Pirmasens Kraftvoll, elegant und fantasiereich
Anke Helfrich wird in der Jazz-Szene als eine der besten Musikerinnen Deutschlands gehandelt. Die Jazzpianistin hat schon in ganz Europa, in den USA, in China, in Malaysia und Südafrika gespielt. Am Sonntag Vormittag gastierte sie mit ihrem Trio in der Pirmasenser Alten Post: ein Konzert, das der ehemalige Geschäftsmann Bernd Adler in Kooperation mit der Stadt Pirmasens arrangiert hat.
11 Uhr ist keine passable Uhrzeit für Jazzer, findet Anke Helfrich. Doch ihre Fans waren pünktlich. 180 Jazzliebhaber kamen zu der Benefiz-Matinee, die zugunsten des Pakts für Pirmasens stattfand. Angekündigt hat Anke Helfrich die Präsentation von „Dedication“, der Platte, für die sie 2016 den Echo verliehen bekam. Wegen der humanistischen Botschaft, die für Offenheit und gegen Rassismus steht. So ist es dann auch: das Konzert gleicht irgendwie einer Aneinanderreihung von Widmungen: Es gibt eine Hommage an Martin Luther King und an Nelson Mandela und mit dem Titel „Sagrada Familia“ wird auch der Familie gedacht. Hier wechselt die Musikerin und Komponistin auch mal vom Piano zum Harmonium, das ihr Klangspektrum erweitert. Alles tiefe Emotionen, die sich in Musik auflösen. Und so bietet Anke Helfrich gemeinsam mit ihren Musikern, dem Bassisten Dietmar Fuhr und dem Schlagzeuger Jens Düppe, dem Pirmasenser Publikum ein Konzert voller Energie und starken Inhalten. Doch mit am Anfang steht Herbie Hancocks „Chan’s Song“, der erst mal gedanklich in die Ferne trägt. Mit dem elektronischen Geräusch von Brandung und Möwengeschrei stellt das Trio ein leises, schlichtes Stück vor, ehe es kraftvoll weitergeht. „Man muss sein Leben in die Hand nehmen“, betont Helfrich, als sie die Vertonung eines Gedichts von William Ernest Henley ankündigt. „Invictus“ heißt das Stück, das offenbar viel mit ihrer Kindheit in Namibia zu tun hat. Helfrich scheint eine tiefe Verbundenheit zu spüren mit dem südafrikanischen Kampf gegen die Apartheid. Die Musikerin trägt das Gedicht – von der Musik umrahmt – mit empathischer Stimme vor. So verschmelzen Piano, Kontrabass und Schlagzeug mit den Worten Henleys und verdichten sich zu einer fast schon körperlich spürbaren Intensität. „Rise and Shine“ von Robert Glasper erntet im Programm des Trios mit am meisten Applaus. Es sei ein Stück passend zum Tag, scherzt Anke Helfrich, denn es geht um einen neuen Tag, der am Sonntag früh für sie begann. Also raus aus den Federn und los. Piano, Kontrabass und Schlagzeug versuchen, sich zu übertrumpfen. Dann tut sich das Tasteninstrument hervor, bringt den Kontrabass samt Schlagzeug in die passende Tonlage. Jens Düppe trommelt mit dem Schlagstock auf den Rahmen seiner Drums. Das Stück gewinnt schnell an Tempo, spiegelt das Temperament der Jazzerin, und wird letztlich fast schon schrill. Der Höhepunkt des Konzertes ist jedoch eine musikalische Interpretation der berühmten Rede von Martin Luther King: „I have a dream“. Nicht nur, weil sich Anke Helfrich das Stück bis zum Schluss aufgehoben hat. Die Rede sei aktuell wie nie, findet die Pianistin. Und gerade mit Musik könne man die Menschen erreichen, unabhängig von der Sprache. So lässt Helfrich den amerikanischen Bürgerrechtler zum Gospelsänger werden. Der Rhythmus wirkt suggestiv, die musikalische Dramaturgie lässt Pausen, damit das Publikum auf die Musik auch reagieren kann. Ihr erster Musiklehrer in Sachen Jazz sagte zu ihr: „Das musst du halt hören“. So begann sie nach Gehör zu spielen. Heute kann man hinzufügen: „das musst du halt spüren“. Denn nur dann wird das Publikum die flirrenden Klangteppichen erleben, die immer wieder abzuheben scheinen, aber dann doch rhythmisch festgehalten werden. Als Hintergrundmusik ist Helfrichs Spiel kaum vorstellbar. Die Widmungen stehen im Vordergrund, wollen mit Hingabe rezipiert werden. Kraftvoll, elegant und fantasievoll: mit diesen Worten lässt sich vielleicht ansatzweise in Worte fassen, was das „Anke Helfrich Trio“ bietet. Facettenreiche Melodiebögen, die mal schrill, mal zurückgehalten daherkommen, aber sich immer wieder frei machen und entfalten. Bernd Adler, der Initiator des Konzerts und selbst begeisterter Jazz-Musiker, ist von der Resonanz begeistert. Er plant, die Jazz-Matineen künftig zwei Mal jährlich im Kulturkalender der Stadt zu platzieren.