Pirmasens
Schuhfachschule: Warum man abends keine Schuhe kaufen sollte
Aufatmen in der Deutschen Schuhfachschule: Auch im kommenden Schuljahr gibt es eine neue Klasse. Das war bisher unsicher, denn die angemeldeten Schüler waren nicht genug, um automatisch eine Klasse entstehen zu lassen. Bei unter 16 Anmeldungen braucht es dazu eine Erlaubnis der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier. Die kam zum neuen Monat. Immerhin habe die neue Klasse eine zweistellige Anzahl von Schülern, sagt Kerstin Belyea, Schulleiterin der Pirmasenser BBS, wo die Schuhfachschule angesiedelt ist. 14 Schüler haben sich für den neuen Jahrgang angemeldet, erzählt Stephan Seidenschnur, der die Schuhfachschule leitet. Sie stammen teilweise aus der Region, teils aus anderen Teilen Deutschlands. Mit dem älteren Jahrgang verfügt die einzige deutsche Schuhfachschule somit wieder über die üblichen zwei Klassen.
2024 war erstmals keine Klasse in der Schuhfachschule zustande gekommen, weil es nur zwei Anmeldungen gab und die ADD in der Folge die Erlaubnis verweigerte. Doch im vergangenen Jahr kamen wieder neue Schüler an die Schule in der Marie-Curie-Straße in Pirmasens.
Die jungen Erwachsenen, die in der Deutschen Schuhfachschule lernen, kommen alle vom Fach. Die meisten sind bereits ausgebildete Schuhfertiger und setzen nun den Abschluss Schuhtechniker oben drauf. Damit können sie in allen Bereichen einer Schuhfirma arbeiten – abgesehen von der Buchhaltung –, etwa in der Entwicklung oder der Qualitätsprüfung.
Schuhe besser morgens anprobieren
Achten die jungen Experten denn auch besonders auf ihr eigenes Schuhwerk? Stephan Seidenschnur, Leiter der Schuhfachschule, ist überzeugt, dass die Leidenschaft im Beruf den Blick im Alltag prägt. „Das geht mir auch so, wenn ich in der Fußgängerzone im Eiscafé sitze: Ein Blick geht immer auf die Füße“, sagt er und lacht.
Die Expertise in der Schuhherstellung beeinflusse den Umgang mit dem Thema im Privatleben. So wissen die jungen Schuhfertiger genau, wie die Produktion den Tragekomfort beeinflusst und warum man abends keine Schuhe anprobieren sollte, erzählt Seidenschnur.
Dass hinter der Herstellung eines guten Schuhs viel mehr steckt, als man auf den ersten Blick im Regal sieht, ist vielen Bewohnern der Schuhstadt Pirmasens bewusst. Zahlreiche Details rund um die Produktion sind allerdings landläufig unbekannt. Ein guter Schuhfertiger rechnet bei der Herstellung nicht nur ein, wie sich sein gewähltes Material verhält, sondern auch, wie sich ein Fuß verändert. Daran muss sich ein guter Schuh anpassen.
Über Nacht schrumpfen Schuh und Fuß
Im Laufe des Tages schwillt ein Fuß nämlich mindestens um fünf Prozent an, bei schwerer Belastung um zehn Prozent, erklärt Seidenschnur. „Deshalb sollte man Schuhe, die gut passen sollen – wie Pumps –, nicht abends anprobieren“, so der Tipp des Experten. Denn durch die spezielle Fertigung macht der Schuh die Dehnung des Fußes mit, während der Stunden, in denen der Träger beschäftigt umherläuft.
Schuhfertiger unterscheiden in diesem Zusammenhang zwischen plastischer und elastischer Dehnung von Leder. Bei klassischen Schuhen werde das Oberteil – der Schaft – über den Leisten gezogen, „sehr stark ausgezogen und früher mit Nägeln, heute mit Klebstoff unten an der Brandsohle befestigt“, erklärt Seidenschnur. Das Ausziehen des Leders bewirke, dass der Schuh sehr straff über dem Leisten sitzt. Der Schuh soll am Ende seine Form behalten, dafür wird laut Seidenschnur die plastische Dehnung im Leder angesprochen. Das wird durch Zeit oder Wärme erreicht.
„Der große Vorteil eines solchen Schuhs ist, dass er lange seine Form behält, weil die plastische Dehnung zu großen Teilen draußen ist.“ Die elastische Dehnung hingegen soll im Leder erhalten bleiben. Wenn der Fuß im Laufe des Tages anschwillt, dehnt sich der Schuh ebenfalls. Über Nacht jedoch bewirkt die elastische Dehnung, dass sich der Schuh auf die eigentliche Form zusammenzieht. Da der Fuß am nächsten Morgen ebenfalls abgeschwollen ist, passen die Schuhe zu jeder Tageszeit. „Elegante Schuhe sind in aller Regel so hergestellt“, erzählt der Leiter.
Sneaker sind bequem, leiern aber schnell aus
Bei der Ausbildung in der Schuhfachschule lernen die Schüler die wichtigsten Herstellungsverfahren. „Alle kann man gar nicht behandeln, das ist völlig unmöglich in den zwei Jahren“, meint Seidenschnur. Neben dem beschriebenen klebegezwickten Verfahren geht es im Unterricht um den genähten Schuh – nach dem Maschinenbauer, der das Verfahren und die passende Maschine entwickelt hat, auch „gestrobelt“ genannt. „Das war damals eine Besonderheit, weil Strobelmaschinen recht klein und gut in der Handhabung sind“, sagt der Lehrer.
Die Überwendlichnaht oder Strobelnaht ist zentraler Bestandteil der modernen Produktion, vor allem bei Schuhen, die komfortabel und flexibel sein sollen – Sneaker, Sportschuhe, Freizeitschuhe. „Das Besondere ist, dass man die Schuhteile Stoß auf Stoß zusammennähen kann.“ Das gehe besonders schnell. Ein Sneaker soll bequem sein, der Träger kann schnell hineinschlüpfen und macht vielleicht nicht mal die Schnürsenkel zu. Wenn der Schuhfertiger Sohle und Schaft durch eine Naht verbindet, entfällt das Ausziehen des Stoffes. „Das bedeutet, der Schuh hat noch plastische Dehnung und leiert deshalb schnell aus. Aber für Leute mit kranken Füßen, die vor allem im Vorfuß Probleme haben, sind genau solche Schuhe gut, weil sich die Füße vorne ihren eigenen Fußraum schaffen können“, sagt Seidenschnur. Wer das alles weiß, sieht den Schuhkauf mit anderen Augen. Das gilt wohl auch für die Schüler der neuen Klasse der Deutschen Schuhfachschule.
