Neustadt
Zukunft in der Flasche: Gesellenstück überzeugt schon vor der Prüfung
Sonja Walter steht kurz vor der Gesellenprüfung zur Weintechnologin. Ihr Gesellenstück ist ein eigener Wein. Die Weinbiet Manufaktur in Neustadt-Mußbach ist ihre Ausbildungsstätte und ermöglichte ihr, einen Wein von Anfang bis Ende, also vom Aussuchen der Sorte bis zur Vermarktungsstrategie, herzustellen. Es sind nicht nur ein paar Flaschen, die gerade so reichen, um den Prüfungsausschuss zu bedienen; mit dem Wein gefüllt wurden rund 6500 Flaschen.
Walter wählte für das Projekt eine sogenannte Zukunftsrebe mit dem Namen Sauvitage. Sie gehört zu den Piwi-Sorten, ist also eine pilzwiderstandsfähige Rebsorte, die durch hohe Resistenz gegen Echten und Falschen Mehltau den Pflanzenschutzmitteleinsatz um mehr als 50 Prozent reduzieren kann. Die Neuzüchtung hat Anteile von Riesling, Weiß- und Grauburgunder sowie Sauvignon Blanc. Sie wurde mit einer asiatischen Wildrebsorte gekreuzt. Erst vor drei Jahren pflanzte man sie erstmals im Gebiet der Weinbiet Manufaktur an. Im Herbst brachte sie genügend Ertrag, um sie aussagekräftig auszubauen.
An veränderte Klimabedingungen anpassen
Die Rebensorte Sauvitage ist so jung, dass sie sich noch in der Experimentierphase befindet. Das Ziel der angehenden Weintechnologin war es, einen nachhaltigen Wein mit einem reduzierten Ressourceneinsatz herzustellen, der klimaschonend ist und sich an veränderte Klimabedingungen anpasst. Sie sagt, dass der Klimawandel die Branche vor Herausforderungen stellen wird. Jetzt sei es noch möglich, durch Versuche mit neuen Rebsorten einen Weg für den Weinbau zu finden. Rein und klar sollte ihr Wein sein, im Geschmack Fülle und Länge aufweisen – und eben gut schmecken.
Der Sauvitage ist trocken ausgebaut, hat viel Frucht, eine angenehme Restsüße und erinnert mit seinen Aromen an Maracuja und Grapefruit. Die Zielgruppe, die Walter vor Augen hatte, sind versierte Weingenießer und junge Wein-Neulinge zwischen 18 und 30 Jahren, die sich erst an das Thema herantasten. Letztere ist eine inzwischen schwerer zugängliche Gruppe, denn im aktuellen Trend bei jungen Menschen liegt der reduzierte Alkoholgenuss bis hin zu gänzlichem Verzicht.
Wein wieder für alle zugänglich machen
Auch die Weinbranche spürt die Zurückhaltung. Bastian Klohr, geschäftsführender Vorstand der Weinbiet Manufaktur, ist Ausbilder von Walter und hat ihr das Projekt anvertraut. Er sieht noch ein weiteres, selbst verursachtes Problem darin, dass die Weinbranche in den vergangenen Jahren in ihrem Anspruch und in ihrer Sprache eine hohe Hürde für jene aufgebaut habe, die sich dem Thema nähern wollen: „Wir sprechen in Fachbegriffen, die wir inhaltlich teils sogar überhöht haben. Wir Winzer müssen uns fragen, ob das der richtige Weg ist, wenn wir von einer großen Gruppe der Konsumenten nicht verstanden werden. Machen wir damit neugierig und Lust auf Wein, oder schrecken wir Wein-Novizinnen damit eher ab?“ Es käme sogar so weit, dass sich so mancher Weintrinker auf die Fachsimpelei einließe, diese falsch einsetze und sich damit als nicht kundig outen würde. Das sei „Kokettieren mit Nichtwissen“ und schrecke viele Menschen ab. Davon müsse die Branche Abstand nehmen und das Thema für alle wieder zugänglich machen. „Wein zu genießen, muss wieder Spaß machen“, erklärt Klohr.
Etikett entstand bei weltweitem Wettbewerb
Walters Gesellenstück heißt „Bray for the future“. Hinter dem Namen steckt eine Geschichte: Der Esel ist als Symbolträger Mußbachs bekannt. Eselshaut ist eine Mußbacher Weinlage, die rund 300 Hektar umfasst. Bray ist das englische Wort für die Laute eines Esels, Future steht für die Zukunftsrebe. Der englische Name weist auf Walters amerikanische Wurzeln hin. Das Etikett entstand bei einem weltweiten Grafikwettbewerb, der bereits am ersten Tag hunderte Vorschläge lieferte. Die Optik sollte witzig, verspielt und ansprechend sein.
Walter ist stolz auf ihren Wein, der bereits bei der Fachmesse Eurovino am ersten Märzwochenende präsentiert wurde. Er kam in der Verkostung sehr gut an und wird in das Sortiment der Weinbiet Manufaktur aufgenommen. „Sonja Walter hat mit ihrem Sauvitage Maßstäbe gesetzt und sich damit eine wichtige Vorbildfunktion erworben“, sagt Klohr.