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Freitag, 18. Januar 2019 Drucken

Landkreis Südwestpfalz

„Hauenstein im Kranze seiner Felsen und Berge“

Heimatgeschichte: Schon vor dem Zweiten Weltkrieg brach die Gemeinde mit „Siebenmeilenstiefeln“ auf den Weg zum Fremdenverkehr auf

Von Willy Schächter

Die Siebenmeilenstiefel-Karte als Postkarte mit dem Werbegedicht von Lehrer und Bürgermeister Friedrich Wetzler.

Die Siebenmeilenstiefel-Karte als Postkarte mit dem Werbegedicht von Lehrer und Bürgermeister Friedrich Wetzler. ( Repro: Willy Schächter)

Mit einer Fotomontage wurde ein Werbemotiv für den Hauensteiner Ortseingang am Felsendurchbruch kreiert.

Mit einer Fotomontage wurde ein Werbemotiv für den Hauensteiner Ortseingang am Felsendurchbruch kreiert. ( Repro: Willy Schächter)

Das erste Siebenmeilenstiefel-Motiv in der Vorkriegswerbung in Hauenstein auf dem Briefkopf der Gemeinde (1939).

Das erste Siebenmeilenstiefel-Motiv in der Vorkriegswerbung in Hauenstein auf dem Briefkopf der Gemeinde (1939). ( Repro: Willy Schächter)

«Hauenstein.» Bisher war man der Meinung, dass die Geburtsstunde des Hauensteiner Fremdenverkehrs – seit 1985 auch Luftkurort – im Jahre 1955 liegt. Wie Recherchen der RHEINPFALZ ergaben, hatten jedoch bereits in den 30er Jahren die ersten Werbekampagnen zum Aufbau eines eigenständigen Fremdenverkehrs in Hauenstein konkrete Formen angenommen.

Am Beispiel von kürzlich aufgefundenen Original-Werbeprospekten, die schon vor dem Krieg in erstaunlich moderner Aufmachung um Gäste warben, wird deutlich, dass man besonders ab 1935 auch auf das zweite Standbein neben der Schuhproduktion setzen wollte. Der Krieg setzte diesen Bemühungen vor mehr als 80 Jahren dann aber ein jähes Ende.

Durch die außergewöhnliche Entwicklung der Schuhindustrie nach dem Ersten Weltkrieg kamen überaus viele Fremde in den zuvor äußerst ruhigen und verträumten Wasgauort. Darauf stellten sich schon insbesondere in den 30er Jahren als erste die Hauensteiner Wirte ein. Sie passten ihre alten Dorfwirtschaften schnell den Bedürfnissen einer wachsenden Industrie an. Diese Entwicklung führte bereits in der Mitte der 30er Jahre einen wesentlichen Schritt weiter: Das Augenmerk fiel jetzt auch auf Sommerfrischler und Wandergäste. Davon zeugt auch der erste in Form und Inhalt ansprechende Prospekt. Es beinhaltet die wohl erste Gemeinschaftsaktion der Hauensteiner Gastronomie in engem Zusammenspiel mit dem Rathaus: präzise knappe Texte, farbige Gestaltung, nachhaltiges Logo. Ein gelungenes Marketing vor 85 Jahren im DIN-A4-Format.

Der bei den Gebrüdern Dentzer in Annweiler gedruckte, vierseitige Prospekt verweist zielgerichtet auf „ein Stück südpfälzischer Felsenlandschaft in überraschender Abgeschlossenheit“. In gleicher Weise macht es auf der anderen Seite an den modernen Anschluss zur großen Welt mit dem Dreigestirn „Schnellzugstation München-Saarbrücken – beachtliche Schuhindustrie – Schwimmbad im Bau“ aufmerksam.

Fast alle in der solidarischen Gemeinschaftswerbung verzeichneten Gaststätten „empfehlen sich aufs Beste“. Sie verweisen, wie beispielsweise das Gasthaus „Zur Sonne“ von Karl Bärmann, „auf schöne Fremdenzimmer, Nebenzimmer, Garage und Zentralheizung“. Im Zuge dieser Entwicklung zu einem zweiten Standbein – in Dahn vollzog sich dieser Prozess schon einige Jahrzehnte früher – entstand in den 30er Jahren mit dem neu gebauten „Felsentor“ von Julius Seibel der erste Hotel- und Gastronomiebetrieb am Ende der damaligen Bahnhofstraße. Das „Felsentor“ wirbt mit modern eingerichteten Fremdenzimmern mit fließend Wasser und Zentralheizung und selbstbewusst erstmals als Hotel und „Fremdenpension“. Beim „Schwanen“ („de Meyer Max“) wird der Pensionspreis mit 2,50 Reichsmark pro Tag angegeben.

Die anderen Traditionshäuser „Zum Engel“ und „Zum Ochsen“ mitten im Ort – in der ersten Gemeinschaftswerbung dieser Zeit fehlen eigentlich nur das Wirtshaus „Zum Löwen“ und die damalige Bahnhofswirtschaft – verweisen stolz auf ihre „modernen Fremdenzimmer“. Der „Pfälzer Hof“ nennt sich sogar in städtischer Manier „Hotel-Restaurant“ mit dem Zusatz „Erstes Haus am Platze“ mit einem Pensionspreis von 3,50 Reichsmark.

„Formenspiele wie natürliches Felsentor, Puppe, Barbarossakopf bringen Abwechslung in das außergewöhnliche Landschaftsbild“: Kurze und knappe Textpassagen verweisen auf „Hauenstein im Kranze seiner Felsen und Berge“. Für den Wandel Hauensteins zu einem kleinen Zentrum stehen auch das moderne „Tonfilmtheater“ und vor allem ein neues Café-Haus. In den 30er Jahren schuf der junge „Cafétier“ Karl Müller, der das Bäckerhandwerk seines Vaters Felix Müller nach französischem Vorbild zur „Café und Konditorei“ verfeinerte. „Charly“ Müller baute mitten im Ort das auch heute noch architektonisch ansprechende erste Hauensteiner Café (heute Brillen Ruppert), das er mit seiner Ehefrau Katharina im modernen Caféhaus-Stil der frühen 30er Jahre erbaut hatte und bis ins hohe Alter in den 70er Jahren führte.

Die Innenseite des vor 85 Jahren erstellten Flyers schmückt die wohl erste „Flugzeugaufnahme von Hauenstein/Pfalz“ zusammen mit einer wirkungsvollen Text-Fotomontage am Hauensteiner Felsendurchbruch. Die „Eingangspforte nach Hauenstein“ wird mit dem geschickt platzierten Schriftzug „Besucht das schöne Hauenstein“ in den grafischen Mittelpunkt gestellt. Dieses bisher unbekannte Foto könnte auch heute noch den vielfältigen Bemühungen, die Schuhmeile an den alten Ortskern anzubinden, zu einer weiteren Gestaltungsidee animieren. Spektakulär für die Vorkriegszeit ist auf der Rückseite ein übersichtliches Panoramabild und einer auch heute noch zeitgemäß anmutende Verkehrsspinne mit Hauenstein als Mittelpunkt des Dreiecks Frankfurt-Karlsruhe-Saarbrücken.

Wie stark die erste Gemeinschaftsaktion der Hauensteiner Wirte in Richtung Fremdenverkehr in der zweiten Hälfte der 30er Jahre auch in enger Absprache mit der Gemeindespitze erfolgte, wird in einem zweiten Originaldokument deutlich, das jetzt wiedergefunden wurde. Auf dem offiziellen Briefumschlag (19 mal 12,6 Zentimeter) der Gemeinde dieser Jahre – auf dem Originalbeleg ist die Jahreszahl 1939 zu sehen – ist auf der linken Seite das erste grafisch gelungene Werbe-Logo mit den Hauensteiner „Siebenmeilenstiefel“ angebracht. Das farbige Logo ziert den offiziellen Briefumschlag mit dem Untertitel „Der Bürgermeister der Gemeinde Hauenstein“. Heimatkundler Eugen Klein (89) glaubt, dass das Motiv von einem in Hauenstein stationierten Offizier stammt. Der damalige Hauensteiner Bürgermeister Friedrich Wetzler (1933 bis 1945 im Amt) ließ das Siebenmeilenstiefel-Motiv zu seinem bekannten Gedicht „Schönes Hauenstein“ grafisch modifizieren. Diese gelungene Siebenmeilenstiefel-Werbung ging sogar bis in die 80er Jahre als werbewirksame Postkarte in alle Welt. Wetzler hatte bereits als Junglehrer ein Faible für Literatur und Lyrik. Der in den 50er Jahren als Lehrer in Annweiler wirkende ehemalige Bürgermeister war am Ende seiner beruflichen Tätigkeit auch Ehrenpreisträger beim traditionellen Mundartwettstreit in Bockenheim. 1961 gewann er nochmals unter 667 eingegangenen Manuskripten mit seiner Mundarterzählung „Schulvissetation“ den zweiten Preis.

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