Interview
„Besiegter Hass“: Roman über bäuerliches Leben in Lambsheim
Herr Glatt, die Lambsheimer Heimatfreunde präsentieren am Freitag im Bürgersaal das Ergebnis harter Arbeit: den ersten Band der Werkausgabe von Leo Rieger. Was genau ist von dem Abend zu erwarten?
Das Redaktionsteam Wera Veith-Joncic, Christel Weiß und ich wollen das Buch, das nun schon ein paar Monate vorliegt, öffentlich vorstellen. Ulrike Lotterhoß und Uwe Volk vom Theater am Türmchen werden Auszüge aus dem Roman „Besiegter Hass“ vorlesen, ohne den Ausgang zu verraten. Außerdem werden ein paar Gedichte vorgelesen sowie Teile der Erzählung „Die Geisterbrücke“ – ohne zu „spoilern“, wie man heute sagt. Ich selbst werde etwas zum Autor und zur Entstehung unseres Buchs sagen. Und dann wird noch ein kleiner Chor, den Thorsten Schoberwalter zusammengestellt hat, ein Trinklied singen, das Rieger auf die Melodie von „Ein freies Leben führen wir“ gedichtet hat.
Warum nehmen sich die Heimatfreunde des Werks von Leo Rieger an?
Es ist sicher kein hoch literarisches Werk, aber es ist etwas Besonderes, dass so ein kleiner Ort wie Lambsheim einen Schriftsteller hervorgebracht hat, der aus kleinen Verhältnissen stammt und so viel über seinen Heimatort geschrieben hat. Es gibt ja nicht nur die Texte in diesem ersten Buch, sondern noch viele andere, zum Beispiel Riegers Kindheitserinnerungen und Theaterstücke. Man erfährt viel darüber, wie die Menschen in der Zeit von etwa 1880 bis 1910 gelebt und gedacht haben. Das alles zugänglich zu machen, ist quasi unser Geschenk an Lambsheim. Er hat genug hinterlassen, um damit mindestens zwei weitere Bände herausgeben zu können.
Dabei hatten die Heimatfreunde anfangs ja gar nicht so viel Material und Informationen. Die RHEINPFALZ hat vor vier Jahren über den Aufruf des Vereins berichtet: Wer etwas über den in Vergessenheit geratenen Autor weiß, sollte sich melden.
Das war auch sehr hilfreich. Nachkommen von Geschwistern Riegers haben sich gemeldet, und Menschen haben Hinweise und Erinnerungen mit uns geteilt. Es sind außerdem acht oder neun handgeschriebene Bücher aufgetaucht sowie ein Zeugnis aus der Lateinschule in Frankenthal und ein Heft mit Gelegenheitsgedichten. Ein Foto von Rieger fehlt uns, darauf hoffen wir noch.
Die meisten Texte waren in Sütterlinschrift abgefasst. Also brauchten Sie auch Hilfe beim Transkribieren.
Ja. Die kam zum einen aus dem Kreis unserer Mitglieder sowie aus der näheren Umgebung. Über einen RHEINPFALZ-Artikel sind wir schließlich auf die IG-Sütterlin Kurpfalz aufmerksam geworden – eine lustige Truppe, die sich regelmäßig in einem Ludwigshafener Café trifft und hilft, wenn man zum Beispiel einen alten Brief übersetzen lassen möchte. Von dort haben wir ebenfalls Unterstützung bekommen.
Wie ist „Besiegter Hass“, der einzige Roman von Rieger, regionalgeschichtlich und literarisch einzuordnen? Die Geschichte um eine Lambsheimer Bauernfamilie, die sich wegen der großstädtischen Liebschaft des ältesten Sohnes entzweit, liest sich aus heutiger Sicht recht altmodisch und sie drückt ordentlich auf die Tränendrüse.
Das Besondere sind die Beschreibungen der Zeit am Übergang zur Hochindustrialisierung. Diese Zeit kennt hier niemand, auch diejenigen nicht, die alles über Lambsheim zu wissen glauben. Die Eisenbahn zum Beispiel ist das einzige Moderne, das in dem Roman vorkommt. Alles andere ist sozusagen „die alte Zeit“, in der alles mit der Hand gemacht wurde. Der Reiz des Romans liegt nicht nur im Lokalkolorit, sondern vor allem in dem Zeitbild. Und durchaus auch in Riegers Wiedergabe des Dialekts. Da empfehlen wir den Lesern übrigens wegen der speziellen Schreibweise, die Passagen laut zu lesen.
Recht spannend liest sich auch „Die Geisterbrücke“. Darin geht es um den heimtückischen Mord an einem in Lambsheim stationierten spanischen General zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Hat Rieger das frei erfunden, oder ist die Geschichte historisch belegt?
Die Grundlage ist eine Legende, die Rieger in seiner Art nacherzählt. Der Heimatforscher Kurt Kinkel vermutet, dass er sich an einem längeren Gedicht aus dem Jahr 1924 des ehemaligen Bürgermeisters Georg Valentin Reudelhuber orientiert hat. An der Geschichte an sich muss schon etwas dran sein. Um die sogenannte Geisterbrücke an einem Feldweg nach Heßheim ranken sich aber noch andere Spukgeschichten. Die Stelle sah damals ganz anders aus als heute.
Wie geht es jetzt weiter mit dem Projekt, das Gesamtwerk von Leo Rieger zu veröffentlichen?
Unser Redaktionsteam will als nächstes einen Teil der Lebenserinnerungen, weitere Gedichte und eins der Weihnachtsstücke herausgeben. Aber wann es so weit sein wird? Keine Ahnung.
Zur Person
Leo (Leonhard) Rieger wurde 1864 als Sohn eines Tagelöhners in Lambsheim geboren und besuchte trotzdem die Lateinschule in Frankenthal. Ein beständiges Berufsleben aber war nicht seine Sache. Rechtsanwaltsgehilfe, Knecht, Buchdrucker, Mitglied eines Wandertheaters, Zeitungsredakteur und Schriftsteller – das alles kann man über Rieger sagen. Ob er verheiratet war oder Kinder hatte, ist unbekannt. Er starb 1950 im hohen Alter in Enkenbach. Zuletzt hatte er in einem Altersheim gewohnt. Weil Leo Rieger nach 1945 seine Gedichte, Prosa und Erinnerungen noch einmal in Notizbüchern säuberlich niederschrieb, blieben sie größtenteils im Familienkreis erhalten. (Quelle: Lambsheimer Heimatfreunde)
Termin
„Leo Rieger – Die Wiederentdeckung eines Lambsheimer Schriftstellers“, Buchvorstellung und Lesung am Freitag, 9. Mai, 19 Uhr, im Bürgersaal, Mühltorstraße 2. Der Eintritt ist frei. Veranstalter sind die Lambsheimer Heimatfreunde, Mitwirkende sind das Theater am Türmchen und ein kleiner Chor. Das Buch von Leo Rieger ist an dem Abend erhältlich und kann per E-Mail an info@lambsheimer-heimatfreunde.de sowie im Buchhandel erworben werden.
