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Donnerstag, 20. August 2015 Drucken

Landkreis Südwestpfalz

„Oh, wie niedlich, Bambis!“

horbach: Weit gefehlt: Im Gehege von Claus Bold befindet sich Damwild, das zum Verzehr gezüchtet wird und das Gelände von Bewuchs freihält

Von Christel Jackson-Noll

 

„Oh, wie niedlich, Bambis!“ Leider falsch: In dem 8,5 Hektar großen Gehege von Claus Bold am Ortsrand von Steinalben in Richtung Horbach befinden sich nicht etwa Rehe, sondern Damwild. Es sind etwa 100 Tiere, die das Gelände freihalten und übers Jahr an einen festen Kundenstamm verkauft werden.

 

90 Prozent des Geheges liegen auf Hermersberger Gemarkung, zehn Prozent gehören zu Horbach, erklärt der Inhaber die Grenzverhältnisse. Damwild sei optimal für Freizeitparks oder zum Freihalten von Flächen, sagte Bold. Mit dem Züchten der Tiere habe schon sein Großvater in den 70er Jahren angefangen. Landwirt August Bold, einst Präsident der Landwirtschaftskammer Pfalz, fing mit fünf Tieren an. Von klein auf sei er immer bei der Fütterung der Tiere dabei gewesen, erinnert sich Claus Bold. Als sein Opa 1980 starb, übernahm sein Onkel Karl die Tiere. Auch ihm half Claus, der von Beruf Forstwirt ist, bei der Pflege des Damwildes, das sich erst in einem Gehege am Ohrenberg, später hinterm Haus in der Hauptstraße 7 befand. Nach und nach übernahm er die Verantwortung für die Tiere und den landwirtschaftlichen Betrieb, der mittlerweile im Nebenerwerb betrieben wurde.

Als Claus Bold 1991 einen Arbeitsunfall hatte, stand die Überlegung im Vordergrund, wie er sich die Arbeit mit dem Hof erleichtern könnte. Aus den einstigen Weide- und Anbauflächen für Getreide- und Viehfutter zwischen Steinalben und Horbach machte er deshalb ein Damwildgehege. Das Land musste er nicht mehr bearbeiten, weil die Tiere die Flächen von Bewuchs freihielten, erklärt er den landespflegerischen Aspekt.

Für Claus Bold, der als Verwaltungsangestellter beim Forstamt in Kaiserslautern arbeitet, ist die Zucht der Tiere Hobby. Gras, Kräuter, Laub und Rinde stehen auf dem Speiseplan der Tiere. Im Winter und bei Trockenheit wird dazugefüttert: Getreide (Hafer, Gerste, Weizen, Körnermais), Heu, Grassilage, Apfeltrester und Futterkalk. Trockenes Brot und Äpfel bekommen sie oft von Passanten. Die haben es aber meistens mit ihm abgesprochen. Keinesfalls sollten Passanten gekochtes Essen an die Tiere verfüttern. Die Tieren dürfen weder Apfelpfannkuchen noch schimmliges Brot, Pommes oder Essensreste fressen; alles Sachen, die er schon im Gehege gefunden hat. Er bittet die Passanten, das Füttern vorher mit ihm abzuklären, und ihre Plastiktüten wieder mitzunehmen. Gerade die jungen Tiere sind neugierig und haben solche Tüten schon gefressen, was auch schon zu Verlusten in der Herde geführt hat. Überhaupt geht Bold von einer zehnprozentigen Verlustrate aus. Raben oder Füchse haben schon Jungtiere getötet. Als in einem Jahr mal neun von Raben getötet wurden, holte er sich eine Abschussgenehmigung für Raben beim Kreisjagdmeister.

100 Stück Damwild befinden sich zurzeit auf der Anlage, darunter ein Stamm von 35 Muttertieren. Das Gehege hat drei Gatter, wobei die Tiere je nach Intensität der Beweidung von einem Teil in den anderen wechseln, während die abgeweidete Fläche abgesperrt wird, bis es dort wieder grünt. Um Brunftkämpfe zu vermeiden, hat Bold keine zwei gleich starken Schaufler (älterer Damhirsch) im Gehege. Die Brunftkämpfe können tödlich enden. Derzeit hat Bold einen Schaufler und einen Knieper (im dritten Jahr) im Gehege. Die restlichen männlichen Jungtiere sind noch nicht geschlechtsreif.

Im Alter von 18 bis 24 Monaten erlegt sie Bold selbst; er ist Inhaber eines Jagdscheins. Die Kunde suchen sich die Tiere aus; erst danach werden sie geschossen. Das Fleisch sei qualitativ hochwertig. Die Gruppe muss in jedem Jahr ausgedünnt werden, nicht nur um die Population unter Kontrolle zu halten, sondern auch um Inzucht zu vermeiden, erklärt der Hobbyzüchter, der auch die Schaufler in Abständen austauschen muss.

Lustige und befremdliche Geschichten weiß die Familie Bold zu erzählen. So hatte eine Gruppe schwarzer, perfekt Deutsch sprechender Studenten ein Tier für das Festmahl einer Hochzeit gekauft. Nach dem Abschuss des gewünschten Exemplars versammelten sie sich, tauchten ihre Finger in das Blut, das aus der geöffneten Halsschlagader lief, und malten sich damit das Gesicht an. Ihr Ritual setzten sie mit Gesang und einem zehnminütigen Tanz um das tote Tier fort. „Ich stand sprachlos daneben“, lacht Claus Bold heute noch, wenn er sich daran erinnert. Ein anderes Mal fuhr ein VW-Bus vor das Tor, während er am Füttern war. Ihm entstieg eine Gruppe Asiaten, die wie wild drauf los fotografierten. „Bis ich realisiert hatte, was los war, waren die schon wieder eingestiegen und fortgefahren.“

Um das Wohl der Tiere kümmert sich nicht nur das Ehepaar Claus und Rita Bohl. Manchmal helfen auch Claus’ Bruder Peter, Vater Robert und Sohn Christopher mit. Besonders beliebt beim örtlichen Kindergarten sind die Monate Juni und Juli. Dann sind die Jungtiere da, erzählt Rita Bold, die die Kinder auch mal zum Füttern mitnimmt. Eine Behindertengruppe aus Landstuhl war schon zu Beusch, und auch die Nachbarn finden sich gerne ein. Die Tiere kommen an den Zaun und fressen aus der Hand. Lustig sei es, die Tiere zu beobachten, erzählt Rita. So geben die Damhirsche in der Brunft einen Ton von sich, der sich wie Rülpsen anhört, während die Kälber „fiepsen“, um nach ihrer Mutter zu rufen. Zur Geburt ziehen sich die Damtiere in den Waldrandstreifen des Geheges zurück. Erst mit drei, vier Wochen laufen die Kälber mit den Alttieren bis zum Eingang. Alle Jungiere bilden eine „Kindergartengruppe“, in der sie sich mit einigen Damtieren aufhalten.

Im Winter suchen die Tiere unter den Bäumen oder im ehemaligen Melkstand Unterschlupf. Rita Bold behält sich das Recht vor, in jedem Jahr zwei oder drei Tiere rauszusuchen, die nicht aus der Gruppe entfernt werden. Ihre Auswahlkriterien richten sich nach dem Charakter der Tiere oder den Farben. So hatte sie einmal eins, dass völlig zahm war, ohne dass man sich intensiver mit ihm befasst hätte. In diesem Jahr hat sie sich ein fast völlig weißes und ein karamellfarbenes ausgesucht.

Auf die Frage, ob die Tiere einen Namen haben, zeigt sich Claus Bold eher pragmatisch: „Gulasch“, „Braten“, „Salami“ und „Schinkenwurst“ benennt er die Tiere im Scherz, während Rita Bold Namen wie „Schäfje“ oder „alte Tante“ aussucht. Claus Bold organisiert für die Kreisgruppe Kaiserslautern des Landesjagdverbandes und für die US-Amerikaner Seminare für Jungjäger, in denen er anhand des Damwildes erklärt, wie ein Tier aufgebrochen (zerlegt) wird. Angst um den Fortbestand des Geheges hat das Ehepaar Bold nicht. Der zehnjährige Neffe Luca zeigt jetzt schon Interesse an den Tieren und will immer mit dabei sein.

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