Rhein-Pfalz Kreis Auf Entdeckungsreise in die Gefühlswelt

Mit den Fluchterfahrungen auseinandersetzen: Jack Catarata bei einem Workshop mit Kindern.
Mit den Fluchterfahrungen auseinandersetzen: Jack Catarata bei einem Workshop mit Kindern.

Theater braucht keine Sprache, und jeder kann auf der Bühne der sein, der er will, sagt Gabriele Twardawa, Leiterin des Ludwigshafener Jugendtheaters Adrem. Vor allem für die Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen sei das Theaterspielen deshalb ein gutes Mittel. In Bobenheim-Roxheim hat sich die Caritas das zunutze gemacht und einen zweitägigen Theaterworkshop für Kinder aus Syrien und Afghanistan angeboten.

Intensiv sei der Workshop gewesen, berichtet Caritas-Flüchtlingshelfer Jack Catarata. Der 53-Jährige hat den Kurs für die 20 Kinder zwischen fünf und 17 Jahren geleitet. „Wir wollten ihnen eine Möglichkeit geben, sich mit ihrer Fluchterfahrung auseinanderzusetzen“, berichtet er. Stimme, Hände, Füße, Tanz, Spiel, Musik – auf unterschiedliche Weise konnten die Kinder ihrer Gefühlswelt Ausdruck verleihen. Catarata und Ali Moussa von der Tanztheatergruppe Amal aus Neustadt wollten den Kindern eine Chance bieten, mit einer Mischung aus Spiel und Ernst in einem geschützten Umfeld ihre Fluchterfahrungen zu verarbeiten. „Von ihrer Kultur her ist es unüblich, starke Emotionen, ihre sanfte Seite zu zeigen“, erklärt Catarata. Wut ja, Traurigkeit oder gar Weinen nein. „Es war eine tolle Erfahrung, dass sie sich auf den Workshop eingelassen haben; dass sie gezeigt haben, dass sie traurig sein, weinen dürfen“, erzählt der Philippiner, der seit fast 20 Jahren in Deutschland lebt. „Es war eine Entdeckungsreise. Man hat gesehen, was in ihnen steckt.“ Während des Workshops haben die Kinder zum Beispiel Emotionen von Bildern nachgeahmt, getanzt und getrommelt. Eine 17-jährige Afghanin, die mit ihren beiden Brüdern (neun und zehn Jahre) an dem Kurs teilnahm, sollte ihren Fluchtweg darstellen – eine Übung, die habe abgebrochen werden müssen, berichtet Catarata: „Die Gefühle waren zu viel.“ Eine Situation, die Gabriele Twardawa kennt. Die Theaterleiterin hat viele Projekte mit traumatisierten Menschen gemacht. Der Vorteil des Theaters: Hier bewege sich alles auf einer anderen Ebene als im „wahren“ Leben. Mit den kleinsten Mitteln könnten sich die Teilnehmer in eine andere Welt hineinversetzen: mit Musik, Lichteffekten, Windmaschinen, Tanz. „Es ist ein geschützter Raum. Nichts dringt nach außen. Die Menschen fühlen sich sicher“, sagt Twardawa. Theater könne die Basis bilden, um in der „realen“ Welt an Traumata zu arbeiten, erzählt sie. „Theater kann etwas auslösen. Die Menschen wollen oft nicht darüber sprechen. Sie haben ein Problem, aber lächeln. Durch das Spiel bekommt man einen Zugang zueinander.“ Laut Twardawa ist Theaterarbeit deshalb nahezu perfekt geeignet für Flüchtlinge, sich mit ihren Erfahrungen und Traumata auseinanderzusetzen. Dennoch gebe es kaum solche Projekte. „Es scheitert oft an finanziellen Mitteln“, sagt sie. Denn es brauche ein gut überlegtes Konzept und geschulte Leute für entsprechende Angebote. „Die Musik, das Licht, eine Bewegung können etwas auslösen bei den Menschen, das Trauma aufbrechen. Dann braucht es jemanden, der die Reaktionen versteht und entsprechend darauf eingeht.“ So wie in Bobenheim-Roxheim, als die Darstellung des Fluchtwegs abgebrochen werden musste. Beim Caritas-Workshop war jedoch nicht alles ernst. Locker ging es beispielsweise zu, als die Kinder einfach spielen sollten. Für Catarata bemerkenswert: „Es gibt Spiele, die universell sind.“ Bikla-bikla heißt so ein Spiel, das auf den Schulhöfen seiner Heimat genauso funktioniere wie im Nahen Osten oder in Bobenheim-Roxheim: „Himmel und Hölle“. Dabei werden mit Kreide Kästchen auf den Boden gemalt. Die Kinder müssen diese nach bestimmten Regeln auf einem Bein durchhüpfen. Neben Theaterübungen, Spiel und Spaß seien die Flüchtlinge auch über Kinderrechte in Deutschland aufgeklärt worden. „Die gewaltfreie Erziehung ist vielen unbekannt“, sagt Catarata. Deshalb habe er mit ihnen geübt, Nein zu sagen. Als es darum ging, ihre Wünsche für die Zukunft auszudrücken, habe die Antwort aller Kinder gleich gelautet, berichtet Jack Catarata: in Deutschland bleiben zu dürfen. Sein Fazit der zwei Tage in Bobenheim-Roxheim: „Die Kinder brauchen einen Rahmen, in dem sie ihre Erfahrungen verarbeiten können. Und sie müssen die Chance bekommen, Kind sein zu dürfen.“

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