Pirmasens
Zuschauen beim Kaiserschnitt: Kein Blutbad, sondern wichtig für Eltern und Baby
Es ist ein magischer Moment: Nach den Strapazen einer natürlichen Geburt ist das Baby endlich da. Die Hebamme legt der Mutter das Kind auf die Brust, und dann ziehen sich die Helfer erst mal zurück. Für die Untersuchung des Babys, Waschen und die Versorgung der Mutter bleibt – wenn alles gut gegangen ist – später Zeit genug. Erst einmal dürfen die Eltern und ihr Kleines zur Ruhe kommen. Diese ersten Minuten sind kostbar und wichtig für den Bindungsaufbau, sagt Gerald Staudenmaier, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe im Städtischen Krankenhaus in Pirmasens.
Nur: Bei einem Kaiserschnitt läuft es gar nicht so. Die Mutter ist zwar bei Bewusstsein, sieht aber durch den Sichtschutz bei der OP das Kind nicht. Oft wird es den Eltern nach der Geburt kurz gezeigt und dann gleich zur Untersuchung zum Kinderarzt nach draußen gebracht. Die dauert zwar in der Regel nur ein paar Minuten, dennoch kämpfen Eltern mit einem Gefühl der Leere, wenn sie allein im OP zurückbleiben, erzählt der Chefarzt. Schlimmer noch: Manche psychisch vorbelastete Menschen hätten ihr Baby nicht annehmen wollen, als die Pfleger es zurückbrachten. „Die sagen dann im Extremfall, das ist nicht mein Kind.“
Sehen, wie das Baby aus dem Bauch geholt wird
Diesen Stress will das Städtische Krankenhaus werdenden Eltern nun nehmen – falls diese das wünschen. Denn es gibt seit Kurzem die Möglichkeit einer Kaisergeburt in Pirmasens. Diese Methode hat Staudenmaier, der Anfang des Jahres die Gynäkologie übernahm, von seiner vorherigen Arbeitsstelle im Neustadter Hetzelstift mitgebracht. Es ist ein Kaiserschnitt, bei dem im Grunde nur eine Winzigkeit verändert wird: Sobald alles bereit ist, wird der Sichtschutz beiseite geschoben und der Kopf der Frau angehoben.
So können die Eltern beobachten, wie der Chefarzt das Baby aus dem Bauch holt. „Dann sehen sie, wie ich das Baby der Hebamme gebe, die Hebamme kommt noch zu ihnen – und erst danach geht es zum Kinderarzt. Die Eltern können das Baby sehen, es anfassen und kurzen Hautkontakt haben.“
Kein blutiger Gruselmoment
Bilder vom aufgeklappten Bauch, Blut und Organen, die manch einer nun vor sich sieht, gehen an der Realität weit vorbei, sagt Staudenmaier. „Sie sehen nicht in den Bauch – und auch Ihr Partner nicht.“ Bei der Operation macht er einen Querschnitt in den Unterbauch, der groß genug ist für den Kopf des Babys, etwa acht bis zehn Zentimeter. Auch die Gebärmutter wird eingeschnitten. Ein weiterer Arzt übt von oben Druck auf den Bauch aus, sodass das Köpfchen des Kindes durch die Öffnung im Bauch geschoben wird. Sobald Staudenmaier sicher ist, dass alles vorbereitet ist, wird der Sichtschutz entfernt, damit die Eltern freie Sicht haben.
Die neue Methode zielt auf einen psychologischen Effekt für die Eltern ab. „Fürs Baby ist das völlig wurscht“, meint der Chefarzt. Wichtig sei, dass das Krankenhaus damit keinesfalls die Kaiserschnittrate erhöhen will. „Das ist kein Baby-TV. Wir machen Kaiserschnitte, wenn sie medizinisch indiziert sind oder die Frauen eine normale Geburt ablehnen.“ Mit Blick auf die Gesundheit des Babys sei eine Geburt auf natürlichem Wege klar vorzuziehen. In der Vergangenheit gab es Kritik an der Kaisergeburt: Manche Ärzte befürchteten, man mache damit Kaiserschnitte hoffähig oder bediene ein Sensationsbedürfnis.
Knapp 800 Geburten zählt das Städtische Krankenhaus pro Jahr, rund 30 Prozent per Kaiserschnitt. Diese Quote entspricht dem bundesweiten Durchschnitt. Obwohl deutschlandweit im vergangenen Jahr so wenig Kinder geboren wurden wie zuletzt 1964, verzeichnete Pirmasens ein paar Geburten mehr als 2024. „Das Einzugsgebiet ist relativ groß, das ist gut. Und ich denke, alle unsere Maßnahmen zusammengenommen werden dafür sorgen, dass wir weiterhin positive Zahlen haben“, sagt der 56-Jährige.
Eltern erleben Geburt ganz anders
Die Kaisergeburt wurde in Deutschland zuerst vor über zehn Jahren bei der Berliner Charité erprobt – gegen einige Widerstände, berichtet Staudenmaier. In Neustadt, wo der Gynäkologe 21 Jahre lang arbeitete, führte man diese Variante des Kaiserschnitts 2018 ein. „Das hat mich total überzeugt.“ Sowohl in der Vorderpfalz als auch jetzt in Pirmasens berichteten Patienten im Vorfeld von einer „traumatischen ersten Kaiserschnitt-Entbindung, weil sie einfach das Baby gar nicht gesehen haben.“
Ende März kam dann das erste Pirmasenser Baby per Kaisergeburt auf die Welt. Seine Eltern zogen ein positives Fazit und lobten, wie nah und persönlich sich die Geburt angefühlt habe. „Im Grunde imitiert man eine natürliche Geburt – ohne diese verniedlichen zu wollen“, meint der Chefarzt.
Inzwischen haben sich rund zehn Eltern für die neue Variante entschieden. „Ich finde es bemerkenswert, wie anders die Eltern diese Geburten erleben“, sagt Staudenmaier. Die Hebammen stellen die Kaisergeburt den Eltern bei der Beratung zur Geburtsplanung vor. „Man muss die Leute gut informieren, und die Entscheidung liegt am Ende bei den Eltern.“ Staudenmaier ist überzeugt, dass das visuelle Erleben der Geburt die Eltern-Kind-Bindung stärkt.
