Interview
Wolfgang Kubicki verrät, warum er am Wahlabend auf jeden Fall ein Glas Wein trinken wird
Wie schätzen Sie die Chancen der FDP bei der Landtagswahl ein?
Ich glaube nach wie vor an den Erfolg der Partei. Ich könnte mein Leben auch anders gestalten, deswegen kämpfe ich auch nicht für eine aussichtslose Sache. Ich glaube, dass wir eine große Chance haben.
Die Umfragen sagen etwas anderes.
Ich war in den letzten Tagen viel in Deutschland unterwegs. Ich habe immer wieder gehört, dass man das Ergebnis in Baden Württemberg so nicht erwartet hat und auch nicht wollte. Und die Aussage von Friedrich Merz, die FDP sei tot, motiviert selbst den letzten bei uns, sich richtig anzustrengen.
Die FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner hat gesagt, wenn die FDP aus dem baden-württembergischen Landtag fliegt, rasiert sie sich die Haare ab. Was tun sie, falls die FDP es nicht mehr in den rheinland-pfälzischen Landtag schafft?
Abgesehen davon, dass ich das nicht glaube, werde ich dann einen rheinhessischen Wein trinken.
Das ist doch keine Strafe, oder?
Ganz im Gegenteil. Ich bin seit 2018 Träger des Weinkulturpreises der Stadt Alzey.
Was trinken Sie, wenn die FDP einzieht?
Auch Wein. Ich muss sagen, dass ich für deutschen Wein werbe. Vielen Winzern geht es momentan nicht gut, auch weil ihnen der Wettbewerb in Deutschland unnötig schwer gemacht wird. Das Einzige, was wir darüber hinaus tun können, um ihnen wirklich zu helfen, ist, mehr deutschen Wein zu trinken. Ich finde, Genuss ist etwas, das im Leben notwendig ist. Ich habe Verständnis für Leute wie Karl Lauterbach, die keinen Alkohol trinken, aber sie sollen den anderen Leuten den Genuss nicht verleiden.
Bei der Wahl wird es für die FDP auch darum gehen, junge Wähler anzusprechen. Welche Themen sind aus Ihrer Sicht für diese Zielgruppe besonders wichtig?
Der Staat und wir als Freie Demokraten müssen dafür sorgen, dass das Bildungsniveau wieder steigt, damit die Menschen alle Möglichkeiten bekommen, ihr Leben selbst gestalten zu können und dass darauf aufbauend auch eine gewisse Planbarkeit des eigenen Lebens möglich ist. Dass man weiß, man kann aus seinem Leben das Beste machen, durch eigene Hände Arbeit. Meine Empfehlung an jedem jungen Menschen lautet, eine Ausbildung zu beenden. Bedauerlicherweise sehen wir ja, dass gerade auch in der Politik viele Menschen große Reden schwingen, ohne dass sie entsprechenden Hintergrund haben.
Deutschland diskutiert derzeit über ein Social-Media-Verbot für junge Menschen.
Ich halte ein Social-Media-Verbot für extrem kontraproduktiv. Wenn 14-Jährige ihr Geschlecht oder ihren Glauben selbst bestimmen können, dann können sie auch mit Social Media umgehen. Abgesehen davon, geht das den Staat nichts an. Das ist Aufgabe der Eltern. Die haben die Erziehungsaufgabe für ihre Kinder.
Das Bildungssystem in Rheinland-Pfalz steht immer wieder in der Kritik. Wie würden Sie die Bildungschancen für alle Kinder verbessern?
Aufgrund meines Alters bin ich da relativ weit weg. Aber ich kriege natürlich ein bisschen was mit.
Was?
Ich wundere mich, dass die Schulen noch genauso aussehen wie vor 30, 40 Jahren. Auch die Ausstattung hat sich nur unwesentlich verbessert. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber die überwiegende Anzahl von Schulen, die ich besucht habe in den letzten zwei Jahren, haben mich angesichts des Anspruchs von Deutschland, die drittstärkste Industrienation der Welt zu sein, doch ziemlich erschreckt.
Kommt es nur darauf an?
Nein. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Schüler, die eingeschult werden, alle ausreichend gut deutsch sprechen, weil wir den Kindern keinen Gefallen tun, wenn sie im Unterricht nicht mitkommen und der Gesellschaft insgesamt keinen Gefallen tun. Wir müssen darauf achten, dass sich das Leistungsniveau nach oben orientiert und nicht nach unten anpasst.
Wie sieht es bei den Lehrern aus?
Wir müssen an der Lehrerausbildung arbeiten und die Motivation vieler Lehrer fördern. Wir müssen diejenigen, die motiviert in den Unterricht gehen, auch mal materiell belohnen.
In Pirmasens gilt eine landesweit einmalige Zuzugssperre für Flüchtlinge. Aktuell gibt es viele Diskussionen über das Thema Migration und Integration. Was ist Ihr Ansatz für eine erfolgreiche Integrationspolitik?
Wenn Sie beispielsweise zwei Jahre auf einen Sprachkurs warten müssen, können Sie keine vernünftige Integration leisten. Aber es kommt natürlich nicht überall gleichermaßen auf die Sprache an.
Wie meinen Sie das?
Das klingt vielleicht komisch, aber wenn Sie als spanische Pflegekraft einwandern, die sich insbesondere um Demenzkranke kümmert, brauchen Sie keine B2-Bescheinigung, was ihre Deutschkenntnisse betrifft. Da zählt vielmehr die menschliche Zuwendung, nicht, ob ich in flüssiger Sprache Schiller und Goethe verarbeiten kann. Es geht darum, dass ich mich mit den Demenzkranken unterhalten kann.
Zur Person
Wolfgang Kubicki (74) gilt als eines der bekanntesten Gesichter der FDP in ganz Deutschland. Er war lange Jahre Abgeordneter im Bundestag und im Landtag Schleswig-Holsteins. Kubicki, der als Freund klarer Worte gilt, war von 2017 bis 2025 Vizepräsident des Deutschen Bundestags. Er wohnt in der Nähe von Kiel und ist stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP.
