Neustadt
Wie ein Ingolstädter die Pfalz erlebt: „Alle in der Weinbranche sind Genießer“
Herr Kost, Sie stammen aus Ingolstadt, also Oberbayern. Da denkt man an Berge und Seen. Was hat Sie zur Pfalz gebracht?
Meine Großeltern hatten einen Weinhandel und vermarkteten damals schon Weine unter anderem von Bassermann-Jordan aus Deidesheim. Zum Weingut gab es freundschaftliche Beziehungen. Mit meinem Opa war ich damals auch zum ersten Mal in der Pfalz. So wurde bei mir das Interesse für Wein und die Region geweckt. Von Verwandten und Freunden meiner Eltern kannte ich auch die Tradition, dass sie mit dem Auto in die Pfalz gefahren sind und mit einem Kofferraum voller Wein nach Hause kamen.
Also war der berufliche Weg früh vorgezeichnet?
Gewissermaßen. Die Erwachsenen waren damals vom Riesling aus der Pfalz begeistert. Wir Jungen waren eher öfter mal am Gardasee, wo man von Ingolstadt aus ja in drei Stunden ist. Wir fanden die italienischen Weine attraktiver. Ich habe so aber gemerkt, dass ich mich für Weine, ihre Präsentation und Vermarktung interessiere. Dann bin ich Richtung Weinbau gegangen und war beim Studium in Geisenheim ein Quereinsteiger.
Und wie lernt man so die Praxis?
Ich habe eine Winzer-Lehre in Franken am Untermain gemacht. Anschließend ging ich nach Geisenheim, um dort an der Fachhochschule Weinbau und Oenologie zu studieren. Parallel zum Abschluss leitete ich in den letzten zwei Semestern ein städtisches Weingut an den Steilhängen des Untermains. Ich führte diesen Betrieb zwei Jahre, als ich von meinem ehemaligen Professor das Angebot bekam, an einem Forschungsprojekt zur Einkommensanalyse von weinbaulichen Betrieben mitzumachen. Grundlage dafür war ein weiteres zweijähriges Studium an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Hier konnte ich viel über internationale Politik sowie Handel und Strukturen im Bereich der allgemeinen Agrarwissenschaft lernen. Die betriebswirtschaftliche Schiene war dabei ein Schwerpunkt von mir. Nach Abschluss dieses Uni-Studiums begann ich am Institut für Betriebswirtschaft und Marktforschung meine Promotion, eine Fortführung des Forschungsprojektes. Wiederum parallel zum Abschluss nahm ich 2001 eine Aufgabe als Produktmanager bei einem internationalen Weinvermarkter an.
Und wann kommt die Pfalz ins Spiel?
Im September 2002. Da habe ich die Stellenausschreibung bei der Winzergenossenschaft Niederkirchen gesehen. Das fand ich sehr interessant und bekam im Feld von 60 Bewerbern den Job als Geschäftsführer des Winzervereins. In meine Zeit dort fällt die Umbenennung in Niederkirchener Weinmacher, das war 2003. Bei Kunden kam der neue Name sehr gut an. Ab 2003/04 haben wir auch in die USA exportiert. Wir haben bis zur Bankenkrise 2008 circa 700.000 Flaschen vom Blue-Fish-Riesling pro Jahr dorthin verkauft. 2002 bin ich dann übrigens auch nach Diedesfeld gezogen.
Und geblieben?
Ja, obwohl ich ab 2010 dann selbstständig und ab 2013 als Vorstand bei Deutsches Weintor war. Ich empfand das als sehr schön: Als Bayer war ich für das Einkommen Pfälzer Winzer verantwortlich. Ich bin auch heute noch oft in Bayern und verstehe mich als Motivator, um dort den Pfälzer Wein zu stärken. Als wir im Sommer am Schliersee im Urlaub waren, haben wir abends beim Essen erst einmal geschaut, welche Pfälzer Weine es gibt – und die dann bestellt.
Sie sind also überzeugter Wahlpfälzer, obwohl Sie ja beruflich inzwischen „fremdgegangen sind“?
Absolut. Von 2018 bis 2025 war ich Geschäftsführer bei der Weingärtnergenossenschaft Stromberg-Zabergäu in Württemberg. Dort gibt es auch sehr gute Weine, und wir wurden mit der Genossenschaft mehrfach ausgezeichnet, 2023 als beste Deutsche Winzergenossenschaft. Die Weinbaustrukturen in der Pfalz sind andere. Die Pfalz hat aktuell den Vorteil, dass Kunden die leichten Weißweine so mögen. In Württemberg gibt es noch mehr Rotwein, und hier habe ich mich auch sehr gerne dafür eingesetzt. Ich pendelte zur Arbeit. Ich liebe die Pfalz und mein Haus in Diedesfeld.
Was begeistert Sie so, dass sie der Pfalz treu bleiben?
Die Mentalität von Pfälzern und Bayern ist ähnlich. Ich liebe die Region hier: die Hütten im Wald, Mountainbiketouren am Wochenende. Das geht ja alles ab der Haustür. Außerdem gibt es historische Verbindungen zwischen Bayern und der Pfalz. Von meinem Ururgroßvater aus Bayern habe ich noch einen Spazierstock, auf dem Reben zu sehen sind. Das ist ja fast schon ein Zeichen. Zumal ich es aus meiner Familie kenne, dass man sonntags guten Wein genießt. Mein Leben in der Pfalz will ich nicht missen.
Also kein Bier?
Doch, das schmeckt mir als Bayer natürlich auch. Ich genieße je nach Anlass. Alle in der Weinbranche sind Genießer. Dazu zähle ich auch: ein Bayer, der im Pfälzer Weinbau mit Spaß und Visionen dabei ist. Interessante Weine aus allen deutschen Anbaugebieten bringe ich oft zum Probieren zu Freunden in Bayern, so kommt die Sicht der Verbraucher rein. Das ist vor allem aktuell wichtig, wo der gesamte Weinbau vor großen Herausforderungen steht. Wir müssen uns mit alkoholfreiem Wein und Wein mit weniger Alkohol befassen, fragen, was der Generation Z schmeckt, und auch Wein in Dosen vermarkten. In anderen Ländern gibt es das schon sehr viel.
Wie sieht’s denn mit der Küche aus?
Ich bin offen für alles. Bayern und Pfälzer genießen gerne, da bin ich dabei. An Weihnachten gab’s wieder bayerische Weihnachtsgans mit Semmelknödeln, und bei Besuchen daheim muss schon immer noch ein Schweinsbraten sein. Ich würde auch gerne einen Stammtisch für Bayern in der Pfalz ins Leben rufen, gerne können nette Leute an pfalzbayern-stammtisch@web.de schreiben.
Und für wen schlägt das Fußballherz?
Inzwischen für den FCK, auf dem Betze war mein Sohn auch schon Einlaufkind. Als Ingolstadt und der FCK in der Bundesliga waren, haben die Lauterer in Ingolstadt in der Nähe meines Elternhauses übernachtet. Mein Vater ging abends zum Hotel und hat vom gesamten Team Autogramme für meinen Sohn geholt.
Bei der Sprache hört man Ihre Herkunft noch.
Ja, und daheim spreche ich so richtig Bayerisch. Pfälzisch verstehe ich, aber ich habe es selbst nicht angenommen.
Zur Person
Bernd Kost wuchs in Ingolstadt in Oberbayern auf. Nach dem Abitur entschied er sich für eine berufliche Laufbahn im Weinbau. Er absolvierte eine Lehre in Franken und studierte in Geisenheim sowie Gießen. 2002 zog er in die Pfalz und lebt seither in Diedesfeld. Von 2002 bis 2010 war er Geschäftsführer bei den Weinmachern in Niederkirchen, von 2010 bis 2013 Partner in einem kleinen internationalen Start-up-Unternehmen in Rheinhessen, anschließend bis 2018 Vorstand bei Deutsches Weintor. Bis Ende 2025 war er Vorstand bei der Württemberger Weingärtnergenossenschaft Stromberg-Zabergäu, Brackenheim.

Dürfen wir nachschenken?
Was sind die Trends der Weinszene? Welche Neuigkeiten gibt es von den Weingütern in der Region? Was ist Naturwein? Wie arbeitet ein Kellermeister? Und wo stehen Weinautomaten in der Pfalz? In unserem kostenlosen Newsletter „Entkorkt" liefern wir alle zwei Wochen Weinwissen für Pfälzer Weinliebhaber.
Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.

