Menschen
Wie sich ein Pharmazierat auf eine hohe Ehrung vorbereitet
1980 wurde Hans Cherdron von der damaligen Bezirksregierung in Neustadt zum Pharmazierat ernannt. Heute ist er der älteste und am längsten tätige Pharmazierat. Seit über vier Jahrzehnten ist der heute 88-jährige Königsbacher deshalb ehrenamtlich als Berater in Sachen Ausbildung, Prüfung und Zertifizierung in seinem Bezirk Vorder- und Westpfalz unterwegs. Rund 15.000 Kilometer jährlich legt er dafür zurück. Am Dienstag, 5. Dezember, wird Cherdron nun mit der Verdienstmedaille des Landes in Mainz geehrt.
Sein Weg war vorbestimmt. Schon Cherdrons Großvater und Vater arbeiteten als Apotheker. Ihm als Ältesten von drei Kindern blieb keine Wahl, als die Tradition fortzuführen. Dabei wäre er gern Chirurg geworden oder aber Tiermediziner. Berufe in der Natur hätten ihn ebenfalls gereizt. Die Liste seiner Interessen ist noch immer lang – Hans Cherdron hat es geschafft, seine vielfältigen Leidenschaften und die Neugier in sein Leben zu integrieren. Doch der Start war nicht leicht.
Unter Beschuss
Seine Jugend war von den Kriegswirren geprägt. Der Vater wurde früh ins Reichsheer berufen, seine Mutter und die Kinder waren von nicht endenden Evakuierungen betroffen. In den ersten vier Grundschuljahren besuchte Cherdron 14 verschiedene Schulen und traf auf überforderte Lehrer in überbelegten Klassenzimmern. Um der Schule folgen zu können, musste er sich den Stoff selbst anlesen. Die Familie litt Hunger. Auf der Suche nach etwas Essbarem geriet die Mutter mit den Kindern unter Feuerbeschuss. „Das sind Bilder, die man nicht vergisst“, sagt er.
1957 begann Cherdron sein Pharmaziestudium. Drei Jahre später machte er bereits seinen Abschluss und begann in der väterlichen Schwanen-Apotheke am Strohmarkt in Neustadt. 1968 übernahm er sie federführend. Mit Leib und Seele war er Apotheker: „Nur Tabletten über den Tresen zu schieben, das war nie mein Ziel.“ Er hörte seinen Kunden zu, beriet sie und konnte ihnen schon alleine durch Tipps zur korrekten Anwendung der verschriebenen Medikamente helfen.
Oft 100-Stunden-Woche
Der Beruf machte ihm Freude, weil er helfen konnte. Nicht selten arbeitete er 100 Stunden pro Woche. Cherdron stellte einen Teil der benötigten Arznei mit der einzigen Tablettenmaschine in Neustadt selbst her. Er verwendete Heilkräuter aus eigenem Anbau, denn die Qualität der zum Kaufen angebotenen entsprach nicht seinen Ansprüchen. Mit der Zeit erweiterte er die Anbaufläche auf dem eigenen Grundstück, sodass er zeitweise jährlich bis zu 200 Kilogramm der wertvollen Kräuter ernten konnte. Fasziniert von der Botanik, legte er nebenher ein stattliches Herbarium von mehr als tausend Pflanzen an, leitete botanische Exkursionen in Südbaden und lehrte Botanik am Naturwissenschaftlichen Technikum in Landau für Pharmazeuten im mikroskopisch-botanischen Praktikum.
Cherdron liebte es, zu unterrichten, und er nahm sich die Zeit, Wissen in der Tiefe zu vermitteln. So auch in seiner Apotheke. „Ich hatte immer zwei Auszubildende, die ich täglich eine halbe Stunde unterrichtete“, erzählt er. Als er mit 65 Jahren die Apotheke an seinen Nachfolger abgab, fand er endlich Zeit, mit seiner Frau Fernreisen zu unternehmen. Sie besuchten Afrika und Asien – und stillten dort ihren Wissensdurst in Sachen Paläontologie und Mineralogie. „Die vielen Tiere haben es mir angetan“, bekräftigt er.
Ein Schlips reicht
Auf seinen Reisen haben ihm sein Wissen und die Freude an den Kulturen und der Natur auch Türen geöffnet. Und seine Sprachkenntnisse, zu denen sogar Arabisch gehört. Zurzeit lernt er Italienisch an der Volkshochschule. Und noch immer ist er regelmäßig ehrenamtlich unterwegs. Nur bei Schnee und Eis verzichtet Hans Cherdron auf Fahrten in die Westpfalz.
Wie er sich auf die Verleihung der Verdienstmedaille in Mainz vorbereitet? „Ich ziehe mir einen Schlips um und lasse mich von meiner Frau fahren.“ Aufgeregt? „Nein, das muss ich nicht mehr sein.“