Interview
„Das Dschungelbuch soll erhalten bleiben“
Es ist wohl eine der bekanntesten Erzählsammlungen der britischen Kinderliteratur: „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling erschien erstmals 1894 und diente seither als Grundlage für unzählige Verfilmungen und Hörspiele. Insbesondere die Abenteuer des kleinen Mogli, der von Wölfen aufgezogen wird und seine Kindheit und Jugend im Dschungel verbringt, wurden zahlreich aufgegriffen und verarbeitet. Auch Rüdiger Ruppert aus Bundenthal beschäftigte sich im letzten Jahr mit Kiplings Dschungel-Erzählungen. Zusammen mit seinen Kollegen Sebastian Krol und Martin Auer entwickelte der Schlagzeuger an der Deutschen Oper Berlin ein Jugendprojekt, bei dem der Musik eine zentrale Rolle zukommt und mit dem er ganz nebenbei die freie Musikszene unterstützt. Nun soll das Erzählkonzert als Hörbuch aufgenommen werden.
Im August 2020 wurde „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling erstmals in der Deutschen Oper Berlin aufgeführt. Wie kam es zu dem Projekt?
Eigentlich war das Ganze ohnehin schon in Planung. Ursprünglich sollte es aber erst 2021 aufgeführt werden – anlässlich des 125. Jubiläums der „Dschungelbuch“-Erzählungen. Allerdings gab es ja bezüglich der Corona-Maßnahmen im Sommer 2020 noch viele Lockerungen und es konnten einige Konzerte unter Auflagen stattfinden. Die Deutsche Oper verlegte daher einige kleinere Aufführungen nach draußen auf das Parkdeck. Mein Kollege Sebastian Krol und ich sollten uns in diesem Rahmen auch eine Veranstaltung für Kinder und Familien überlegen. Und da es schnell gehen musste, dachten wir uns eben: Ziehen wir „Das Dschungelbuch“ doch einfach vor! Zudem wollten wir mit dem Projekt auch freischaffenden Musikern ein wenig unter die Arme greifen, die es ja gerade ohnehin schwer haben. Deshalb haben wir dafür überwiegend Musiker engagiert, die keine Festanstellung haben. So konnten wir ihnen zu ein paar Auftritten verhelfen.
Worum geht es bei dem Projekt?
Die Idee dahinter war, den Text mit neuer Musik in Form eines Erzählkonzertes zu verbinden. Die Handlung wird also nicht dramatisiert dargestellt, sondern schlicht erzählt. Auch bei der Musik handelt es sich nicht nur um Untermalung, wie man das vielleicht von vielen Hörspielen kennt. Vielmehr ist sie dem Text ebenbürtig und kann konzertant für sich alleine stehen. Und so ist sie auch konzipiert. Sie wurde von Martin Auer komponiert und zeichnet sich durch viele Jazz-Elemente aus, aber teilweise auch durch eine exotische Melodik. Das macht die Musik zwar insgesamt sehr anspruchsvoll und stellt für die Musiker eine Herausforderung dar, es macht das Projekt aber auch zu etwas Besonderem. Schließlich handelt es sich bei dem Text um eine uralte, wunderschöne Beschreibung des Dschungels. Das Orchester besteht entsprechend aus einem Streichquartett, vielen Bläsern, Schlagwerk und eben auch einigen exotischen Instrumenten.
„Exotischen Instrumente“: Was heißt das?
Wir haben zum Beispiel über 20 burmesische Buckelgongs im Einsatz. Auch dabei sind etwa japanische Taikos und ein Sarod, ein gitarrenähnliches Instrument aus Indien. Die Schlange Kaa wird durch ein armenisches Duduk repräsentiert.
Im August 2020 wurde das Projekt live aufgeführt, nun soll es als Hörbuch aufgenommen werden…
Genau. Nach den Aufführungen kamen viele Anfragen, ob es das Ganze auf CD gebe. Und da mussten wir natürlich immer verneinen. Das können wir gar nicht bezahlen! Schließlich ist das eine teure Angelegenheit, insbesondere mit einem so großen Orchester. Aber jetzt, wo die Pandemie so lange anhält, dachten wir uns: Warum eigentlich nicht? Immerhin soll das Projekt im Juni noch zweimal aufgeführt werden und proben müssen wir dafür sowieso. Außerdem haben wir mit Christian Brückner, der auch als Synchronstimme von Robert De Niro bekannt ist, einen prominenten Sprecher im Boot. Einen Verlag, der das Hörbuch veröffentlichen würde, haben wir auch. Die Aufnahme müssen wir allerdings selbst herstellen. Dazu haben wir eine Crowd-Funding-Kampagne ins Leben gerufen.
Die Erzählungen waren schon Grundlage für zahlreiche Verfilmungen und Hörspiele. Warum noch ein Hörbuch?
Die Geschichten von Kipling haben einfach einen unglaublichen Aktualitätsbezug. Ich meine, da wächst ein Mensch in der Tierwelt auf. Rudyard Kipling verarbeitet damit eine sehr zentrale und hochaktuelle Frage: Kann eine Spezies von einer anderen Spezies einfach so aufgenommen werden? Und wenn ja, unter welchen Gesichtspunkten? In diesen Erzählungen stecken so viele Werte. Mehr Multikulturalität gibt es doch gar nicht! Zudem lässt er Tiere und Menschen in einen Austausch treten, indem er den Tieren des Dschungels eine Stimme gibt. Noch eine weitere aktuelle Frage wird von ihm thematisiert: Nämlich die des Menschen, der einfach so in die Natur eingreift. Natürlich sind auch viele Dinge, die Kipling geschrieben hat, nicht mehr zeitgemäß, da sie unter dem kolonialistischen Bewusstsein entstanden sind. Schließlich gibt es gerade eine heftige Debatte darüber, ob es in der Disney-Version rassistische Tendenzen gibt. Aber genau von solchen Dingen nehmen wir in unserer Version natürlich auch Abstand. Dennoch sollte Kiplings Text einfach erhalten bleiben.
Wie unterscheidet sich Ihr Projekt von vorherigen Umsetzungen des Stoffes?
Das Besondere an unserem Projekt ist, dass die Handlung auch durch die Musik erlebbar wird: Sie ist nicht nur Untermalung. In ihr kann man die Schönheit – und auch das Böse – des Dschungels direkt erfahren. Es ist eine Musik, die den Text wirklich interpretiert. So werden die Protagonisten auch durch unterschiedliche musikalische Themen repräsentiert.
Die Musik zeichnet sich durch viele Jazz-Elemente aus. Jazz mit Kindern: Geht das?
Ja, das geht auf jeden Fall. Meine Kinder lieben Jazz – sie wissen es nur nicht. Jazz ist eine sehr vielfältige Musik, die sowohl mit Unterhaltungsmusik, als auch mit zeitgenössischer Klassik viele Gemeinsamkeiten hat. Daher funktioniert Jazz meiner Meinung nach für alle Altersgruppen.
Warum ist es gerade jetzt so wichtig, ein solches Projekt zu fördern?
Zum einen handelt es sich bei dem Hörbuch natürlich um ein musikalisches Bildungsprojekt für Kinder. Vor allem möchten wir mit dem „Dschungelbuch“ aber freischaffende Musiker unterstützen. Gerade die sind unter den momentanen Bedingungen auf solche Projekte angewiesen. Viele freischaffende Künstler müssen ohne Unterstützung unter Umständen ihr Berufsfeld wechseln müssen, wenn sich die Situation nicht bald bessert. Wenn wir nicht dafür sorgen, dass sie weiterhin ihrem Beruf nachgehen können, wer soll dann in Zukunft beispielsweise unser Duduk spielen? Schließlich geht es hier um hochqualifizierte Künstler! Ihnen möchten wir helfen, diese Zeit zu überbrücken, bis sie ihren Lebensunterhalt wieder selbst bestreiten können.
Wie funktioniert das Crowd-Funding?
Jeder kann sich daran beteiligen und je mehr Menschen uns mit kleinen finanziellen Beiträgen unterstützen, desto besser. Natürlich wünschen wir uns auch, dass einige große Sponsoren auf das Projekt aufmerksam werden, aber helfen können uns hierbei wirklich alle. Darüber hinaus bedanken wir uns für jede Spende auch mit kleinen Geschenken, etwa mit einer CD oder auch – bei sehr großen Zugaben – mit einem Live-Auftritt im Garten, sobald es wieder möglich ist.
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