Pirmasens
Semler Schuhfabrik: Traditionsunternehmen nach Restrukturierung gerettet
Die Schuhbranche hat schon bessere Zeiten erlebt. Landauf, landab schließen Einzelhändler ihre Geschäfte. Hinzu kommen Pleiten bei Kataloghändlern und eine Konsumflaute bei vielen Endkunden. Diese Situation ging auch an einer der ältesten Schuhfabriken Deutschlands nicht spurlos vorüber. Aber diese Zeiten sollen nun der Vergangenheit angehören. Die Carl Semler Schuhfabrik hat sich neu strukturiert. Die Verantwortlichen blicken optimistisch nach vorn.
Rechtsanwalt Lukas Eisenhuth von der Kanzlei Abel und Kollegen hat das Unternehmen als Berater durch das Restrukturierungsverfahren begleitet. Der Jurist sagt: „Die Eigenverwaltung wurde erfolgreich abgeschlossen. Wir haben alle vorgegebenen Ziele erreicht.“ Konkret bedeutet das: Die Kollektion wurde gestrafft. Kosten wurden eingespart. Aus zwei Werken in Ungarn wird eins. Gleichzeitig wird am Stammsitz in der Pirmasenser Alleestraße die komplette Entwicklung erhalten.
Geklappt habe dies vor allem, weil alle in der Firma, aber auch externe Partner und Lieferanten mitgezogen haben, sagt Eisenhuth. Geschäftsführer Jürgen Becker (63) zeigt sich glücklich, dass die Semler-Schuhe weiterhin in Katalogen platziert sind. Das sei jahrzehntelangem Kontakt zu den Versendern zu danken. Die verließen sich darauf, dass die Damenschuhe der Pirmasenser Firma zuverlässig kommen. Und in der Tat: Selbst in den vergangenen Monaten sei die Produktion immer gelaufen, betonen Eisenhuth und Becker, der seit 35 Jahren in der Firma tätig ist.
Nach dem Ausscheiden des zweiten Geschäftsführers, Stefan Markert, wurde mit Sven Tretter ein neuer Geschäftsführer gefunden, der schon aus familiären Gründen mit dem Traditionsunternehmen verbunden ist: Tretter (34) ist der Neffe Beckers und arbeitet seit 2019 bei Semler. Zur Wahrheit gehört, dass es die Firma wohl nicht mehr gäbe, wenn Becker und Tretter nicht aus privaten Mitteln in sie investiert hätten. Welche Summen geflossen sind, wollen sie nicht verraten, aber Becker gehören nun 88 Prozent des Unternehmens und Tretter die restlichen zwölf.
Kollektion kommt aus Pirmasens
In Pirmasens arbeiten noch rund 30 Personen, darunter sind nicht nur die Geschäftsführer und Jutta Salzmann, die die Buchhaltung leitet, sondern auch vier Stepperinnen, drei Monteure sowie ein Mitarbeiter, der die Oberleder zuschneidet. Das Team in der Südwestpfalz soll gewährleisten, dass die Schuhe von Semler weiterhin die gewohnte Qualität haben. „Die Kollektion wird zu 100 Prozent hier entworfen“, sagt Becker nicht ohne Stolz. Die verbliebenen Mitarbeiter tragen ihren Teil zur Sanierung des Unternehmens bei: Sie verzichten auf einen Teil ihres Lohns, dafür haben sie an den Freitagen nachmittags frei.
Pro Saison entstehen laut Tretter rund 500 Prototypen. Bei allen sei die Meinung und die Entscheidung der Chefs gefragt. „Ich wüsste nicht, wie wir in Ungarn entwickeln sollten“, sagt Becker. Das ginge letztlich nur, wenn man vor Ort sei und es kurze Wege bei der Absprache gebe. Tretter weist mit einem Schmunzeln auf einen weiteren Standortvorteil von Pirmasens hin: Hier gibt es nämliche eine Mitarbeiterin mit einem „kompetenten Probierfuß“. Das bedeutet, die Frau hat die Schuhgröße viereinhalb, in der alle Musterschuhe produziert werden. Bevor die Schuhe in Ungarn in großer Stückzahl hergestellt werden, trägt die Mitarbeiterin einen Prototypen am Fuß. In Pirmasens verfüge man zudem über das notwendige Wissen und die langjährige Erfahrung der Modelleure, die für die Schuhproduktion unabdingbar sei. Und noch etwas gibt es am Standort Pirmasens weiterhin: den Werksverkauf. Der hat nach wie vor geöffnet und bietet Semler-Schuhe zu besonderen Konditionen.
In Ungarn hatte Semler zuletzt zwei Werke. Das ist nun vorbei. Die beiden Standorte werden zusammengelegt. In den Hochzeiten vor der Corona-Pandemie beschäftigte das Unternehmen dort 250 Mitarbeiter. Heute sind es noch 160. Becker und Tretter ist es wichtig, dass die Schuhe in Europa gefertigt werden. Mit Blick auf die Lieferfähigkeit in Zeiten von weltweiten Krisen sei das ein Marktvorteil, sind die Gesellschafter überzeugt.
Passform als wichtiges Kriterium
Semler hat sich einen Namen mit einem sogenannten Mehrweitensystem gemacht. Die Passform spielt weiterhin eine wichtige Rolle, aber es wird wohl nicht mehr sämtliche Weiten in 23 Größen und jeweils zehn Farben pro Modell geben. Mit dieser Art der Produktion waren nicht nur hohe Lagerkosten verbunden, sondern auch ein aufwändiges Produktionsverfahren, bei dem etwa schon nach zehn Paar Schuhen das Stanzmesser getauscht oder der Faden gewechselt werden musste. „Das konnte so nicht weitergehen“, sagt Becker und Tretter spricht nun von einem „konzentrierten Materialeinsatz“.
Die neue Kollektion sei von den Händlern gut angenommen worden, freuen sich die Gesellschafter. Gleichzeitig betonen sie, dass sie nicht in den Preiskampf mit Wettbewerbern einsteigen wollen. Die Strategie gehe eher in die Richtung, die Kollektion gezielt zu verjüngen. Die typische Semler-Kundin sei über 50 Jahre und habe finanzielle Möglichkeiten. Halbschuhe der Marke beginnen bei 130 Euro, Sandalen bei 100 Euro und Stiefel bei 150 Euro. Letztere können im oberen Preissegment bis zu 300 Euro kosten.



