Pirmasens
Bis jeder Ton sitzt: So probt der Projektchor in Winzeln
Aus den hohen Fenstern des Gemeindesaals der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche dringt Helligkeit hinaus auf die verlassenen Straßen von Winzeln – begleitet von einem vielstimmigen Klang. Je näher man dem Saal kommt, desto klarer werden die Stimmen. Im Inneren offenbart sich schnell der Grund für die geschäftige Atmosphäre: Der Projektchor des protestantischen Kirchenchors Winzeln probt an diesem Abend.
Im Gemeindesaal herrscht reges Treiben. Etwa 40 Personen suchen ihre Plätze, tauschen sich aus, während Chorleiter Gernot Gölter die Notenblätter für die dritte Probe ordnet. Seit 2017 gibt es den Projektchor jedes Jahr aufs Neue – mit Ausnahme einer coronabedingten Pause, sagt der Chorleiter. Der Unterschied zum traditionellen Kirchenchor liegt in der Auswahl der Stücke: Statt klassischer Kirchenmusik stehen im Projektchor andere Lieder auf dem Programm. In diesem Jahr liegt der Fokus auf deutschen Volksliedern und weltlichen Stücken.
Die Stimme muss aufgewärmt werden
Sobald alle ihre Plätze eingenommen haben – die Sitzordnung ist nach Sopran, Alt, Tenor und Bass sortiert – beginnt die Probe. Ein Kommando des Chorleiters, und alle erheben sich zum Einsingen. Ähnlich wie sich Fußballer vor einem wichtigen Spiel warmlaufen, müssen die Sängerinnen und Sänger ihre Stimmen „aufwärmen“. Während die Stimmübungen der Choristen den Gemeindesaal füllen, beginnt Regen gegen die Fensterscheiben zu trommeln. Eine beinahe mystische Stimmung erfüllt den Raum. Traditionell gehören vor jeder Probe Geburtstagsständchen für die Mitglieder zum Programm – allerdings mit einer Präzision, die sich von den gewöhnlichen Wohnzimmergesängen bei Familienfeiern unterscheidet. Hier sitzt jeder Ton.
„Die Gemeinschaft beim Chor hier gefällt mir sehr gut“, sagt einer der Tenorsänger. Er ist kein Mitglied des Kirchenchors, kommt aber jedes Jahr aufs Neue zum Projektchor. Das ist eine weitere Besonderheit des Projektchors: Jeder ist willkommen – ob Chorsänger oder nicht. „Man muss keine Noten lesen können, um im Chor mitzusingen – nur wissen, an den richtigen Stellen zu pausieren“, erklärt er und schmunzelt.
Bis jeder Ton perfekt sitzt
Nach dem Einsingen beginnt die Arbeit an den Liedern des Abends. Auf dem Programm stehen unter anderem „Das Elternhaus“ und „Die Gedanken sind frei“. Das Ziel der wöchentlichen Proben ist ein Konzert, das am Mittwoch, 21. Juni, in lockerer Atmosphäre in der Bonhoeffer-Kirche stattfinden soll. Chorleiter Gölter hält es nicht lange hinter dem Klavier: Nachdem er die ersten Töne angibt, erhebt er sich, lauscht den verschiedenen Stimmlagen und perfektioniert die Harmonie. „Nur der Alt und Tenor“, „nur Bass und Tenor“, „nur Sopran“ – und schließlich alle zusammen. Gölter wirkt dabei fast wie besessen, im besten Sinne des Wortes, und arbeitet unermüdlich an der Präzision. Wiederholung folgt auf Wiederholung, bis die Stimmen perfekt zusammenspielen.
Die neuen Teilnehmer werden direkt eingebunden. „Heute waren es drei Neue“, berichtet der Chorleiter nach der Probe. Während der Zulauf zu Beginn des Projekts im Februar noch verhalten war, zeigt sich Gölter inzwischen zufrieden. Gerade die neuen Stimmen machen den Reiz des Projektchors aus: „Das ist natürlich immer eine neue Herausforderung für einen Chorleiter, wenn neue Stimmen dazukommen.“ Doch genau das spornt ihn an: „Da wird es nie langweilig.“
Ohne Projektchor kein Kirchenchor
Jedes Jahr würden ein paar vom Projektchor auch für den Kirchenchor bleiben, berichtet der Chorleiter. „Ohne den Projektchor würde es den Stammchor vermutlich gar nicht mehr geben“, ergänzt Helmut Gölter, der Vater des Chorleiters. Er selbst ist seit 1985 dabei und schätzt den Projektchor ebenfalls: „Es ist eine schöne Abwechslung, auch mal etwas anderes zu singen.“