Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel „Do geh’n mer anne unn machen Musik“

Gerhard Jäger (Dritter von links) mit den Queichquietschern.
Gerhard Jäger (Dritter von links) mit den Queichquietschern.
Das Cover der Musikkassette „Hauenstein im Pfälzerwald“.
Das Cover der Musikkassette »Hauenstein im Pfälzerwald«.
„Weihnachten mit Gerhard Jäger“ heißt dieser Musikkassette.
»Weihnachten mit Gerhard Jäger« heißt dieser Musikkassette.
So kannte man ihn über viele Jahre: Gerhard Jäger – hier bei einem Auftritt in den Altwiesen.
So kannte man ihn über viele Jahre: Gerhard Jäger – hier bei einem Auftritt in den Altwiesen.

Musikgeschichte(n): Man kennt ihn als „de String“: Gerhard Jäger, Mitbegründer der legendären Cry’n Strings. Die Hauensteiner Band und ihr Hit „Monja“ bildete aber nur eine Facette im Musikerlebens des 1992 im Alter von nicht einmal 50 Jahren verstorbenen Hauensteiners ab. Gerhard Jäger schlug und zupfte die Gitarre ebenso meisterlich, wie er das Saxofon, die Klarinette und viele andere Instrumente spielte.

Bei Gerhard Jäger gesellten sich zu seinen Talenten als Multi-Instrumentalist, Sänger, Komponist und Arrangeur beachtliche Fähigkeiten als Texter, wie eine in Vergessenheit geratene Musikkassette belegen kann. Die ruhte tief im Raritätenschrank, der manche Erinnerung aus vergangenen Jahrzehnten birgt. Unter Tonbandspulen aus den 60ern, Super-Acht-Filmen, Diamagazinen und VHS-Videokassetten fanden sich beim Aufräumen zahlreiche Audiokassetten. Auf vielen waren die Lieblingssongs der 70er selbst am Radio aufgenommen worden. Manche waren Original-Kassetten.

Darunter fand sich auch Jägers 1990 entstandene Kassette mit dem schlichten Titel „Hauenstein im Pfälzerwald“, damals veröffentlicht in Zusammenarbeit mit der Ortsgemeinde. Und auf dem Nostalgie-Medium bewies sich Jäger als Mundartpoet erster Sahne.

Jugenderinnerungen

15 Titel, mal als Blues, mal im Walzertakt oder Volkston, hat Jäger für die Kassette eingespielt. Fast alle stammen aus der eigenen Feder. Es sind zunächst Lieder, die die landschaftliche Schönheit des Heimatortes sowie die Freundlichkeit und Herzlichkeit seiner Bewohner besingen – einfach Liebeserklärungen an die Wasgaugemeinde wie das Lied „S'Städtchen Hauenstein“' oder „Hauenstein im Pfälzerwald“, in dem Jäger Erinnerungen aus der Jugend verarbeitete. Es sind zum anderen Lieder, die Stimmung beschreiben und erzeugen: „Schdroßefeschd am Biedeberch“ („Beim Schdroßefeschd am Biedeberch esch's schejner noch als sunndaachs in de Kerch“) etwa oder „Altwissefeschd“.

Schließlich sind’s Lieder, die einiges von dem transportieren, was man unter der Rubrik „typisch Hääschde, typisch Palz“ zusammenfassen mag: Da geht's um „Die dick Ääch“, die Geschichte der „Zwickdritsch“ wird erzählt. Und es wird – orientiert an Mundartdichter Heinrich Keller – ein Kurs über „D'Hääschdner Schbrooch“ abgehalten.

In einer Zeit, als in Deutschland noch kaum jemand über Rap-Musik sprach, setzte Jäger in feinster Rapper-Manier der Urwüchsigkeit und verbalen Farbigkeit des Hääschdner Dialekts ein Denkmal: Begriffe wie „Hällbeerschläx’l“, „Schnulldunges“ oder „Zoggerbibbl“, wie „Hosselatscher“, „Broschdiechl“ oder „Botschamber“ – das sind Wörter, die verloren gegangen sind, weil sie heute kaum noch jemand verwendet. Und kaum jemand spricht über die Hääschdner Originale – „de Kalle unn de Schaanel“ beispielsweise, an die im selben Song erinnert wird.

„D’Pälzer Kich“

Sehr farbig ist die Geschichte vom „Lällebäbb’l“, der sein Auto „vorm Houfdeerl“ geparkt hat und sich deshalb die Schimpftirade eines verhinderten Stammtischbruders („Du Schalwes, fohr die Schrottschees fort“) anhören muss. Köstlich ist Jägers Ausflug in „D’Pälzer Kich“: „Gebreedelde mit Lewwerworscht, velleicht e Stickel Blunz unn dodezu e Schissel Andiftichsalat“ oder „Dambknepp unn e Grumbeersupp, e Wejsooß noch dezu“ – der „Kiche-Blues“ mit feinem Sax-Solo macht Appetit.

Am stärksten erscheinen jene Songs, die Befindlichkeiten transportieren: Da gibt's das Klagelied des Frühaufstehers „Uffschdeiche“ und den Blues „Ohrm wie e Kerchemaus“: „Es gäbt nix Schlimmres uff däre Welt, als krank unn hilflous, trotz all dejm Geld. (...) Liewer ohrm wie e Kerchemaus, kää Penning Geld, awwer dofeer g'sund. Wer annerscht denkt, ha, den lach ich aus.“

Dass die Lieder und Songs allesamt hervorragend arrangiert und instrumentiert sind, das versteht sich bei Gerhard Jäger von selbst. Bei jedem Titel spielte er alle Instrumente selbst ein, oft mit originalen Instrumenten wie Gitarre und Bass, Trompete und Saxofon, zuweilen via Keyboard, das beispielsweise die Streicher lieferte. Er sang die Lieder und mischte im kleinen Tonstudio, das er im Keller seines Hauses eingerichtet hatte, mit der 16-Spur-Tonbandmaschine mehrstimmige Passagen hinzu.

„Herzensanliegen“

Ganz genauso verhält es sich auf einer anderen Musikkassette, die „de String“ aufgenommen hat – allerdings unter tragischen Umständen, die an das Lied von „de Kerchemaus“ erinnern müssen. Jäger war Anfang der 90er Jahre an einer heimtückischen Krankheit erkrankt. In den schweren Monaten, als es sich abzeichnete, dass diese Krankheit nicht zu besiegen war, war es ihm ein „Herzensanliegen“ gewesen, wie es seine Frau Elisabeth einmal beschrieb, eine Kassette mit traditionellen Weihnachtsliedern zu produzieren, als „Vermächtnis für die Familie“ mit den damals gerade acht- und neunjährigen Kindern Melody und Felix und als Erinnerung für die vielen Freunde, die Gerhard Jäger auch außerhalb der Musik gefunden hatte.

Unter Aufbietung aller noch vorhandenen Lebenskräfte schaffte es Jäger, die Weihnachtslieder einzuspielen. Im Mai 1992 waren die Aufnahmen im Kasten und wurden im Hauensteiner FWS-Studio für die Herstellung der Kassette vorbereitet. Zur Vorweihnachtszeit wurde die Kassette „Weihnachten mit Gerhard Jäger“ angeboten. Das sollte der begnadete Musiker nicht mehr erleben: Im Juni jenes Jahres hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. Bis heute gehört die MC in manchen Häusern zu Weihnachten wie der Baum, die Lichter, die Geschenke und die Geschichte von Betlehem.

Mit Jägers Krankheit und Tod hatte auch eine andere Episode aus einem facettenreichen Musikerleben ihr Ende gefunden: Seit 1984 Jahren war der 48-jährige Familienvater der Kopf der Queichquietscher, eine Gruppe begeisterter Musiker, die bei allen möglichen Anlässen – meist unangesagt – auftrat: „Wann änner Gebortsdaach hat, orrer ’s esch schunscht e Feschd, geh’n mer anne unn machen Musik, eb mer uns heere will orrer nit“, erzählte Gerhard Jäger, der auch hervorragend mit Bleistift und Pinsel umgehen konnte, über diese Musikantentruppe, die unvergleichliche Stimmung zauberte.

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