Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Druck und Hilfe: Eltern gründen Selbsthilfegruppe zu Legasthenie und Dyskalkulie

Das „Deutsche Ärzteblatt“ schätzt, dass weltweit rund fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung von Legasthenie betroffen sind.
Das »Deutsche Ärzteblatt« schätzt, dass weltweit rund fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung von Legasthenie betroffen sind.

Eltern von Kindern mit Dyskalkulie und Legasthenie haben eine Selbsthilfegruppe gegründet. Beim ersten Treffen wurde deutlich, mit welchen Problemen Familien zu kämpfen haben.

Die erste Selbsthilfegruppe in Rheinland-Pfalz für Eltern von Kindern mit Dyskalkulie und Legasthenie wurde vergangene Woche in Neustadt gegründet. Vorausgegangen war ein sehr gut besuchter Vortrag von Corinna Roß-Homberg, selbst Mutter eines von Legasthenie betroffenen Sohnes. Dass ein großer Bedarf an Austausch und Hilfe in der Region um Neustadt besteht, wurde an diesem Abend offensichtlich.

Das „Deutsche Ärzteblatt“ schätzt, dass weltweit rund fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung von Legasthenie betroffen sind. In Deutschland liegt die Quote bei drei bis acht Prozent, das sind rund drei Millionen Menschen. Von Dyskalkulie, also einer Rechenstörung, sind drei bis sieben Prozent der Menschen betroffen. Eine Kombination beider Schwächen wurde schon festgestellt. Der Prozentsatz liegt jedoch unter drei Prozent. Laut Institut für Diagnostik und Lerntraining gelten von elf Millionen Schülern rund 1,7 Millionen als von Lernstörungen – inklusive Legasthenie und Dyskalkulie – betroffen.

30 Eltern bei der Gründungsversammlung

Roß-Homberg ist Mitglied sowohl des Bundes- als auch des Landesverbands, die sich um die rechtlichen Belange von Menschen mit einer Rechtschreib- und Leseschwäche sowie Rechenstörung kümmern. Die Organisation auf Landes- und Bundesebene sieht sich als Selbsthilfeverband. In Rheinland-Pfalz wird der Landesverband von Melanie Thönnes aus Cochem vertreten. Thönnes arbeitet als Lehrerin und berät Eltern über Anträge, Förderungen, Rechtsfragen und Kommunikation mit Schulen. Sie wird dabei nun von Roß-Homberg unterstützt.

Thönnes begrüßt die Gründung der Selbsthilfegruppe und war beim ersten Treffen in Mußbach dabei. Dreißig Eltern fanden sich zur Gründungsversammlung im Mußbacher Winzer ein. Sie kamen aus einem Gebiet von Worms bis Kandel nach Neustadt. Es bedurfte nur kurzer einleitender Worte von Roß-Homberg, bis sich der Druck, unter dem die Eltern stehen, zeigte. Erfahrungen wurden geteilt, Frust über Eltern-Lehrer-Gespräche deutlich gemacht, die Suche nach Hilfe, auch finanzieller Art, war Thema.

Mutter schildert das Abrutschen ihres Kindes

Eine Mutter eines Mädchens, das die zehnte Klasse eines Gymnasiums besucht, schilderte das Abrutschen ihres Kindes und das Unverständnis der Lehrer. Die Rechenschwäche des Mädchens habe sich mittlerweile auf Fächer wie Physik, Chemie und nun auch auf Geschichte ausgeweitet. „Meine Tochter kann Zahlen nicht sehen, nicht lesen“, erzählt sie. Die Schülerin erhalte statt einer Förderung von den Lehrern enormen Druck, sagt die Mutter. Das Kind habe sich stark verändert, sei frustriert und in sich gekehrt. Um das Mädchen zu retten, habe sie einer Wiederholung der Klasse und damit einem Wechsel der Lehrer zugestimmt. Nun habe man sie nach einem Attest gefragt, obwohl jährlich eine neue von einer Kinderpsychologin ausgestellte Bescheinigung vorliege.

Die Elternrunde spricht über die Frequenz von Attesteinreichungen, die zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, je nach Schule, schwankt. Thönnes erwähnt, dass zum Wohle der Kinder die Angebote der Schulen in Qualität und Quantität halbjährlich überprüft werden sollen. Deutlich wurde an dem Abend, dass der sogenannte Nachteilsausgleich in Schulen unterschiedlich gehandhabt wird. Der Nachteilsausgleich dient der Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen, also auch die Lese-Rechtschreibschwäche und in Teilen auch die Dyskalkulie. Er gleicht Einschränkungen durch individuelle Anpassungen aus, ohne die Leistungsanforderungen zu senken.

Was ist ein Nachteilsausgleich?

Ob der Nachteilsausgleich beantragt werden muss, wurde strittig diskutiert. Immer wieder wird an diesem Abend von unterschiedlichen Schwierigkeiten und Erfahrungen mit Schulen und einigen Lehrern gesprochen. Die Teilnehmer berichten vom Erkennen oder Ignorieren der Schwächen, von Angeboten, aber auch Förderungen, die nur auf dem Papier stehen. Eltern von Grundschülern mit Legasthenie sind besorgt über den Übergang auf eine weiterführende Schule, insbesondere über die kommende Fremdsprache. Wie kann man sich verhalten? Direkt das Gespräch mit den Lehrern suchen? Die meisten Anwesenden haben schon mit Lerntherapeuten gearbeitet, die aus eigener Tasche bezahlt wurden. Aus der Runde gab es den Hinweis auf Kostenübernahme durch das Jugendamt. „Hätte ich das bloß früher gewusst“, stöhnt eine alleinerziehende Mutter, die ihren Sohn drei Jahre lang therapieren ließ und die Kosten mit einem Zusatzjob stemmte.

Initiatorin Roß-Homberg versprach, den Teilnehmern in einer Folgemail Informationen und Links zu einschlägigen Seiten zukommen zu lassen. „Informierte Eltern können ganz anders mit Lehrern sprechen und auf die Rechte ihrer Kinder hinweisen“, sagt sie. Wer Interesse an der Selbsthilfegruppe hat, kann Corinna Roß-Homberg per Mail unter corinna.homberg@web.de kontaktieren.

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