Pirmasens
Volksaufstand oder inszenierter Terror? Neue Erkenntnisse zum Separatisten-Massaker
Im Jahrbuch des Historischen Vereins hat Brendel seinen gut recherchierten Text über die wahren Hintermänner des jahrzehntelang als Volksaufstand der Pirmasenser bemäntelten Massakers veröffentlicht. „Für meinen Opa war das immer ein Riesenthema“, nennt Brendel den Hauptgrund für seine Recherchen zu den Vorgängen kurz vor dem Brand des Bezirksamts, bei dem 22 Menschen starben – 15 Separatisten und sieben Angreifer. Mit dem Fanal in Pirmasens endete die Separatistenzeit in der Pfalz. Bis nach London berichteten Zeitungen über die Vorgänge in der Bahnhofstraße. In der Folge wurde der Tag von den Nazis als Heldentat glorifiziert, die Bahnhofstraße gar in „Straße des 12. Februar“ umbenannt, wie Brendel bei seinen Recherchen feststellen konnte. Dieser Mythos vom angeblich spontanen Volksaufstand hielt sich auch lange nach dem Zweiten Weltkrieg noch. Ein früherer Oberbürgermeister redete vor wenigen Jahren noch von den Ereignissen als Beweis für den „Selbstbehauptungswillen“ der Pirmasenser. „Bis zum heutigen Tag ist das in den Pirmasensern drin“, konnte auch Brendel beobachten.
Auf die richtige Spur zu den wahren Hintermännern des Massakers sei er durch ein Buch über Konrad Adenauer gekommen. Der war zu der Zeit in Köln Oberbürgermeister und hatte mit den auch dort aufkommenden Separatisten seine liebe Not. Ein weiteres wichtiges Buch sei „Die Geächteten“ von dem Rechtsterroristen und Schriftsteller Ernst von Salomon gewesen. „Danach war für mich klar, dass in Pirmasens noch andere beteiligt waren“, erzählt Brendel von seinen Recherchen.
Nazigrößen waren mit dabei
Die führten ihn letztlich zu der legendären „Organisation Consul“ (O.C.) des Münchner Freikorps von Kapitän Hermann Ehrhardt. 1924 war O.C. zwar schon verboten, lebte aber als „Wiking“ noch weiter und die Mitglieder waren fleißig in der „Haupthilfstelle für die Pfalz“ in Heidelberg aktiv gegen die Separatisten. „Da ist alles ausgeheckt worden“, ist sich Brendel sicher. Geleitet wurde die Haupthilfstelle von August Ritter von Eberlein, ein früherer Direktor der Höheren Töchterschule in Pirmasens, dem späteren Hugo-Ball-Gymnasium. Von den Franzosen als Kriegsverbrecher gesucht, hatte sich Eberlein ins Badische abgesetzt. Dort heuert er Söldner und Abenteurer an, die dem Separatistenspuk in der Pfalz ein Ende setzen sollten.
Von den früher 5000 Mitgliedern der O.C. dürften nach Brendels Recherchen 74 in Pirmasens mit von der Partie gewesen sein, inklusive Waffen, die am Vorabend in der Nähe des heutigen Amtsgerichts versteckt wurden. Mit dabei waren auch Nazigrößen wie der früher in Rodalben tätige Lehrer und Gauleiter Joseph Bürckel, der spätere Pirmasenser NSDAP-Bezirksleiter Richard Mann und Fritz Berni, ein Alkoholiker und Raufbold, der es bis zum SS-Standartenführer brachte mit besten Kontakten zu Hitler. Diese Truppe war der Kern der Angreifer, die mit Gewehren, Handgranaten und viel Benzin das Bezirksamt in Brand setzten, die dort angetroffenen Separatisten hinrichteten und ihre Leichen dem Pirmasenser Mob vorwarfen, die mit Äxten und Messern die Leichen verstümmelt haben sollen. Den Nazis gelang es in der Folge nicht nur in Pirmasens, erfolgreich den Mythos vom spontanen Volksaufstand zu stricken. „1924 war der Anfang der NSDAP in Pirmasens“, so seine Schlussfolgerung.
Begeisterte Reaktionen auf Veröffentlichung
Zu historischen Forschungen kam Brendel schon in der Schulzeit. Der Geschichtsunterricht am Leibniz-Gymnasium habe ihn zu mehr angeregt, erzählt der promovierte Chemiker. Auf die Veröffentlichung im Jahrbuch des Historischen Vereins habe er bisher fast nur begeisterte Rückmeldungen erhalten. Lediglich ein früherer Pirmasenser, der heute in Landau lebe, sei mit seinen Recherchen nicht einverstanden und klebe weiter am Mythos vom spontanen Volksaufstand.
