Pirmasens
Warum eine Pirmasenserin philosophische Diskurse in einem französischen Schloss führt
Circa 1200 Kilometer von Pirmasens entfernt führt Elke Jeanrond-Premauer ein Haus, das aus dem Zeitgeist fällt. Dort, nahe Béarn des Gaves im Südwesten Frankreichs, geht es der ehemaligen Redakteurin längst nicht mehr um Information, sondern vielmehr darum, in die Tiefe zu denken, um Dinge neu zu erkennen und zu ordnen. „Ich möchte die Kraft der kleinen Kreise nutzen“, erklärt sie. So seien die „Denkwochen“ entstanden, ein Projekt, das sie vor mehr als 20 Jahren ins Leben gerufen hat und für das sie 2013 mit dem Europäischen Bürgerschaftspreis ausgezeichnet wurde.
Ihre berufliche Karriere begann Jeanrond-Premauer 1971 mit einem Praktikum bei der Tageszeitung DIE RHEINPFALZ, damals, als die Redaktionsräume noch in der Hauptstraße waren, gegenüber des damaligen Kaufhauses Merkur. Nach ihrem Abitur am Hugo-Ball-Gymnasium, das sich zu der Zeit noch Neusprachliches Gymnasium nannte, ging sie nach Köln zur Journalistenschule, danach nach München, wo sie Kommunikationswissenschaft, Amerikanistik und Germanistik studierte, ihren Mann kennenlernte und zwei Kinder bekam.
Hörfunkjournalistin beim Bayerischen Rundfunk
Die Lust an der Kommunikation blieb. Die junge Frau sprudelte nur so vor Ideen. Nach einem Praktikum beim Bayerischen Rundfunk wurde sie Freie Mitarbeiterin. Als ihre Familie nach Berlin umgezogen war, begann sie, Dokumentarfilme und Reportagen zu drehen. In den 1990er-Jahren erhielt Jeanrond-Premauer eine Festanstellung als Hörfunkjournalistin beim Bayerischen Rundfunk, hat Sendungen moderiert, eine Jugendsendung und den Familienfunk geleitet.
„Gesellschaftliche Entwicklungen, Kultur, Soziales sowie auch die Wirtschaft haben mich immer brennend interessiert“, betont sie. Kein Wunder also, dass Sendungen wie „Die versteckte Kamera“ sie nicht zufrieden stellen konnten. Irgendwann kündigte sie, wollte nicht mehr zur Informationsflut beitragen, in der alle navigieren und zu ertrinken drohen. Sie wollte Menschen zusammenbringen und profund Argumente betrachten. So sind die „Denkwochen“ entstanden.
Jakobsweg führt an der Tür vorbei
„Es ist notwendig, dass wir uns in anderer Form um die Fragen kümmern, die uns umtreiben“, erklärt die gebürtige Pirmasenserin. Nämlich in kleinen Kreisen. Genau das wollte sie an einem festen Ort realisieren und nicht mit einem Köfferchen in der Hand. „Ich habe ein Haus gefunden, so wie ich sie als Kind gemalt habe“, erzählt sie. Mit abgeflachtem Dach, einem kleinen Balkon und einem Garten davor. Allerdings wurde es ihr vor der Nase weggeschnappt.
Aber so sei sie mit ihrem Mann Tobias Premauer auf eine Gegend aufmerksam geworden, die es ihr mit großer Vielfalt und kultureller Tradition gleich angetan hatte. Henry IV. sei dort geboren, seine Mutter Jeanne d’Albret, eine streitbare Protestantin, habe dort gelebt sowie auch der Soziologe Pierre Bourdieu. Außerdem führe der Jakobsweg direkt vor ihrer Tür vorbei und auch das ehemalige Lager Gurs sei nicht weit entfernt. Dass dort auch Hannah Arendt interniert gewesen sei, erwähnt sie berührt. Sie bewundere die Publizistin und Philosophin.
Im Fokus die deutsch-französische Freundschaft
Nachdem sie sich mit Gurs intensiver beschäftigt hatte, erfuhr sie, dass auch viele Pirmasenser dorthin gebracht worden waren. „Dass ich das früher alles nicht gewusst habe, nagt an mir“, erzählt Elke Jeanrond-Premauer. In der Pirmasenser Kirchbergstraße, ein paar Häuser weiter von ihrem früheren Wohnort, habe Johanna Dreifuß gewohnt, die auch im Internierungslager Gurs gestorben sei. Ihre Heimatstadt habe sie danach mit anderen Augen gesehen.
Im Château d’Orion geht es aber nicht nur um „Denkwochen“, sondern um die deutsch-französische Freundschaft, die Kulturlandschaft der Umgebung und darum, Menschen zusammenzubringen. Das Schloss selbst sei ein kulturelles Erbe und dieser Verantwortung stelle sie sich mit ihrem Mann. Durch das Paar wurde der Prachtbau zum Veranstaltungsort für philosophische Diskurse, Literatur und Gesellschaftspolitik. Auch Konzerte gibt es im Château, das selbst eine wahre Schatztruhe an Geschichten und Inhalten sei, wie Elke Jeanrond-Premauer betont.
Über die Entwicklung von Pirmasens freut sie sich sehr – besonders, dass die schönen Räume der Alten Post als kultureller Ort herausgeputzt wurden. Das bedeutet ihr viel. Die Dauerausstellung zu Heinrich Bürkel sei toll gemacht und auch das Hugo-Ball-Kabinett gefällt der Pirmasenserin, die immer wieder in die Heimat zurückkehrt, um Freunde und Familie zu besuchen. Und den Pfälzerwald, den hat sie bis heute in der Nase. „Wenn ich woanders annähernd diesen Geruch wahrnehme, werde ich ganz glücklich“, beschreibt sie.