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Freitag, 29. Dezember 2017 Drucken

Pirmasens

Pirmasenser auf Hilfsmission in Indien

Von Petra Sorge

Gefährlicher Staub im Steinbruch im indischen Bundelkhand.

Gefährlicher Staub im Steinbruch im indischen Bundelkhand. ( FotoS: SORGE)

Der Arbeitsmediziner Norbert Wagner hat im Bundesstaat Madhya Pradesh geholfen, die Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen zu verbessern

Der Arzt Norbert Wagner, 59, steht in einem Steinbruch in Zentralindien und macht mit seinem Handy Fotos. Er knipst rostige Metallplatten, verbogene Leitungen, Schrott, den grauer Staub bedeckt. Er sagt: „Das hätten wir so leicht verbessern können.“ Vor acht Jahren war das mal eine funktionierende Absauganlage. Sie sollte Staub filtern. Das Gerät war Ergebnis eines kanadischen Entwicklungsprojekts, an dem Wagner beteiligt war. Damals arbeitete er – unterstützt von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit – an einer Universität im südindischen Chennai.

Derzeitiger Wohnort Singapur

Eigentlich lebt der gebürtige Pirmasenser derzeit in Singapur. Dort lehrt er Arbeitsmedizin. Wagner war als Berater und Entwicklungshelfer auch schon in Ruanda, Tansania, Haiti, Pakistan oder Katar. Aber nur einmal hat er sich entschieden, an seinen Einsatzort zurückzureisen – das war im September, als er privat nach Bundelkhand im Bundesstaat Madhya Pradesh reiste.

Bergarbeiter-Berufskrankheit Silikose

Wagner schaut sich die Zerkleinerungsanlage an, die nun ohne die Filter auskommen muss. Sie rattert laut. Die Sicht wird trüb, es knirscht zwischen den Zähnen. Der Staub, den man sehen und spüren kann, sei nicht der gefährlichste, sagt Wagner. „Es sind die unsichtbaren Staubteilchen, die die Lunge zerstören.“ Am gefährlichsten ist das kristalline Siliziumoxid. Es ist kleiner als fünf Mikrometer – weniger als ein Zehntel eines feinen Sandkorns. Wird es eingeatmet, lagert es sich in den Lungenbläschen ab. Das Gewebe vernarbt und verhärtet sich – eine Berufskrankheit von Bergarbeitern weltweit, die sich Silikose nennt.

Manchmal hilft nur noch Lungentransplantation

Sorina Milkovic, Leiterin der „in natura“-Heilpraktikerschule Pirmasens, kennt das Problem. Sie hat 25 Jahre lang in Völklingen im Saarland gearbeitet und bis zu 400 Silikose-Patienten behandelt. Fast alle arbeiteten im Bergbau. So auch ein Ehepaar aus der Nähe von Pirmasens, das hierherzog.

Milkovic sagt, ihre Patienten leiden unter Atembeschwerden. „Manche schaffen nicht mal den Weg vom Bett auf die Toilette.“ Eine Heilung gibt es nicht, allenfalls eine Linderung der Symptome. Bei einigen Patienten helfe nur noch eine Lungentransplantation.

2015 wurden laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 699 neue Silikose-Fälle anerkannt. Und das, obwohl der Bergbau hierzulande rückläufig ist.

Alle zulässigen Grenzwerte überschritten

In Indien boomt die Branche. Geschätzt zehn Millionen Menschen sind dort dem Quarzstaub ausgesetzt. In Bundelkhand übertraf die Konzentration an Siliziumoxid laut dem Projektbericht von 2009 alle zulässigen Grenzwerte. Der Mediziner Wagner sagt: „Für mich ist der Staub einer der großen Skandale. Wir kennen die Wirkung seit über 2000 Jahren und noch immer sterben Leute daran.“ Das ist der zweite Grund für seine Indienreise: Wagner möchte die Menschen über diese Krankheit aufklären.

Die Heimat nicht vergessen

Helfen – das wollte Wagner schon, als er Pirmasens verließ und in Aachen Medizin studierte. Seinen Zivildienst machte er bei der Hilfsorganisation Medico International in Frankfurt. Von da aus ging es in die Welt; Wagner heiratete eine Amerikanerin. Seine Heimat vergisst er dabei nicht. Hier wohnt sein Cousin. Zuletzt war er im September in Pirmasens, zum 40-jährigen Klassentreffen am Immanuel-Kant-Gymnasium, das damals noch Altsprachliches Gymnasium hieß.

Den Mann an den Staub verloren

In der Steinbruchregion in Bundelkhand besucht Norbert Wagner auch mehrere Dörfer. In Sitapur erzählt der Priester Hari Ram, 67: „Unsere Lungen sind verstopft, viele werden krank, manche sterben.“ Weil der Boden zu karg zum Anbau sei, müssten rund 70 Prozent der Dorfbewohner in den Tagebauen schuften. Und in Bhojpura erzählt Murti Devi, die einen orangefarbenen Sari trägt, sie habe ihren Mann an den Staub verloren. „Er schützte sich nur mit einem Tuch vor dem Mund.“ Nach zwei Jahren im Steinbruch begann er zu husten, verlor den Appetit, konnte kaum noch trinken, spuckte Blut. Die Mediziner waren ratlos; Devis Mann starb ohne Diagnose.

Ärzte sparen sich die Bürokratie

Norbert Wagner tat damals viel, damit die Ärzte eine mögliche Silikose erkennen. Er schrieb Broschüren, sprach auf einer Konferenz in Delhi. Vielleicht fehlt manchen auch der Wille, diese Berufskrankheit aufzuspüren, befürchtet Wagner heute. Die Silikose ist auch in Indien meldepflichtig. „Indem die Ärzte das nicht weiter diagnostizieren, sparen sie sich jede Menge Bürokratie, Gutachten und Aussagen vor Gericht. Sie müssen sich so gar nicht erst mit den Eigentümern der Steinbrüche anlegen.“

Lieber in Filter investieren

Zugleich könnten Ärzte vor einem ethischen Dilemma stehen, das auch die Entwicklungshelfer damals hatten: Sollte man den Menschen wirklich sagen, dass sie an einer tödlichen Krankheit litten, für die es leider keine Medizin und keine Therapie gibt? Dann doch lieber in Filteranlagen investieren.

Warum die nicht mehr stehen, fragt Wagner vor Ort schließlich den Besitzer des Steinbruchs. Der zuckt die Schultern: ein Konstruktionsfehler. Die zuständige Firma habe sich nie wieder blicken lassen. Auch an zwei weiteren Standorten sind die Geräte außer Betrieb.

Kanadas Entwicklungsagentur antwortete auf die Frage, ob auch nachträgliche Wartungen bezahlt wurden: „Mit der Erfüllung des Projektzeitplans endete auch die Förderung durch das IDRC.“ Langzeit-Evaluation: Fehlanzeige.

 

 

Die Autorin

—Petra Sorge ist freie Journalistin, Mitglied des Netzwerks Recherche und lebt in Berlin. Mit Stipendiengeldern des EJC-„Global Health Grant“ hat sie in Indien über die Lungenkrankheit Silikose recherchiert. Dort war sie unterwegs mit dem in Pirmasens geborenen Arbeitsmediziner Norbert Wagner. Die Recherche wurde vom European Journalism Center unterstützt und von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert.

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