Rhein-Pfalz Kreis Brennpunktschule hat das Feuer entfacht

Freundlich, transparent und gerecht – so beschreibt sich Sabine Reich selbst als Lehrerin. Die von Schülern neu gestaltete Pause
Freundlich, transparent und gerecht – so beschreibt sich Sabine Reich selbst als Lehrerin. Die von Schülern neu gestaltete Pausenhalle findet die Rektorin »einfach großartig«.

Dass sie einmal Rektorin werden würde, war wohl das letzte, mit dem Sabine Reich nach ihrem Realschulabschluss gerechnet hat. Eine Reihe von Zufällen später sitzt sie nun entspannt in ihrem Büro und erzählt begeistert von ihren Schülern, der vor ihr liegenden Herausforderung und ihrer „Berufung Lehrer“. „Ich bin ein Vorbild für alle meine Schüler“, sagt sie und lacht. Schule war für sie nach der zehnten Klasse eigentlich kein Thema mehr. Mangels Ausbildungsplatz wechselte sie zwar noch an ein Wirtschaftsgymnasium, „aber nach drei Monaten habe ich gemerkt: Das ist nicht das, was mir gefällt“, sagt Reich. Kurzerhand suchte sie sich eine Lehrstelle – im Oktober kein leichtes Unterfangen. Eine Ausbildung zur Bauzeichnerin war die einzige Ausschreibung, die sie fand. Immerhin sieben Jahre sollte sie in dem Beruf arbeiten. Erfüllt hat sie die Arbeit aber nicht. Zufällig entdeckte sie da in der Zeitung eine Anzeige für eine Abendschule. Drei Jahre lang arbeitete sie bis 17 Uhr und klemmte sich anschließend bis 21.30 Uhr hinter die Schulbank, bis sie das Abitur in der Tasche hatte. „Diese drei Jahre haben mich so sehr interessiert, wie die zehn Jahre Schule vorher zusammen“, erzählt sie. „Für mich haben sich neue Blickwinkel eröffnet.“ Dennoch: Ein Studium nach dem Abitur war nicht ihr Ziel. Erst als sie den Abschluss in der Tasche hatte, „habe ich mir gedacht, dass ich jetzt auch irgendwas studieren muss.“ Nur was? Nach einem kurzen und „scheußlichen“ Gastspiel in Philosophie-Vorlesungen entschied sich Reich für das, „was ich konnte: Sport“. Nach einem Semester in Frankfurt drohte ihr jedoch das Aus an der Uni: Weil ihre Unterarmknochen länger als üblich waren, drückten sie beim Geräteturnen auf die Handgelenksknochen und rieben diese quasi auf. Übungen an Barren und Co. waren nicht mehr möglich – die Prüfung im Geräteturnen war aber eine Voraussetzung für den Magister-Abschluss. Wieder stand Reich vor der Frage: Was tun? Sie entschied sich, Sport auf Lehramt für Realschulen weiterzustudieren – freilich nicht, um Lehrerin zu werden, sondern „weil man dafür kein Geräteturnen braucht und ich einfach einen Abschluss machen wollte“, so die Mainzerin. Als zweites Fach wählte sie Deutsch. Ihr Pflichtpraktikum machte sie drei Wochen lang in einer Brennpunktschule im Rotlichtviertel von Frankfurt – und hatte auf einmal ihre Bestimmung gefunden. „Das waren die besten drei Wochen, die ich je gehabt habe“, schwärmt sie. Es habe sich einfach selbstverständlich angefühlt, vor einer Klasse zu stehen – „da wusste ich, das ist mein Beruf!“, sagt Reich. Dem Handgelenk sei Dank. Nach Referendariat und einer ersten Stelle in Frankfurt wechselte sie an Schulen in Ingelheim und Mainz. Reich ist froh, dass ihre Eltern sie ihre eigenen Entscheidungen haben treffen lassen. „Heute ist dagegen alles ein bisschen überbehütet“, findet sie. Das Bedürfnis, ihren Schülern etwas mitzugeben, sie mit ihrer eigenen Begeisterung anzustecken, macht für sie den Lehrerberuf aus. „Das gelingt nicht immer; man muss auch mal etwas Langweiliges machen“, sagt Reich. „Aber ihnen Leidenschaft mitgeben, sodass sie gerne was lesen oder auch mal ins Theater gehen, das ist klasse.“ Die 54-Jährige beschreibt sich selbst als „freundliche“ Lehrerin. „Die Schüler haben bei mir Mitspracherecht“, sagt sie. „Aber es ist klar, wer die Klasse führt.“ Gerecht, transparent und organisiert sind weitere Eigenschaften, mit denen sie sich charakterisiert. Sechs Stunden pro Woche wird sie in Bobenheim-Roxheim eine siebte Klasse in Deutsch unterrichten; die restliche Arbeitszeit beanspruchen Verwaltungsaufgaben. Ihre Ankunft in Bobenheim-Roxheim sei ohne Hürden verlaufen. „Ich habe ein bestelltes Feld übernommen“, berichtet Reich. Der Wechsel sei von ihrer Vorgängerin Eva Brüning sehr gut vorbereitet worden, das Sekretariat und das Lehrerkollegium stünden unterstützend zur Seite. Bei ihrer neuen Aufgabe hilft der 54-Jährigen, dass sie schon vorher als Rektorin an einer Realschule plus in Ingelheim gearbeitet hat. „Vieles ist in jeder Schule ähnlich. Ich kann die organisatorischen Dinge. Jetzt kommt es auf die örtlichen Gegebenheiten an“, erzählt Reich und nennt ein Beispiel: „Wo gibt es Veränderungswünsche? Solche Sachen herauszufinden, braucht Zeit und ein offenen Ohr.“ Zeit, die sie sich in den kommenden Monaten nehmen wolle. „Ich habe es in der Hand, Lust bei den Lehrern hervorzurufen, etwas in Bewegung zu setzen – das ist spannend.“ Ein offenes Ohr ist auch bei einem Thema wichtig, das die Schule in den kommenden Jahren beschäftigen wird: der geplante Abriss des ehemaligen Hauptschulgebäudes und der Neubau. Hier sei eine starke Beteiligung des Kollegiums wichtig, „damit wir einen Neubau bekommen, der den Bedingungen der Schule entspricht“, sagt Reich. Reich, die zwei Töchter (26 und 28 Jahre) sowie einen Sohn (16) hat, lebt mit ihrem Mann in Mainz. Die Deutschlehrerin hat auch privat gerne mit Buchstaben zu tun. „Ich spiele gerne Scrabble“, verrät sie. Sie und ihr Mann haben dabei die Regeln etwas angepasst: Erlaubt seien auch kuriose Worte – solange man sie erklären könne. „Senftexter beispielsweise – jemand, der als Werbetexter nur für die Senfprodukte zuständig ist“, erzählt sie augenzwinkernd.

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