Pirmasens
Wie sich Heimat verändert und warum Streiten wichtig ist
Was bedeutet für Sie Heimat? Das wollte die Gesprächsrunde der Schriftstellervereinigung PEN Berlin im Forum Alte Post in Pirmasens von den Gästen wissen. Der Saal war voll, und schnell entspann sich eine tiefgründige Diskussion, die eine breite Palette an Emotionen abdeckte – Ängste, Sorgen aber auch große Freude und das Gefühl von Zugehörigkeit.
„Ist das noch/schon mein Land? Reden wir über Heimat.“ Unter diesem Motto gingen Autorin Lucy Fricke und Sportjournalist Marcel Reif mit dem Publikum ins Gespräch, moderiert von Mladen Gladić, Journalist bei der Welt und in Pirmasens aufgewachsen.
In der Ferne die Heimat entdeckt
Früher habe sie oft mit Deutschland gehadert, so Fricke. Erst in der Ferne, als sie in Kyoto und Istanbul lebte, habe sie das Deutschsein zu schätzen gelernt und verstanden, dass das, was an Deutschland toll sei – Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit – nicht selbstverständlich sei. Damit gehe eine Verpflichtung einher, die Heimat selbst mitzugestalten: „Heimat ist etwas, das man machen muss.“
Für Marcel Reif, der an vielen Orten gelebt hat, ist Heimat vor allem ein Gefühl. „Ich habe Heimat nie verortet, sonst wäre ich ja ständig entwurzelt worden“, sagt er. Heimat sei für ihn die Geborgenheit, die er in seiner Kindheit in Kaiserslautern erlebt habe. Er bekomme Tränen der Rührung in die Augen, wenn er das Pfalzlied höre – so wie wenige Minuten zuvor, als der Kaiserslauterer Autor Christian Baron das Lied schmetterte.
Keine behütete Kindheit
Eine behütete Kindheit hatte Lucy Fricke nicht. Sie wuchs in einem sozialen Brennpunkt im Hamburger Osten auf. Ihre Mutter habe einen argentinischen Partner gehabt, was sie zur Zielscheibe von Neonazis gemacht habe. Schon als Kind sei sie auf dem Schulweg verprügelt worden. „Seither habe ich eine Urangst vor Rechtsextremen.“ Hamburg als Heimat zu sehen, sei ihr lange schwer gefallen.
Reifs behütete Kindheit sei möglich gewesen, weil sein Vater, ein galizischer Jude, nie über sein Schicksal während der NS-Diktatur gesprochen habe: „Dadurch bin ich sorglos im Land der Täter aufgewachsen“, sagt Reif. Heute gibt er eine Botschaft weiter, die ihm sein Vater eindringlich mit auf den Weg gegeben habe: „Sei ein Mensch.“ So einfach dieser Satz klinge, so schwer sei es, ihm gerecht zu werden.
Angst vor veränderter Heimat
Wer sich ohne Heimat fühle, sei im freien Fall, umreißt Fricke. Doch Heimat verändert sich. Davon, dass dieser Prozess Angst auslösen kann, berichtet eine Zuhörerin. Sie wohne in Saarbrücken und fühle sich dort selbst tagsüber nicht mehr sicher, weil viele Menschen, denen sie auf der Straße begegne, arabisch-stämmig aussähen. Sie schäme sich selbst für diese Gedanken, habe jedoch das Gefühl, durch diese Veränderung ihre eigene Heimat zu verlieren.
Genau darüber müsse man offen diskutieren, betont Reif. Es sei wichtig, sich den Themen politisch zu stellen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Er hält es für falsch, alle AfD-Wähler als Nazis abzustempeln. Miteinander zu diskutieren, sich auch einmal zu streiten, von Angesicht zu Angesicht, sei für eine Gesellschaft enorm wichtig. Eine große Gefahr liege in den „sozialen Medien“, die in Wahrheit asoziales Verhalten beförderten. Wie rau der Umgangston dort ist, schildert ein Gymnasiast: „Es gilt das Prinzip: Wer am lautesten schreit, hat recht.“
Doch auch das miteinander Reden sei mittlerweile extrem schwer, merkt ein Zuhörer an. Anstatt auf Fakten werde bei der AfD auf gefühlte Wahrheiten vertraut, sodass es keine gemeinsame Basis für einen Austausch gebe.
Orte, um miteinander ins Gespräch zu kommen
Orte, an denen die Menschen miteinander ins Gespräch kämen, wie Stammtische, Cafés und Kneipen, könnten helfen. „Aber wir müssen auch hingehen, sonst verschwinden sie“, betonen Fricke und Reif. Das allein reiche jedoch nicht, da es vor allem für arme Menschen schwer sei, an der Gesellschaft teilzuhaben, schildert Christian Baron.
Diese Räume für einen kostenfreien Austausch will die PEN Berlin mit ihrer Gesprächsreihe deutschlandweit bieten. Wichtig dabei: „Meinungsfreiheit umfasst auch vieles, was wehtut“, so Deniz Yücel, Journalist und PEN Berlin Vorsitzender.