Pirmasens Andere Stadt, gleiche Probleme

Wechselte aus einer Münchner Anwaltskanzlei in die öffentliche Verwaltung: Jan Kardaus.
Wechselte aus einer Münchner Anwaltskanzlei in die öffentliche Verwaltung: Jan Kardaus.

Auf den ersten Blick hat Pirmasens nicht viel mit Frankenthal zu tun: Die Stadt in der Westpfalz schrumpft seit Jahren, die in der Vorderpfalz verzeichnet die höchste Einwohnerzahl ihrer Geschichte. Die Wirtschaft in der einen Kommune kränkelt nicht erst seit gestern, die andere hat stabile industrielle Arbeitgeber bei sich und in der direkten Nachbarschaft. Die Schuhstadt leidet unter schlechter Verkehrsanbindung, die frühere Porzellanstadt hängt direkt am Fernstraßennetz. Jan Kardaus allerdings weiß genau, was Pirmasens und Frankenthal verbindet: die schwierige Finanzlage der öffentlichen Hand, klar, aber vor allem Kinderarmut und Jugendarbeitslosigkeit. Der Jurist hat nach der Zeit in einer Münchener Kanzlei einen ungewöhnlichen Weg gewählt: den in die öffentliche Verwaltung. In Pirmasens hat er das Rechtsamt geleitet, war für den Bereich Ordnung zuständig und seit 2015 Chef des Jugend- und Sozialamts. „Ich habe dann gesehen, dass die Stelle hier ausgeschrieben war und fand, das ist eine Herausforderung“, sagt der 44-Jährige. Er habe kurz zuvor seinen Lebensmittelpunkt wieder in Richtung Heimat, nach Neustadt verlegt - „das hat einfach gepasst“. Fachbereich lange Zeit in Kritik Seine Mission in Frankenthal ist keine leichte: Der Bereich Familie, Jugend und Soziales hatte lange Zeit mit gewaltigen Personalproblemen zu kämpfen, war wegen des Umgangs mit Flüchtlingen und deren ehrenamtlichen Helfern in der Kritik. Zuletzt verabschiedete sich der bisherige Leiter Torsten Bach zur Kreisverwaltung Bergstraße, wenige Wochen später wechselte Sozialdezernent Andreas Schwarz (SPD) in den Ludwigshafener Stadtvorstand. All das weiß Kardaus natürlich, beschäftigen oder gar aufhalten will er sich damit aber nicht. „Es gibt eine Menge zu tun“, sagt er. Seine Formel, mit der er in Pirmasens Erfolg hatte, will er auch in Frankenthal anwenden: Kommunen müssten ihren Bürgern in jeder Lebensphase, in jedem Alter Angebote machen, Unterstützung anbieten können. Besonders gefragt ist die öffentliche Hand nach Kardaus` Überzeugung allerdings an bestimmten Schnittstellen: kurz vor und nach der Geburt, während der Kita-Zeit, beim Wechsel in die Schule und am Übergang von der Schule in Ausbildung und Berufsleben. Wenn der Bereichsleiter über diese neuralgischen Punkte im Lebenslauf spricht, fällt oft das Wort „frühzeitig“: Vorbeugend handeln, nicht hinterher reparieren - so möchte Jan Kardaus im Idealfall arbeiten. Bei den Kindertagesstätten, dessen ist er sich bewusst, wird er vorerst ein Getriebener bleiben. Frankenthal muss nachsteuern: bei der Anzahl der Plätze genauso wie bei deren Struktur, bei der Suche nach geeignetem Bauland. „Wir brauchen mehr Ganztagsplätze und mehr Flexibilität bei den Zeiten“, sagt der Jurist. Im Nacken sitzt ihm auch die geplante Novelle des Kita-Gesetzes, das unter anderem eine siebenstündige Betreuung der Kleinen vorsieht. „Bedarfsgerecht“, nennt Kardaus das etwas technisch. Die städtischen Einrichtungen müssten wohl ab 2021 personell, räumlich und technisch in der Lage sein, die Kinder mit Mittagessen zu versorgen. Gleiche Chancen in der Schule Und dann kommen noch viele pädagogische Herausforderungen dazu: frühkindliche Bildung, Sprachförderung. „Damit alle spätestens in der Schule die gleichen Chancen haben“, betont Jan Kardaus. Über einen Mangel an Baustellen kann er sich kaum beklagen: „Hand in Hand“ mit externen Trägern müsse der lange vernachlässigte Kinderschutzdienst aufgebaut werden. „Das ist so ein wichtiger Punkt der nächsten Monate.“ Kämpferisch wird der neue Mann, der an Frankenthal „das Kompakte“ und die „kurzen Wege“ schätzt, bei den Themen Kinderarmut und Jugendarbeitslosigkeit: Aus seiner Erfahrung in Pirmasens heraus nennt Kardaus die Arbeitslosigkeit von Eltern als Hauptrisikofaktor dafür, dass der Nachwuchs der materiellen Not nicht entkommt. Angesichts von fast einem Fünftel armer Jugendlicher und Kinder in der Stadt reiche es nicht, „das nur festzustellen“. Mit allen Akteuren – Behörden, Schulen und Betrieben – müsse daran gearbeitet werden, dass jeder junge Mensch eine Ausbildung mache. Kardaus: „Keiner darf verloren gehen.“

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