Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Krimis, Klassiker, Kaminer: Lesefreude beim Jubiläum der Stadtbücherei

Erzählcafé: Der Begegnungsabend bringt Menschen ins Gespräch.
Erzählcafé: Der Begegnungsabend bringt Menschen ins Gespräch.

Die Leidenschaft fürs Lesen: Zu einem Abend der Begegnung hatte die Stadtbücherei Pirmasens eingeladen. Die Bücherei feiert in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen.

Es ist ein milder Samstagabend kurz vor 19 Uhr. Draußen ist es dunkel, drinnen leuchten die Räume der Stadtbücherei. Leiterin Ulrike Weil und ihre Mitarbeiterin Johanna Wachsmuth huschen geschäftig durch die Regalreihen. Im hinteren Teil haben sie eine Sitzecke aufgebaut, auf den Tischen stehen Knabbereien, Gläser und Getränke. Zwischen gut sortierten Regalen machen es sich zehn Gäste gemütlich – mit ihrem Lieblingsbuch oder ihrer aktuellen Lektüre unterm Arm.

Eine kurze Vorstellungsrunde bricht schnell das Eis; einige kennen sich flüchtig aus früheren Lesekreisen. Weil freut sich über die voll besetzte Sitzecke und schenkt Sekt ein. Gemeinsam wird auf den 125. Geburtstag der Bücherei angestoßen. Zugleich geht es an diesem Abend um das Selbstverständnis der Bücherei als offener Treffpunkt.

Besucher erzählen von ihren Lieblingsbüchern

Britta eröffnet die Buchrunde: „Zurzeit lese ich ,Gebrauchsanweisung für Nachbarn’ von Wladimir Kaminer und Martin Hyun. Beide erzählen in offener, humorvoller Art vom Zusammenleben in unterschiedlichsten Nachbarschaften. Das spielt in Berlin. Weil meine Tochter dort lebt, lese ich das mit großem Amüsement.“ Der russisch-deutsche Autor und Kolumnist Kaminer ist vielen vertraut – auch Britta hat ihn mehrfach gelesen. „Vom Abend erhoffe ich mir neue Inspirationen“, sagt sie.

Ursel ist der Menschen wegen gekommen: „Ich liebe das Lesen. Heute interessieren mich vor allem die unterschiedlichen Charaktere, die hier sind.“ Karin, aus Maßweiler angereist, ist sich bei Kaminer sicher: „So witzig und belebend, wie er ist, muss man ihn lesen, wenn es einem mal schlecht geht.“ Humor aus dem Alltag ist allerdings nur ein Teil des Abends. Auch schwerere Kost kommt zur Sprache, etwa Holocaust-Literatur.

Aus Besuchern werden Bekannte

Nach einer halben Stunde plaudern die Gäste wie alte Bekannte, Autorennamen und Buchtitel fallen beiläufig. Viele können mit Krimis etwas anfangen. Weil bekennt sich als großer Krimi-Fan. Verwunderlich findet sie, dass Donna Leon in Italien wenig Anerkennung erfährt – obwohl ihre Commissario-Brunetti-Romane in Venedig spielen. In Deutschland dagegen hat Leon eine treue Leserschaft; auch in der Runde lesen viele ihre Fälle gern.

Als nächster Autor rückt Florian Illies in den Fokus. Ursel, sonst in englischsprachiger Literatur zu Hause, hat „Wenn die Sonne untergeht“ gelesen – über Thomas Manns erste Exilmonate im französischen Sanary-sur-Mer. Der Nobelpreisträger aus Lübeck ist allen ein Begriff; die ersten Begegnungen mit seinem Werk fanden oft im Schulunterricht statt. Ursel räumt ein, dass ihr der Mensch Thomas Mann nicht immer sympathisch ist: „Manchmal finde ich ihn regelrecht arrogant.“

Kleines Quiz – ganz ohne Joker

Werner widmet sich dem österreichischen Expressionisten Franz Werfel, der wie Mann im Nationalsozialismus ins Exil ging. Fast schwärmerisch erzählt er von „Das Lied von Bernadette“, dem Roman über das Leben der heiligen Bernadette Soubirous von Lourdes. Ihn fasziniert ihr Leidensweg bis zur Heiligsprechung: „Als Nonne wurde sie ja richtiggehend verachtet“, sagt er.

Die Spannung steigt, als Johanna Wachsmuth ein Literaturquiz ankündigt. Eine Million Euro gibt es nicht, dafür Schokoladen-Bonbons. Wer eine Frage richtig beantwortet, darf zugreifen – ganz ohne Telefonjoker. Wie im TV-Studio bleiben manche Begriffe trotz Wissens auf der Zunge hängen; angesichts der jährlichen Bücherflut kein Wunder. Die Fragen mischen Klassiker und Gegenwart: gesucht werden der Vorname von Dr. Jekyll, der Autor von „Schuld und Sühne“, ein Dramatiker der griechischen Tragödie oder der Name eines bestimmten Hobbits aus Tolkiens „Der Herr der Ringe“.

Karin antwortet oft schnell und richtig, vor ihr wächst der Schokoladenstapel. Zwischendurch führt ein Exkurs vom Museumsansturm der Taylor-Swift-Fans – ihr Idol inszeniert sich als Ophelia – zum „Literarischen Quartett“ und zurück. Ulrike Weil steuert eine Anekdote bei, als sie Hellmuth Karasek traf; von dort ist es nicht weit zu Marcel Reich-Ranicki und seinem legendären Satz: „Ich nehme diesen Preis nicht an.“

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