Rhein-Pfalz Kreis Der Konflikt
«Mutterstadt.» Zumindest in einem Punkt decken sich die Wahrnehmungen der Ansprechpartner: dass Kinder in den fünften Klassen der IGS Mutterstadt „Fortnite“ zocken. So heißt das Online-Spiel mit einer Altersfreigabe ab zwölf Jahren, dem Medienberichten zufolge derzeit ganze Schulen fieberhaft verfallen sind. Gruppenweise oder im Einzelkämpfermodus jagen die Jugendlichen sich durch virtuelle Landschaften und liquidieren sich gegenseitig. Mit übernatürlichen Spezialkräften, aber auch mit Schuss- und Stichwaffen wird das Gemetzel der zum Teil recht knuddelig daher kommenden Spielcharaktere auch an den Wochenenden vor teils märchenhafter, teils sehr realistischer Kulisse weiter aus den Kinderzimmern gesteuert. „So gegen 11 Uhr rief mich das Sekretariat der Schule an“, erinnert sich Horst Deffner an den 5. Februar, einen Dienstag. „Total aufgeregt“ habe die Stimme am anderen Ende geklungen, die den 48-jährigen Schlossermeister aufgefordert habe, sofort an die Schule zu kommen, um seine Söhne Daniel (11) und Sascha (15) abzuholen. Noch während der Fahrt von Neuhofen nach Mutterstadt habe ihn eine Whatsapp-Nachricht seines Sohnes erreicht. „Im Auftrag der Schule“ habe Sascha ihm geschrieben, er solle nicht aus dem Auto steigen. „Bis dahin wusste ich nicht, was passiert ist“, sagt Deffner – er sei aber trotzdem ausgestiegen. Vorbei an „18 bis 20 Erwachsenen“ ging es zum Sekretariat, wo er den Rektor, seine Stellvertreterin, eine Stufenleiterin und die Damen vom Sekretariat „wie ein Häufchen Elend, geschockt, perplex“ angetroffen habe. Folgendes hat sich laut Deffner vorher abgespielt: An der IGS gebe es bereits seit längerer Zeit Konflikte mit Schülern, die laut Deffner einem „libanesischen Familienclan“ angehören. Am Freitag, 1. Februar, sei es zu „verbalen Streitigkeiten“ in der fünften Klasse gekommen. Übers Wochenende habe sich der Konflikt wohl übers „Fortnite“-Spielen auf virtueller Ebene zugespitzt. In Folge sei am Montag, 4. Februar, Deffners Sohn Daniel „tätlich angegriffen“ worden, was Deffner aber noch als „Lappalie“ eingeschätzt habe. Erst am Dienstag sei es über die erste und zweite große Pause zur „Masseneskalation“ gekommen, als rund 20 Familienangehörige eines zwölfjährigen Fünftklässlers auf dem Schulgelände aufgetaucht seien. Der Vater und der Onkel des Fünftklässlers seien in die Klassenzimmer eingedrungen. Der Onkel habe Deffners älterem Sohn, der dem jüngeren zur Hilfe gekommen sei, gedroht, ihn „umzubringen“ und sei tobend bis ins Sekretariat vorgedrungen. Dort habe er laut Deffner auch die Schulleitung „massiv bedroht“ und die Stufenleiterin „aufs Übelste“ beleidigt. Die Polizei sei „relativ spät“ verständigt worden, sagt Horst Deffner. Die zwei Beamten in Zivil und ihre beiden uniformierten Kollegen hätten den „Familienclan“ dann „ohne Trara“ des Schulgeländes verwiesen und Deffner mit seinen Söhnen zum Auto begleitet. Als „Geleitschutz“ seien die Polizisten dem Auto noch ein Stück gefolgt. An der Schule habe in den folgenden Tagen ein durch das hinzugezogene Kreisjugendamt organisiertes „Antiaggressionstraining“ mit den beteiligten Schülern stattgefunden, berichtet Deffner. Doch am Mittwoch, 20. Februar, habe es erneut „geknallt“, als sein Sohn Sascha nach der Schule auf dem Weg zum Bus gewesen sei: Ein Schüler aus der Parallelklasse, der auch Mitglied des „Familienclans“ sei, habe Sascha von hinten erst auf die Schulter getippt und ihm dann mit einem Schlagring ins Gesicht geschlagen, berichtet Horst Deffner. Die von einer Passantin verständigte Polizei habe den Schläger abgeführt, aber keinen Schlagring bei ihm gefunden. Deffners Sohn sei mit dem Krankenwagen ins Klinikum nach Ludwigshafen gebracht worden, wo seine aufgeplatzte Oberlippe genäht worden sei. „Auf mich wirkt es so, als sei die Schulleitung mit den Vorfällen völlig überfordert“, sagt Deffner. „Ich will jetzt im Einzelnen nichts dazu sagen“, sagt IGS-Schulleiter Jens Pellkofer auf Nachfrage der RHEINPFALZ. Er verweist auf die Pressestelle der über die Vorfälle informierten Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier und die Polizeiinspektion Schifferstadt. Deren Beamte seien in beiden Fällen vor Ort gewesen. Der Schulleiter warte auf Rückmeldung der Polizei und empfinde es als „nicht seriös“, dieser vorzugreifen. Laut Eveline Dziendziol von der ADD-Pressestelle habe sich die Schule „des Konflikts angenommen“. Sie bringt ebenfalls das Antiaggressionstraining ins Spiel, zu dem die betreffenden Schüler verpflichtet worden seien. Um ein „friedliches Miteinander zu gewährleisten“, binde „die Schulsozialarbeit“ die Schüler außerdem in „Gespräche“ ein. „Mit einer libanesischen Familie gibt es an der IGS Mutterstadt keine Probleme“, sagt Dziendziol auf direkte Nachfrage. Die Polizei in Schifferstadt bestätigt, dass sie in beiden Fällen Leute vor Ort hatte. Am 5. Februar habe sich die Schule an sie gewandt, um „die akute Situation zu befrieden“. Letztlich seien an diesem Tag acht Personen in eine Auseinandersetzung verwickelt gewesen: Die stellvertretende Schulleiterin, Horst Deffner und seine Söhne, ein zwölfjähriger Junge mit einem 15-jährigen Mädchen sowie zwei von deren Angehörigen. Der von Deffner benannte Onkel des Zwölfjährigen hat laut Polizei die stellvertretende Schulleiterin beleidigt und ist von den Beamten des Schulgebäudes verwiesen worden. Anschließend ist er dort nach Polizeiinformationen jedoch erneut aufgetaucht, sodass gegen ihn außer einer Strafanzeige wegen Beleidigung auch eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet wurde. Des Weiteren hat es – die Jugendlichen betreffend – Strafanzeigen wegen gegenseitiger Körperverletzung gegeben. Soweit die Aussage der Polizei. Die Präsenz der rund 20-köpfigen Großfamilie auf dem Schulgelände bestätigt die Polizeidienststelle nicht direkt: Es habe einen „Menschenauflauf“ gegeben; letztlich seien das aber Nichtbeteiligte gewesen, die sich zu Schulschluss auf dem Schulgelände aufgehalten hätten. Die von Deffner geschilderte „Schlagringattacke“ bezeichnet die Polizei als eine „Schlägerei zwischen zwei Personen“. Nach ihren Erkenntnissen soll der Schläger „ein paar Tage vorher“ von Sascha Deffner ebenfalls ins Gesicht geschlagen worden sein – mit den Worten „Ausländer raus“. Horst Deffner dementiert. Der Konflikt schwelt. Und was sagt die stellvertretende Leiterin des Kreisjugendamts, Aylin Höppner, zu den Vorfällen? Gefragt nach Problemen mit Schülern, die einer libanesischen Großfamilie angehören sollen, und der Konflikteskalation – ausgelöst durch eine Online-Spiel – schildert Höppner, dass der Streit zunächst auf virtueller Ebene seinen Lauf genommen habe. Zwei Schülergruppen hätten ihrer Kenntnis nach gegeneinander „Fortnite“ gespielt. „Von da hat sich der Konflikt wohl in die Realität übertragen. Der Streit zwischen den Schülern sei dann schließlich so „eskaliert, dass die Familienangehörigen aufgetaucht sind.“ Der Konflikt vom 20. Februar hat Höppners Einschätzung nach „im Grunde nichts mit dem anderen Vorfall zu tun“. Wie ihr über eine Schulsozialarbeiterin mitgeteilt worden sei, soll es schon vorher eine „Schubserei“ zwischen Sascha Deffner und dem Jungen aus der Parallelklasse gegeben haben. „Da lief wohl was“, sieht Höppner in der Schlagattacke vom 20. Februar eine Racheaktion des vorher provozierten Schlägers: „Keiner von beiden ist unschuldig.“ „Wir müssen schnell reagieren“, sagt Höppner. Deshalb gebe es erstmalig ein Deeskalationstraining mit Schülern der IGS Mutterstadt. Geleitet werde dieses Training von Rüdiger Dahm, einem psychologischen Berater aus Schifferstadt. Dieser hat laut Höppner ein gutes Händchen für Jugendliche – und Schüler, die „Fortnite“ zocken und Konflikte von der virtuellen auf die reale Welt übertragen.