Pirmasens / Zweibrücken
Missbrauchsprozess: „Als Mutter ist man erst mal geschockt“
Über Jahre hinweg sollen sieben Mädchen aus Pirmasens immer wieder sexuell missbraucht worden sein. Über 50 Fälle zählt die Staatsanwaltschaft und rechnet sie alle einem 65-Jährigen zu. Der Pirmasenser muss sich deshalb vor der zweiten Strafkammer des Zweibrücker Landgerichts verantworten.
Der Prozess begann bereits am 12. Februar. In der Anklageschrift schilderte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, wie sich der Mann zwischen April 2022 und September 2025 an den sieben Mädchen vergangen haben soll. In mehreren Fällen soll er die Kinder im Alter von elf bis 15 Jahren wiederholt über und unter den Kleidern an Po, Brüsten und im Intimbereich angefasst haben. Außerdem wird dem älteren Mann vorgeworfen, einige der Mädchen unter anderem zum Oralverkehr genötigt zu haben.
Drei Prozesstage unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Seit Prozessbeginn fanden drei weitere Verhandlungstage statt, bei denen die betroffenen Mädchen ihre Erlebnisse schilderten. Um die Privatsphäre der Minderjährigen bei diesen zutiefst intimen Themen zu schützen, war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Am Freitag waren Presse und Zuhörer wieder zugelassen.
Das Gericht hatte mehrere Familienangehörige der mutmaßlichen Opfer als Zeugen geladen. „Als Mutter ist man natürlich erst mal geschockt“, berichtete eine 40-jährige Pirmasenserin. Ihre zum Tatzeitpunkt 13-jährige Tochter habe sich zunächst ihrem Bruder anvertraut, bevor auch sie und ihr Ehemann von den schweren Vorwürfen gegen den Angeklagten erfuhren. Dass ihre Tochter regelmäßig in der Wohnung des 65-Jährigen war, habe die Mutter gewusst. „Sie war mit seinem Sohn befreundet und immer mit anderen Freundinnen dort. Ich habe mir nichts dabei gedacht“, sagte die 40-Jährige vor Gericht.
Drohungen gegen die Mädchen und ihren Familien
Ihre Tochter befindet sich – wie auch die meisten anderen Mädchen – in psychologischer Behandlung. „Sie ist in keinem guten Zustand und hat immer noch panische Angst, irgendwohin zu gehen. Sie wurde auch schon bedroht“, so die Mutter. Diese Aussage fiel in ähnlicher Form diverse Male über den ganzen Prozesstag verteilt. Der Angeklagte selbst habe wiederholt zu den Mädchen gesagt, dass sie niemandem verraten dürfen, was passiert ist, sonst würde er ihnen und ihren Eltern und Geschwistern etwas antun. Seitdem der 65-Jährige in Untersuchungshaft sitzt, seien es Verwandte und Bekannte von ihm, die Druck auf die jungen Mädchen ausübten. „Das haben wir schon bei der Polizei angezeigt“, versicherte die 40-Jährige.
Seit den Vorfällen gehe ihre Tochter nahezu gar nicht mehr aus dem Haus. Auch ihr Vater und ihr 21-jähriger Bruder berichteten am Freitag dem Gericht, dass das Mädchen sehr schweigsam geworden sei und nachts kaum noch schlafen könne.
Messer nach 13-Jähriger geworfen
Eine weitere Mutter, deren Tochter vom Angeklagten wiederholt missbraucht worden sein soll, schilderte ebenfalls, dass der Alltag ihres Kindes von großer Furcht geprägt sei. „Sie hatte nach ihrer Aussage bei der Polizei so große Angst vor dem Angeklagten, dass sie freiwillig in eine Mädchenwohngruppe ins Saarland gezogen ist. Erst als er verhaftet wurde, kam sie wieder nach Hause“, erzählte die 41-Jährige im Zeugenstand. Was ihrer Tochter im Detail widerfahren ist, wisse sie aber nicht. „Sie sagte nur, dass der Angeklagte ,Sachen’ von ihr verlangt habe. Sie schämt sich und will nicht mit uns darüber reden.“
Den 65-Jährigen habe sie nur flüchtig gekannt, ihn aber als freundlich und fürsorglich kennengelernt: „Meine Tochter war oft mit den anderen Mädchen aus ihrer Clique in der Wohnung des Angeklagten und war ja mit seinem Sohn befreundet. Ich habe mir da nie Sorgen gemacht.“ Zweifel an den Vorwürfen, die ihre Tochter gegen Angeklagten erhebt, habe sie aber definitiv nicht. „Ich kenne meine Tochter und würde wissen, wenn sie lügt. Ich habe ihr sofort geglaubt“, betonte die 41-Jährige.
Neben den seelischen Schmerzen trug das junge Mädchen von ihren Erlebnissen mit dem Angeklagten eine Narbe davon. Der 65-Jährige habe ein Messer nach der damals 13-Jährigen geworfen und sie damit am Arm verletzt.
„Nicht mehr so fröhlich wie früher“
Im Mittelpunkt der Anklageschrift steht die Ex-Freundin des Sohnes des Angeklagten. Der Mann habe die heute 14-Jährige umgarnt und manipuliert. Unter anderem durch Geld, Geschenke und Ausflüge habe der 65-Jährige versucht, dem Mädchen, das laut Staatsanwaltschaft ohne Vaterfigur aufwuchs, das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein und damit ein Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis aufzubauen. Im Gegenzug sei der rund 50 Jahre ältere Mann immer wieder übergriffig geworden.
„Sie hat bis heute nicht mit mir darüber gesprochen“, sagte die Mutter des Mädchens vor Gericht. Sie habe erst nach der Aussage ihrer Tochter bei der Polizei davon erfahren, eine Beamtin hatte sie kontaktiert. Dass der Angeklagte ihrem Kind regelmäßig Geschenke machte und Geld gab, habe die Mutter gewusst, aber nicht weiter hinterfragt. „Ich fand das schon irgendwie komisch, aber er meinte, er mache das gerne“, schilderte sie. Den 65-Jährigen kenne sie schon lange, er habe ihrer Familie zwei-, dreimal finanziell ausgeholfen, sagte die Mutter und ergänzte: „Wenn es irgendwelche Probleme gab, war er immer direkt zur Stelle und hat geholfen – aber da wusste ich noch nicht, zu welchem Preis.“
Auch ihre Tochter sei seit dem Erlebten auf psychologische Hilfe angewiesen: „Ihr geht es gar nicht gut. Sie ist nicht mehr so fröhlich wie früher und weint viel.“
Der Prozess wird am Freitag, 13. März, um 9 Uhr am Landgericht Zweibrücken fortgesetzt.
