Pirmasens
Wie steht es um die Psyche Pirmasenser Schüler?
In den vergangenen Jahren wurde viel über die Leistungen deutscher Schüler diskutiert. Die Schüler hinkten im europäischen Vergleich teils hinterher. Nach der Bundesschülerkonferenz (BSK) rückte ein anderer Punkt in den Fokus der Debatte: Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther (63), und der frühere Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz sowie Bundesschülersprecher Quentin Gärtner (18) sagten, die psychische Gesundheit und die mentale Verfassung deutscher Schüler seien so schlecht wie nie zuvor. Gärtner sagte, Deutschland befinde sich „in einer tiefen Krise der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“. Gärtner und Hüther warnten vor den Folgen. Mit einer Verbesserung der Situation ließen sich „erhebliche volkswirtschaftliche Kosten einsparen“, sagte Gärtner. Hüther nannte das Thema eine Debatte von „ökonomisch hoher Bedeutung“.
Doch wie ist die Lage in Pirmasens? Beatrix Spang und Susanne Stork sind Schulpsychologinnen am Pädagogischen Landesinstitut und arbeiten im Schulpsychologischen Beratungszentrum (SPBZ). Sie kennen die Lage an den Pirmasenser Schulen gut. Beide berichten, die Sensibilität für das Thema habe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Das Land Rheinland-Pfalz erhebe aus der Gesamtstatistik der Schulpsychologie jedoch „keine spezifischen Angaben zu psychischen und mentalen Problemen“. Stattdessen werde „nach verschiedenen Kriterien differenziert“.
Lange Wartezeiten bei Therapeuten
„Auffälliges Verhalten“ sei seit Jahren der häufigste Anmeldeanlass beim SPBZ, das für rund 90 Schulen zuständig ist. Nach Einschätzung von Spang und Stork werden vor allem unentschuldigtes Fehlen („Schulabsentismus“) und die wachsende „Heterogenität in den Klassen“ – etwa bei Leistungen, sozialen Fähigkeiten, Verhaltensproblemen und Belastbarkeit – immer bedeutsamer. Sie berichten von langen Wartezeiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie bei Kinder- und Jugendtherapeuten. Die Gründe seien vielfältig. Beobachtet habe man jedoch, dass es infolge der Corona-Pandemie zunächst zu einem Anstieg psychischer Belastungen und psychosomatischer Beschwerden gekommen sei.
Dieser Trend habe sich inzwischen abgeschwächt. Dennoch sei das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen nach der Pandemie schlechter als davor, betonen Spang und Stork. Zu diesem Schluss kämen zahlreiche Studien, zum Beispiel der „Präventionsradar 2025“. Weitere globale Krisen nach Corona weckten Ängste bei vielen jungen Menschen. Die soziale und sozioökonomische Lage spiele eine große Rolle: Wer über stabile soziale und familiäre Ressourcen verfüge, sich unterstütze und vom Umfeld verstanden fühle, habe bessere Voraussetzungen für psychische Gesundheit und blicke optimistischer in die Zukunft, betonen die Schulpsychologinnen.
Fehldiagnosen von selbst ernannten Experten
Erste Anzeichen einer psychischen Überlastung seien Erschöpfung, Appetitverlust oder -zunahme, Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit sowie Schlafstörungen. Das könne das kognitive Leistungsvermögen beeinträchtigen. Auch Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität, Gedächtnis- und Lernprobleme sowie das Gefühl von Sinnlosigkeit könnten auftreten. Hinzu kämen Stimmungsschwankungen, Ängste, Wut, Hilflosigkeit und das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. In schweren Fällen könne sich das im Verhalten zeigen – in Form von Rückzug, Aggression, Selbstverletzung, verstärktem Medienkonsum bis hin zu Suchtverhalten oder Drogenkonsum.
Die Rolle sozialer Medien sei erheblich. Viele Jugendliche informierten sich über Instagram, TikTok und andere Plattformen über psychische Gesundheit – teils ausschließlich dort. Dort gebe es durchaus medizinisch fundierte Inhalte. Allerdings seien sie für Jugendliche schwer von „unzähligen Videos und Texten“ zu unterscheiden, die häufig von selbst ernannten Experten stammten und pseudowissenschaftliche oder falsche Inhalte verbreiteten, erklären Spang und Stork. Selbstdiagnosen führten dann schnell zu Fehldiagnosen. Bei ernsthaften Symptomen einer psychischen Erkrankung sollten Betroffene und Eltern professionelle Hilfe suchen, appellieren beide.
Gesundes Klassenklima wichtig
Ziel der Schulpsychologie sei es, betroffene Schülerinnen und Schüler individuell zu unterstützen und vorhandene Potenziale zu stärken. Den Familien würden Kontakte zu Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie zu Einrichtungen der Jugendhilfe vermittelt. Beratungstermine könnten telefonisch vereinbart werden.
In den Schulen seien ein gutes Klassenklima und ein konstruktives Miteinander entscheidend. Soziales Lernen, Gewaltprävention und Resilienzförderung müssten fest im Schulalltag verankert sein. Bis 2028 müsse jede Schule ein „Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt und andere Gewaltformen“ vorlegen. Spang und Stork betonen, es gebe einen deutlichen Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und Schulleistungen – mit Folgen für die Zukunft junger Menschen. Gute Bildung sei weiterhin die beste Voraussetzung für einen qualifizierten Berufseinstieg – und damit langfristig auch für die Volkswirtschaft.


