Interview
Treffen für jung Verwitwete: „Den Hinterbliebenen bleibt kaum Zeit, zu trauern“
Manchmal reißt ein Ereignis alles auseinander. Ein Verlust, Gewalt, ein Unfall. Egle Rudyte-Kimmle bietet in der katholischen Familienbildungsstätte seit neustem eine Trauergruppe an, die sie für jung verwitwete Mamas und Papas konzipiert hat. Christiane Magin hat mit ihr gesprochen und erfahren, warum es sich lohnt zu wissen, welche Hilfe es bereits gibt und wohin man sich wenden kann.
Frau Rudyte-Kimmle, sie leiten eine Pionierstelle für traumasensible Seelsorge. Was ist das genau?
Meine Aufgabe ist es, neue Wege zu suchen, wie Menschen in Krisen und nach belastenden Erfahrungen begleitet werden können. Dafür gehe ich bewusst über klassische kirchliche Strukturen hinaus, vernetze mich mit Einrichtungen vor Ort und schaue: Wo brauchen Menschen Unterstützung und welche Angebote fehlen noch? Das ist für mich das Herzstück meiner Arbeit.
Wie ist die Selbsthilfegruppe für verwitwete junge Mütter und Väter entstanden?
Es gab in Pirmasens diese Lücke und ich wollte sie füllen. Das wurde mir in der Trauergruppe im Städtischen Krankenhaus klar, die ich mit Bernd Adelmann leite. Dort habe ich eine junge Frau kennengelernt, deren Mann völlig unerwartet gestorben war. Ihr Schicksal hat mich sehr berührt.
Inwiefern?
Die Vorstellung, dass plötzlich ein Elternteil stirbt und einer mit den Kindern zurückbleibt, hat mich sehr bewegt. Vielleicht, weil ich selbst Mutter bin. Ich habe mir vorgestellt, dass dem Hinterbliebenen kaum Zeit bleibt, selbst zu trauern, weil da noch die Kinder sind, die ebenfalls einen Elternteil verloren haben.
Wie haben Sie die Menschen gefunden, die sich helfen lassen wollen?
Der ersten Teilnehmerin bin ich – wie gesagt – zufällig begegnet, in der Trauergruppe im Krankenhaus. Im Grunde haben wir dieses Angebot sogar gemeinsam entwickelt. Betroffene wissen am besten, welche Fragen sie beschäftigen. Inzwischen habe ich auf verschiedenen Wegen auf die Gruppe aufmerksam gemacht – beim Jugendamt, der Kreisverwaltung, im Krankenhaus und auch in der Presse.
Wie viele Leute waren beim jüngsten Treffen da?
Nur drei, obwohl sich zwölf Personen interessiert hatten. Viele Menschen brauchen Zeit, um sich auf so ein Treffen einzulassen, denn es kann sehr aufwühlend sein. Beim ersten Mal waren wir zu siebt. Wichtig ist mir, dass die Gruppe offen ist und bleibt, damit jederzeit neue Betroffene dazukommen können und die Gemeinschaft nach und nach wachsen darf.
Verlief das Treffen nach Plan?
Für solche Treffen gibt es eigentlich keinen festen Plan. Die Emotionen, die dabei entstehen, sind spontan. Tränen gehören dazu – darauf sind wir vorbereitet. Wichtig ist, dass alle in ihrem eigenen Tempo trauern und teilnehmen können. Die Treffen sind keine Pflicht. Manche kommen einmal und merken, dass es für sie im Moment nicht passt, andere kommen wieder. Beides ist völlig in Ordnung.
Was ist das Wichtige an den Treffen?
Die Teilnehmer erzählen sich ihre Geschichten und die Konstellation, aus der sie kommen. Aber relativ schnell geht es dann um Alltagsgestaltung. Plötzlich lastet ja eine Verantwortung auf zwei Schultern, die vorher auf vier geteilt war. Viele Trauernde geben sich selbst auf , weil sie die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verlieren. Sie versuchen, das fehlende Elternteil zu ersetzen und sind nur für die Kinder da.
Welche Themen kehren wieder?
Die Geschichten und Schicksale der Menschen in so einer Situation sind ganz unterschiedlich, aber der Schmerz eint alle. Sie müssen sich nicht erklären, können sich austauschen und gemeinsam in die Zukunft sehen. Außerdem merken sie, dass sie nicht allein sind und auch anderen ein solches Schicksal widerfährt. Ein großes Thema ist auch die Hilflosigkeit in praktischen Dingen.
Um was geht es da?
Eine Frau war beispielsweise in einer Kur mit Schwerpunkt Trauer – ein Angebot, das gar nicht so leicht zu finden war. Über solche Dinge können sich die Teilnehmer austauschen, von ihren Erfahrungen erzählen und Tipps weitergeben. Dazu kommen bürokratische Hürden. Oft kommt man ohne Anwalt oder Steuerberater keinen Schritt weiter, aber die Kraft, in so einer Situation die richtigen Ansprechpartner zu finden, fehlt.
Wie äußert sich Trauer?
Die Leute sind oft wütend, weil sie sich fragen, was sie falsch gemacht haben, damit sie so ein hartes Schicksal trifft. Es gibt aber auch Situationen, in denen die Mamas und Papas aufatmen, weil bestimmte Dinge nicht mehr diskutiert werden müssen. Ein Gedanke, der bei vielen mit Schuldgefühlen behaftet ist.
Was ist für Sie das Wichtige an der Gruppe?
Die Verbundenheit, weil das Verständnis ein ganz anderes ist, wenn man ein ähnliches Schicksal erfahren hat. Man kann die ganze Palette an Gefühlen rauslassen, die man sonst niemand zeigen will.
Kartu – Was heißt das?
Es ist ein litauisches Wort mit doppelter Bedeutung: gemeinsam und bitter. Geschrieben wird es gleich, die Bedeutung ist jedoch unterschiedlich. Ich fand es passend, meine Pionierstelle für traumasensible Seelsorge so zu nennen. Denn zugrunde liegt der Leitsatz: Gemeinsam durch bittere Zeiten.
Wie schaffen Sie es, die Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen?
Durch meine Persönlichkeit? Oder die Ausbildung? Ich weiß es nicht. Im Grunde fühle ich mich dazu berufen. Dazu kommt, dass ich ein gläubiger Mensch bin. Ein Stoßgebet habe ich immer parat. Nach einem Einsatz bin ich auch jedes Mal dankbar, dass ich helfen konnte und meine Sorgen dagegen so klein werden. Und wenn mich doch mal etwas quält, kann ich eine Supervision in Anspruch nehmen.
Spielt der Glaube in ihrem Beruf eine Rolle?
Nein, es geht nicht ums Evangelisieren. Wenn wir zu Notfalleinsätzen fahren, fragen wir ja auch nicht, ob die Betroffenen zur Kirche gehören. Wenn jemand von sich aus über Glaubensfragen sprechen will, mache ich das gern.
Zur Person
Egle Rudyte-Kimmle ist Diplom-Theologin und in der Notfallseelsorge Südwestpfalz tätig. Darüber hinaus ist sie beim Bistum Speyer angestellt: mit einer halben Stelle in der Pfarrei Heiliger Cyriakus in Thaleischweiler. Die andere Hälfte ist eine Pionierstelle für traumasensible Seelsorge.
Info
Am Samstag, 14. März, von 14 bis 16 Uhr treffen sich die jung verwitweten Mamas und Papas wieder in der katholischen Familienbildungsstätte in Pirmasens. Bei Rückfragen: Egle Rudyte-Kimmle, 0151 14879853 oder jungverwitwet.kartu@gmail.com. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Treffen folgen am 25. April, 23. Mai, 27. Juni und 18. Juli, jeweils von 14 bis 16 Uhr.