Rhein-Pfalz-Kreis
Der Papst in der Pfalz: Wie ein Fußgönheimer Johannes Paul II. erlebt hat
Bruder Thomas, vor genau 20 Jahren starb Papst Johannes Paul II. Wie sehr hat er die katholische Kirche in seiner fast 27-jährigen Amtszeit geprägt?
Er hat vieles in der katholischen Kirche bewegt. Denn er war ein eifriger Verkünder des Evangeliums und ist gerne auf der ganzen Welt umhergereist, um den Glauben weiter zu verbreiten. Johannes Paul II. ist während seiner Amtszeit unglaublich vielen Menschen überall auf der Erde begegnet und hat sie durch seine Persönlichkeit und seine zugewandte Art beeindruckt. Innerkirchlich gehen die Meinungen zu seiner Amtszeit allerdings oftmals auseinander.
Wie meinen Sie das?
Er fuhr eher einen konservativen Kurs. Zwar hat Johannes Paul II. das Papstamt durch seine vielen Reisen und seine Offenheit definitiv modernisiert. Aber was die Strukturen in der katholischen Kirche angeht, hat er eher den klassischen Weg seiner Vorgänger fortgeführt. Das fanden einige gut, andere hätten sich aber mehr Reformen gewünscht.
Viele Menschen erinnern sich auch an Bilder von Johannes Paul II. mit führenden Weltpolitikern wie Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, Bill Clinton oder Michail Gorbatschow. Er hat sich politisch immer wieder eingemischt. Warum?
Sein politischer Einfluss war enorm. Historiker sagen immer wieder, dass er mitverantwortlich für den Umbruch in Europa und das Ende des Kommunismus war. Johannes Paul II. hat seine Kenntnisse und politischen Verbindungen stets genutzt und wollte auch politische Dinge in Bewegung bringen.
Die letzten Jahre seiner Amtszeit litt Johannes Paul II. immer stärker an seiner Parkinson-Krankheit. Warum wollte er, dass die Welt ihn so leiden sieht?
Es wurde teilweise kritisch gesehen, dass Johannes Paul II. trotz seiner Parkinson-Krankheit bis zum Ende sichtbar aktiv bleiben wollte. Andererseits hat er dadurch Zeugnis gegeben, dass er das Petrusamt bis zum Ende ernst nimmt. Er wollte sich nicht verstecken in seinem Leid, sondern sich auch als alter, schwacher und kranker Papst zeigen. Er war eine starke Figur, das ist auch in den Medien sichtbar geworden in seinen letzten Jahren.
War er der erste Medien-Papst?
Das kann man so sagen, denn er war fast immer präsent. Er konnte gut vor Menschen sprechen, sie versammeln und begeistern. Das war ein enormes Talent von Johannes Paul II. Dabei half ihm sicherlich auch, dass er in jungen Jahren in Polen als Schauspieler aktiv war. Er konnte einfach auf der Bühne stehen.
Johannes Paul II. hatte aber auch eine besondere Beziehung zu Ihrer aktuellen Wirkungsstätte, Bruder Thomas. Was faszinierte den ehemaligen Pontifex so an Assisi?
Ja, er mochte den Ort wirklich sehr. Ich begegne Johannes Paul II. quasi jeden Tag auf dem Parkplatz unterhalb der Basilika San Francesco. Denn der ist nach ihm benannt. Aber er hat Assisi in der Tat schon ein Stück weit auch mitgeprägt. Insgesamt war er sechs Mal hier – das erste Mal nur wenige Tage nach seiner Wahl am 5. November 1978. Das war ein starkes Zeichen für die Italiener, dass er so schnell in Assisi war. Denn mit Johannes Paul II. war nach Jahrhunderten wieder einmal ein nicht-italienischer Papst im Amt.
Und warum hat er sich dann genau Assisi herausgesucht?
Der heilige Franziskus ist für viele Italiener der Patron des Landes. Franz von Assisi verkörpert ein vereintes Italien – und das in einem Land, in dem es wirtschaftlich und kulturell große Unterschiede gibt, gerade zwischen Norden und Süden. Wie Franz von Assisi wollte auch Johannes Paul II. die Menschen vereinen.
Ist Franziskus also eine Art Vorbild für Johannes Paul II. gewesen?
Auf jeden Fall. Ein Vorbild im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung und die Toleranz auch für andere Religionen. Dafür steht Franz von Assisi, und das hat Johannes Paul II. sehr imponiert.
Hat er deshalb am 27. Oktober 1986 das große Friedensgebet der Weltreligionen in Assisi stattfinden lassen?
Das war definitiv eine einzigartige und ganz besondere Idee. Franz von Assisi war der erste Christ und Missionar, der die Grenzen der eigenen Religion überschritten und sich friedlich anderen Religionen zugewandt hat. Diesem Beispiel folgt Johannes Paul II. und lädt Vertreter anderer christlicher Konfessionen und Weltreligionen zum Friedensgebet hier nach Assisi ein. Das Friedensgebet 1986 war ein voller Erfolg mit Tausenden Pilgern und Gläubigen aus aller Welt.
Haben Sie Johannes Paul II. auch mal persönlich getroffen, Bruder Thomas?
Drei Mal. Ich habe ihn 1980 in Mainz, 1987 in Speyer und 1995 in Rom gesehen. Das letzte Treffen hat mich sehr geprägt. Ich war mit einigen Familien im Petersdom bei einer Generalaudienz. Als der Papst auf uns zuging, hat mir ein Familienvater seinen kleinen Sohn auf den Arm gesetzt – und so habe ich dann den Papst begrüßt. Irgendwie war das ein besonderer Moment. Der Papst konnte die Menschen einfach in der Begegnung beeindrucken. Man fühlte sich durch die Präsenz seiner Persönlichkeit einfach wahrgenommen. Das hat viele Menschen nachhaltig beeindruckt.
Papst Johannes Paul II. war auch öfters in Deutschland. Wie würden Sie seine Beziehung zur Bundesrepublik und der Pfalz bewerten?
In der Pfalz war er 1987 in Speyer und hat dort mit 60.000 Menschen die heilige Messe gefeiert. Ich war damals in Speyer bei der Messe vor dem Dom auch vor Ort. Das war für die Pfälzer schon eine große Geschichte, auf die sie auch stolz waren. Insgesamt war er drei Mal in Deutschland, denn es war ihm wichtig, auch hier präsent zu sein.
Was würde Papst Johannes Paul II. heute zum Zustand seiner katholischen Kirche sagen?
Im Detail ist das schwierig zu beantworten. Aber ich denke, er würde das sagen, was er auch zu Beginn seiner Amtszeit im Oktober 1978 gesagt hat. Dort waren seine ersten Worte: „Habt keine Angst! Reißt die Türen auf für Christus!“ Ich glaube, so etwas Grundlegendes würde Johannes Paul II. heute auch verkünden. Dass wir Christen mutig versuchen sollen, den Geist Gottes in die Welt hinaus zu tragen und sie so positiv zu prägen.
Zur Person
Thomas Freidel (57) stammt aus Fußgönheim und ist 1990 in den Orden der Franziskaner-Minoriten eingetreten. Seit 2008 lebt er in Assisi. An der Basilika San Francesco kümmert sich Bruder Thomas als Seelsorger vor allem um deutschsprachige Pilger und leitet das dortige Museum. Er hat Papst Johannes Paul II. dreimal persönlich gesehen – unter anderem 1987 im Speyerer Dom.