Interview „Wir erleiden nicht nur einen materiellen Verlust“

Tim Ganter
Tim Ganter
Das Intensivtheater hat junge Menschen mit ganz unterschiedlichen künstlerischen Erfahrungen vereint. Mit einem Stevie-Wonder-Tr
Das Intensivtheater hat junge Menschen mit ganz unterschiedlichen künstlerischen Erfahrungen vereint. Mit einem Stevie-Wonder-Tribute (Foto) gastierte die Truppe im Januar vergangenen Jahres in der Alten Post in Pirmasens.

Der Pirmasenser Tim Ganter will sein Intensivtheater angesichts der Corona-Krise unter anderem durch Streaming-Produktionen breiter aufstellen. Um diese konzeptionelle Neuausrichtung deutlich zu machen, firmiert er jetzt unter „Amata“. Was konkret darunter zu verstehen ist und wie es mit dem Theaterspielen weitergeht, hat er Christian Hanelt im Interview erzählt.

Wie beurteilen Sie als Mann des Theaters den erneuten Lockdown für die Kultur?
Ich sehe das zwiegespalten. Es ist natürlich nicht begreifbar, warum einer kompletten Branche samt zugehöriger Dienstleister nun schon seit Monaten die Erwerbstätigkeit versagt und sie gleichzeitig nicht mit adäquaten finanziellen Hilfen bedacht wird. An der Stelle bin ich erstaunt darüber, dass offenbar nur wenig unterschieden wird zwischen „Erhalten“ – also künstlerische Produktivität fördern – und „Überleben“ – also an die staatliche Grundsicherung verwiesen zu werden. Vielleicht verstehe ich das nicht, weil ich noch nie Zweifel daran hatte, dass die Ausübung und Wahrnehmung von Kunst und Kultur nicht nur systemrelevant sondern überlebenswichtig sind. Unabhängig davon provozieren der Lockdown und seine ungewöhnlichen Bedingungen eine gewisse Kreativität in mir, nämlich Antworten auf die Frage, wie wir diese Zeit mit konstruktiver Kritik überstehen und fehlerhafte Umstände ständig berechtigten Bedürfnissen anpassen können, aber vor allem: wie wir inhaltlich-künstlerisch darauf antworten können.

Welche konkreten Auswirkungen hatte der Lockdown im Frühjahr auf das Intensivtheater?
Das Intensivtheater hat sich in diesem Jahr sehr verändert. Durch die Krise, aber auch aus persönlichen Gründen. Jenny Theobald und ich hatten das Theater vor vier Jahren gemeinsam gegründet. Seitdem haben wir wahnsinnig viel gemeinsam erlebt und gestaltet. Trotzdem hatten wir uns diesen Sommer dazu entschlossen, eigene Wege zu gehen. In unserer Branche ist das nichts Unübliches, und ich würde auch niemals ausschließen, dass wir uns in Zukunft nicht wieder zusammenfinden, um gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen. Unabhängig davon werde ich das Intensivtheater weiterführen und dabei grundsätzlich umdenken: Ich habe Ideen für neue Formate, ich will ungewöhnliche Konzepte entwickeln und kreative Kräfte nutzen, um Neues zu finden – für Kulturgenießer und vor allem auch für Kulturschaffende untereinander.

Hat das Intensivtheater während des ersten Lockdowns staatliche Hilfen erhalten?
Den erlittenen Verlust – und der lässt sich nicht nur materiell beziffern – hätte ich allein mit den staatlichen Hilfen nicht auffangen können. Weiterhin steckt in dem Unternehmen unermesslich viel Idealismus und der ist, vor allem in Zeiten wie diesen, teuer zu bezahlen. Ich habe im Sommer sehr viele Förderanträge für projektbezogene Bundesmittel abgeschickt – jetzt kommen die ersten Bewilligungen zurück und das ermöglicht mir den kulturellen Neustart.

Haben Sie im Sommer dann noch einige Auftritte realisieren können?
Nach der Gala-Aufführung in Pirmasens im Januar hatten wir noch ein Konzert in einem Kino im Saarland gespielt, danach war Schluss. Die geplanten Shows an Ostern im Festspielhaus Neuschwanstein waren greifbar nahe, wurden uns aber letztlich abgesagt. Also mussten wir uns eine Alternative überlegen und hatten dann die Idee, unsere Musical-Gala über das Internet zu streamen. Mit großem Erfolg und einer wahnsinnigen Reichweite hatten wir die Show im Juni live übertragen. Das hat mich ermutigt, weitere Shows von anderen Künstlern während der Kontaktbeschränkungen über die sozialen Medien öffentlich zugänglich zu machen.

Was werden Sie bei diesen Streaming-Produktionen anbieten?
Schon im Sommer hatte ich mit Kollegen der Event Group Germany und dem Format „Kulturstream“ 17 Live-Streams produziert und nun planen wir für den Dezember eine Fortsetzung mit weiteren sieben Streams. Kulturstream 2.0 aus der Reithalle Neunkirchen startet am Nikolaustag und wird unterstützt von der Kulturgesellschaft Neunkirchen und gefördert vom Bundesverband Soziokultur.

Sie sagen „Wir wollen die grenzenlosen Gestaltungsmöglichkeiten der Kunst und Kultur nutzen, um uns selbst zu finden“. Was bedeutet das konkret?
Neben den Online-Streams möchte ich auch, sobald wieder sinnvoll durchführbar, Live-Shows veranstalten. Dazu liegen mehrere Projekt in der Schublade. Bis dahin starte ich das Projekt „AmataWiki“, eine Plattform zur Vernetzung von Kulturschaffenden und zum Stöbern für Kulturinteressierte nach neuen Gruppen und Akteuren. Es gibt so viele geniale Kollektive, die aber vielleicht keine Website besitzen, keine Budgets für Marketing und von denen man vielleicht niemals erfahren würde. Ich finde, es muss einen Ort geben, an dem sie sich präsentieren können, an dem sie vielleicht sogar digital aufführen können. Nächsten Monat beginne ich zudem ein vom Fonds Darstellende Künste gefördertes Web Art Projekt mit dem Titel „Corona-Code“, indem ich mich auf die Suche nach einer digitalen Kunstsprache für das Coronavirus und die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie begebe.

War dazu die Namensänderung notwendig? Der Name „Intensivtheater“ war doch in der Szene gut eingeführt.
Intensivtheater und alles, was unsere Gäste darunter verstehen, wird ein Teil von Amata bleiben und hoffentlich sehr bald wieder Menschen verzaubern können. Aber sind wir mal ehrlich: Dem Kerngedanken von Intensivtheater, möglichst alle Sinne unserer Gäste anzusprechen und ein hautnahes, intensives Erlebnis zu schaffen, können wir momentan unmöglich gerecht werden. Ich hätte es als nicht authentisch empfunden, der Situation nicht auch begrifflich gerecht zu werden.

Bedeutet der Verzicht auf den Namensteil „Theater“, dass Sie nicht mehr auf die Theaterbühne zurückkehren wollen?
Ich möchte so schnell auf die Theaterbühne zurückkehren, wie es nur geht. Die sprachliche Loslösung vom konzeptionellen Mittelpunkt „Theater“ bedeutet für mich vor allem eine inhaltliche Erweiterung und die Bereitschaft zur Kalibrierung auf das Neue.

Was bedeutet der Name „Amata“?
Amateur und Amata haben mit dem lateinischen Wort für „lieben“ (amare) dieselbe Herkunft. Amata bedeutet „die Geliebte“ und verkörpert die Materie, um die es geht: unsere geliebten Künste. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kunst im Beruf oder aus Liebhaberei ausgeübt wird. Das ist gleichsam unsere Philosophie: Wir lieben es, künstlerisch und kreativ zu sein und dabei Liebhaber von Kunst und Kultur zusammenzubringen.

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