Neustadt Wie unser Rechtssystem in seinem Innersten tickt

«Neustadt». Die Welt der Justiz ist ein ganz eigener Kosmos, das Leben und Geschehen an Gerichten verläuft meist vollkommen anders, als man sich das gemeinhin vorstellt, und auf gar keinen Fall so, wie es in Gerichtsserien im Fernsehen dargestellt wird. Wer diese Welt kennenlernen möchte, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er geht viele Jahre immer wieder zu Verhandlungen, oder er liest den Roman „Justizpalast“ von Petra Morsbach.
Die Schriftstellerin, die 1956 in Zürich geboren wurde, hat für ihr Buch während der Dauer von zehn Jahren zahlreiche Gerichtsverhandlungen besucht und mit vielen Juristen gesprochen. Da Morsbach in der Nähe von München lebt, war für ihre Recherchen der dortige Justizpalast die zentrale Anlaufstelle, und genau dort spielt auch ihr Roman. Denn dieser Justizpalast ist der Arbeitsplatz der Protagonistin Thirza Zorniger, die zu dem Gebäude aber auch noch aus einem anderen Grund ein ganz besonderes Verhältnis hat – denn sie verdankt ihm quasi ihr Dasein: „Schon Thirzas Mutter wäre gern Richterin geworden. Doch dann kam Carlos Zorniger dazwischen“, so beginnt der Roman. Thirzas Mutter, ein gut behütetes Einzelkind aus bürgerlichem Haus, begegnet während ihres Referendariats im Justizpalast nämlich dem Schauspieler und Lebemann Carlos Zorniger und wird nicht Richterin, sondern Ehefrau und Mutter. Aus der Sicht der kleinen Thirza erzählt Morsbach zunächst vom Leben im Schwabinger Bohème-Haushalt, aus dem Thirza, nachdem die Ehe der Eltern scheitert, in das Haus der Großeltern wechselt, in dem vor allem die beiden Schwestern der Großmutter dafür sorgen, dass die Kindheit und Jugend des Mädchens durchaus glücklich geraten. Dort kristallisiert sich auch schnell der Berufswunsch Thirzas heraus: „Ich will Richterin werden“, verkündet sie schon früh, und Morsbach begleitet die junge Frau dann auf ihrem Weg zum Traumjob auf all ihren Stationen. Die Schriftstellerin bedient sich dabei einer sehr klaren, schnörkellosen Sprache, die das Geschehen sehr genau beschreibt und einem förmlich den Eindruck vermittelt, direkt dabei zu sein. Morsbach hat intensiv recherchiert und sich bei Juristen fachlichen Rat geholt, doch sie hat sich nicht von der komplizierten, verquasten und oft ziemlich faden Sprache der Juristen beeinflussen lassen. Doch sie beschreibt sehr genau, wie Urteile und Entscheidungen zustande kommen. Dass Richter beispielsweise oft einen Vergleich vorschlagen, nicht weil das angesichts der Rechtslage angebracht wäre, sondern weil sie keine Lust haben, sich über Wochen mit einem komplizierten Spezialgebiet zum Beispiel aus dem Wirtschaftsrecht auseinanderzusetzen. Oder dass manches Urteil schlicht darauf zurückzuführen ist, dass die Richter einer Kammer einen Kleinkrieg gegeneinander führen, und dass es Anwälte gibt, denen vor allem daran gelegen ist, sich selbst in Szene zu setzen, auch wenn das ihrem Mandanten eher schadet, als nutzt. Es sei ein sehr realistisches Bild der Justiz, das sie in „Justizpalast“ zeichnet, bescheinigten viele Profis der Autorin. Doch ist der Roman deshalb keinesfalls trocken, sondern ein sehr lebendig erzähltes Stück Literatur. Und sein Thema ist ja auch nicht nur die Juristerei, sondern auch eine sehr interessante Frau. Thirza Zorniger wirkt nach außen zwar etwas trocken und spröde, genauso wie die Justiz im Allgemeinen eben, doch ebenso wie diese hat sie in Wahrheit richtig Feuer. Entstanden ist die Idee zu diesem Roman übrigens in Edenkoben. Da war Morsbach 2006 Stipendiatin des Herrenhauses. Zwei Juristen, die sie hier kennenlernte, weckten ihr Interesse an der Justiz, einer Welt, die sie seitdem fasziniert. Das Buch, das darüber entstanden ist, sei ihre „Leidenschaft“, sagt die Autorin, die seit ihrem 1995 erschienenen Debüt „Plötzlich ist es Abend“ insgesamt sieben Romane veröffentlicht hat. Lesezeichen Petra Morsbach: Justizpalast. Roman, Knaus-Verlag, gebunden, 2017, 480 Seiten, 25 Euro.