Dahn RHEINPFALZ Plus Artikel Die Wiege vieler Musiker steht im Dahner Tal

Aus der Big Band des Otfried-von-Weißenburg-Gymnasiums (hier ein Foto aus dem vergangenen Jahr) sind viele heutige Musik-Profis
Aus der Big Band des Otfried-von-Weißenburg-Gymnasiums (hier ein Foto aus dem vergangenen Jahr) sind viele heutige Musik-Profis hervorgegangen.

Das Dahner Tal bringt immer wieder hochkarätige Musiker hervor, die die Szene in der Südwestpfalz und weit darüber hinaus bereichern. Persönliches Engagement und Vereinsarbeit haben daran einen großen Anteil. Die gesunde Musikkultur ist allerdings auch dort nicht für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt.

Man ertappt sich dabei, nicht unbedingt an musikalische Extraklasse zu denken, wenn man von der Jägerkapelle in Erfweiler hört. Dass solche Gruppen aber einen entscheidenden Einfluss auf die musikalische Früherziehung haben, ist bei allen, die etwas vom Thema verstehen, unumstritten.

Ein Beispiel ist Rüdiger Ruppert. Die Blasmusiktradition auf dem Land sei es gewesen, die ihn entscheidend prägte. Der 49-Jährige ist Erster Schlagzeuger an der Deutschen Oper in Berlin. Dass geschafft zu haben, ist eine Leistung, die gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Auch vor dem Hintergrund, dass der aus Bundenthal stammende Ruppert damals gerade einmal 23 Jahre alt und im vierten Semester an der Hochschule für Musik in Karlsruhe war, als der Anruf von seinem ehemaligen Lehrer aus Mannheim kam: „Du musst dich dort unbedingt bewerben.“

Musiker auf dem Land sind gut vernetzt

Sicherlich war Ruppert ein Ausnahmetalent, doch er wird auch heute noch nicht müde zu betonen, welch wichtigen Einfluss das Musizieren im Dahner Tal auf ihn hatte. Als weiteren Grund nennt Ruppert die gute Vernetzung der Musiker untereinander auf dem Land. Es sei nicht so wie in der Großstadt – die Leute kennen und finden sich, hier gibt es keine Anonymität.

Franz Geenen, damaliger Trompeter bei der Jägerkapelle in Erfweiler und Lothar Frary, Lehrer bei der Kreismusikschule Südwestpfalz, bezeichnet Ruppert als seine einstigen Förderer. Förderer, die die Vernetzung der Musiker vorangetrieben und Talenten eine Bühne gegeben haben.

Rüdiger Ruppert ist nicht der einzige musikalische Hochkaräter aus dem Dahner Felsenland. Was für ihn die Jägerkapelle in Erfweiler war, war und ist nach wie vor für viele andere Musiker aus dem Dahner Felsenland die Rock-Big-Band des Otfried-von Weißenburg-Gymnasiums in Dahn. Die Liste der daraus entstammenden Musiker ist lang: Der Gitarrist Manuel Bastian und der Bassist Jonas Jenet, die heute unter anderem im Duo unter dem Namen „Rainbow Rocket“ auftreten, der Schlagzeuger Marc Michael Müller oder auch der Saxofonist Sebastian Degen. Einer, der die Big Band in ihrer Entstehungsgeschichte noch miterleben durfte, ist der Pianist Ralf Bereswill, der als Musiklehrer an der Integrierten Gesamtschule in Landau tätig ist. Durch die Big Band sammelte der gebürtige Bruchweilerer, wie die meisten Mitglieder der Schulband, erste Erfahrungen in Sachen Musik im Bandkontext aber auch darin was es heißt, sich auf eine Bühne zu stellen und vor anderen Leuten etwas zu präsentieren. „Jeder Auftritt war mit Lampenfieber verbunden“, erinnert sich Bereswill. Für sein Engagement rund um die Big Band sei er Holger „unendlich dankbar“.

In der Rock-Big-Band erste musikalische Erfahrungen gesammelt

Wer eigentlich ist dieser Holger, von dem man von Musikern im Dahner Tal immer wieder hört? Holger heißt mit Nachnamen Ryseck und ist Musiklehrer am OWG und Leiter der Rock-Big-Band, die im Schuljahr 1992/93 aus einer kleinen Rockmusik-AG entstand. In der Zwischenzeit machte die mit internationalen Auftritten und intensiven Probe-Workshops während den „Dahner Jazz- und Rock-Tagen“ auf sich aufmerksam. Weltweit bekannte Künstler wie der mittlerweile verstorbene Sänger Roger Cicero zählten dabei zu den oftmals prominenten Dozenten für die Schüler.

Doch nur in Nostalgie verfallen, wollen Holger Ryseck und sein Co-Leader Karl-Heinz Knöller nicht. Die spielerische Qualität habe nachgelassen, die Workshops werden mangels Bereitschaft der Schüler heute nicht mehr veranstaltet und auch zur Produktion einer gemeinsamen CD seien viele Mitglieder der heutigen Big Band nicht mehr bereit.

Karl-Heinz Knöller diagnostiziert ein „gesellschaftliches Problem“. Der Stellenwert eines Instrumentes und die Bereitschaft zu üben, sei stark zurückgegangen. Außerdem kursiere unter vielen jungen Leuten das Vorurteil, in den Blasmusikkapellen wären nur „alte Säcke“ vertreten. Tatsächlich wird dort aber oft auf einem sehr hohen Niveau musiziert. Als Beispiel nennt Knöller etwa das Blasorchester in Lemberg oder den Musikverein in Hauenstein.

Musiker beklagen unzureichende Kulturförderung

Was die Lehrer mit ihrem privaten Engagement letztendlich betreiben, nennt sich Kulturförderung. Zuständig für Kulturförderung sind laut Landesverfassung Rheinland-Pfalz das Land, die Gemeinden und die Gemeindeverbände, auch wenn es keine gesetzliche Verpflichtung zur Förderung gibt. Hört man etablierten Künstlern wie Rüdiger Ruppert über Kulturförderung sprechen, so entnimmt man viel Frustration aber auch einen Aufruf: Politik, Kulturverwaltung, Konzertveranstalter und Unternehmen müssen viel mehr „Gelder in die Menschen investieren“. Es gebe „viel zu viel Bammel“, um neuen und kreativen Bands eine Chance zu geben, statt immer die gleichen Leute zu engagieren. In Frankreich sei das anders. Bei Festen in Weißenburg werde immer kulturell etwas Neues präsentiert.

In Mitverantwortung für den Mangel an kulturellem Interesse sieht Ruppert auch die heutige Mediengesellschaft: „Die Menschen fahren sehr auf den Fernsehkram ab. Wenn in Pirmasens ein Musiker auftritt, der den 15. Platz bei ,The Voice of Germany’ gemacht hat, bekommt dieser gleich eine Gage, von der man unzählige Kulturveranstaltungen und Jazzkonzerte veranstalten könnte.“

Nun ist es wohl nicht nur ein Zeichen der Region, dass Kunst oftmals brotlos ist. Die meisten Musiker kennen den Spagat zwischen finanzieller Sicherheit und persönlicher Leidenschaft. Ralf Bereswill dankte dem reinen Leben als Berufsmusiker ab, um als Musiklehrer sich und seiner Familie größere finanzielle Freiheit zukommen zu lassen. Bereswill empfand die Zeit damals teilweise als „frustrierend“, da man viel Arbeit reinstecke, im Endeffekt aber dabei „wenig rumkomme“.

Im Dahner Tal steckt noch viel musikalisches Potenzial

Der in Landau lebende Pädagoge sieht bei der Förderung der Musikszene im Dahner Felsenland auch noch viel Potenzial nach oben. Ihm sei es wichtig, zwischen musikalischer Dienstleistung und Kunst zu differenzieren. Das Meiste was hier von den Veranstaltern im Raum präsentiert werde, sei keine Kunst. Kunst brauche Förderung.

Auch der Bassist und Ex-Big-Band-Mitglied Jonas Jenet stellt fest: „Das Motiv, Musik in der Öffentlichkeit zu machen, ist mittlerweile nur noch selten der eigene künstlerische Anspruch, sondern bei der Masse gut anzukommen.“

Ist es aber nicht legitim, wenn die Menschen eben die „Dienstleistungs-Musik“ im Angebot bevorzugen? Bereswill meint, dass die Leute ohne ein passendes kulturelles Angebot gar nicht erst auf den Geschmack kommen können. Er persönlich kam auch erst durch Lothar Frary zum Jazz, seine Eltern sind komplett unmusikalisch.

Rüdiger Ruppert ist Erster Schlagzeuger an der Deutsche Oper Berlin
Rüdiger Ruppert ist Erster Schlagzeuger an der Deutsche Oper Berlin
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