht in Waldsee über „Die Frau im Märchen“
Frau Sattler, was können Besucher Ihres Märchenabends am Freitag erwarten?
Es wird kein reiner Erzählabend werden, mir geht es auch darum, etwas zu den vielfältigen Rollen und Funktionen zu sagen, die Frauen in den Märchen einnehmen, und welche psychischen Bedeutungen diese Rollen haben. Da ist nämlich eine Menge zu entdecken, gerade von und für Frauen.
Warum sind Märchen auch für Erwachsene interessant? Sind das nicht Geschichten für Kinder oder gar Lügengeschichten?
Es gibt ausgesprochene Lügengeschichten unter den Märchen, die sind ein eigenes Thema, und natürlich soll und darf man Kindern Märchen erzählen. Aber eigentlich hat man zu allen Zeiten den Erwachsenen Märchen erzählt – ob am Lagerfeuer, in der Karawanserei oder in den Spinnstuben. Die Brüder Grimm haben in ihrer Sammlung die Märchen – übrigens in einer wunderbar poetischen Sprache – für Kinder kompatibel gemacht, auch manches weggelassen, was ihnen nicht passend für Kinder erschien. „Der gestiefelte Kater“ hat es in ihre Kinder- und Hausmärchen geschafft, „Die Schöne und das Biest“ nicht, obwohl beide aus derselben französischen Sammlung stammen.
Was sind denn aber dann Märchen, worin besteht ihr Sinn, wenn es um Erwachsene geht?
Mir hat in meiner Ausbildung mal jemand gesagt: Das Märchen, das bist du. In den Märchen geht es um Botschaften über das gelebte Leben. Märchen erzählen vom Leben, aber in einer besonderen Bildersprache. Die ist übrigens durchaus verwandt mit der Sprache der biblischen Geschichten. Ein Wissen um das Leben, um die menschliche Psyche, wird in Bildern ausgedrückt, weil es so verständlich ist. Die Bildersprache hat einen direkteren Zugang zur Seele des Zuhörers als jede lange Erklärung. Da ist dann der König nicht der Herrscher in einem monarchistischen Gesellschaftssystem, sondern steht für den Vater, je nach Märchen kann die böse Stiefmutter die negativen Kräfte auf dem Lebensweg bezeichnen, die Prinzessin oder der Prinz kann stellvertretend für den Zuhörer stehen, und vieles mehr ist in den Bildern möglich.
Bezogen auf die Frau im Märchen, welche Bilder gibt es da?
Dazu werde ich am Freitagabend einiges sagen. Es gibt im Märchen die Dulderinnen, die Hexen, die weisen Alten, die Kämpferinnen, um nur ein paar zu nennen. Alle verraten uns etwas über die Rollen, die Frauen haben können, und auch über die Schwierigkeiten im Leben, die mit diesen Rollen verbunden sind.
Wie sind Sie eigentlich zur Märchenerzählerin geworden, und was haben Sie früher beruflich gemacht?
Ich habe den sehr kreativen Beruf der Dekorateurin gelernt und habe den lange Zeit ausgeübt. Geboren bin ich in Immenstadt, kam aber schon 1963 hierher. Seit meiner Heirat wohne ich in Dudenhofen. Zum Märchenerzählen kam ich über eine Radiosendung. Ich habe danach sofort gesagt: Das will ich machen. Es hat dann doch noch ein paar Jahre gedauert, aber etwa Anfang der 90er Jahre habe ich mich für eine Märchenerzähler-Ausbildung in Vlotho angemeldet. Das waren sieben längere Seminarwochenenden innerhalb von drei Jahren. Der damalige Ausbilder hat sich dabei an einer Art „Urmärchen“ orientiert, das er selber zusammengestellt hatte und das den Lebensweg von der Geburt an in Märchen nachzeichnete. Zu jeder Lebenssituation gibt es Geschichten zu Schwierigkeiten und ihrer Überwindung.
Wie bereiten Sie sich ganz praktisch auf das Erzählen vor? Zum Beispiel: Wie merkt man sich das alles?
Märchen werden ja nicht auswendig gelernt. Sie sind auch nicht Ein-Mann-Theaterstücke mit Requisiten, Verkleidung, großen Gesten. Ich lese ein Märchen und versuche zunächst, in meinem eigenen Innern dazu Kontakt zu finden, es zu erspüren. Das muss nicht immer gelingen, geht es nicht, suche ich nach einem anderen. Gelingt es aber, ist es nicht mehr schwer, sich alles zu merken. Ich mache das zuerst in den Bildern. Sitzt es, kommt der „Feinschliff“ in der Sprache. Ich laufe dann im Zimmer oder noch lieber draußen herum und erzähle es mir laut. Ich bereite pro Jahr immer thematisch drei große Märchenabende vor.