Deidesheim Wie die Deidesheimer vor 100 Jahren bei der Geißbock-Versteigerung getrickst haben

Diese Postkarte aus dem Jahr 1925 zeigt den Lambrechter Ziegenhirten als Überbringer des Geißbocks.
Diese Postkarte aus dem Jahr 1925 zeigt den Lambrechter Ziegenhirten als Überbringer des Geißbocks.

Der Dienstag nach Pfingsten steht seit eh und je im Zeichen des Geißbocks. Dessen Versteigerung ist immer auch ein mediales Spektakel in Deidesheim. Um den Medien gerecht und deutschlandweit bekannt zu werden, hat man vor 100 Jahren sogar tief in die Trickkiste gegriffen.

Wer einmal mit Filmleuten zu tun hatte, kennt das: Die Szenen werden so oft wiederholt, bis es passt. Vor 100 Jahren war das nicht anders. Nur, dass seinerzeit in Deidesheim keine einzelne Szene, sondern ein ganzer Tag nachgespielt wurde: Nachdem die Geißbockversteigerung am Dienstag nach Pfingsten über die Bühne gegangen war (wie es sich gehört!), mussten die Lambrechter und Deidesheimer im Herbst 1924 – der Publicity wegen, wie man heute sagen würde – noch einmal ran, um den Geißbock abermals zu versteigern, wie der Autor Heinz Schmitt in einem Beitrag für das Buch „Deidesheim – Beiträge zur Geschichte und Kultur einer Stadt im Weinland“ (Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen, 1995) sehr schön herausgearbeitet hat: „Nach dem Ersten Weltkrieg, in wirtschaftlich schlechter Zeit, verstärkte Deidesheim seine Bemühungen, Gäste anzuziehen. Erstmals wurde auch das Medium Film eingesetzt. 1924 drehte die Europa-Film A.G. in Berlin ,Fröhlich Pfalz, Gott erhalt’s’. Eigens dafür wurde am Sonntag, dem 21. September 1924, die Geißbockversteigerung mit allem Drum und Dran in Deidesheim zum zweiten Mal in diesem Jahr inszeniert. 1931 brachte die ,Wochenschau’ einen Bericht von der Geißbockversteigerung.“

Es erinnert ein bisschen an das Gimmeldinger Mandelblütenfest: Je öfter Bilder davon in den Nachrichten gezeigt werden, desto mehr Menschen wollen – bei einem eigentlich sehr lokalen Ereignis – dabei sein ...

Der Brauch ist rund 600 Jahre alt

Doch zurück zum Bock – und damit zum Ursprung des Deidesheimer Festtags: König Ruprecht hat – wohl 1404 – den Nonnen von St. Lambrecht das Recht bestätigt, im nahegelegenen Deidesheimer Wald ihr Vieh zu weiden. Dafür sollten die Lambrechter jedes Jahr einen Geißbock nach Deidesheim liefern, erstmals erwähnt wird das im Jahr 1534. Das Tier der Neuzeit muss den rund 15 Kilometer langen Weg zwischen Lambrecht und Deidesheim nicht zurücklegen, es wird gefahren, anders als das zuletzt getraute Brautpaar, Ronja und Marcel Telch, das den Tributbock am Dienstagvormittag in Deidesheim übergibt.

Dass es das jüngst getraute Brautpaar ist, das den gut gehörnten und gut gebeutelten Bock aus Lambrecht bringt, war übrigens auch nicht immer so, wie Heinz Schmitt schreibt: „Diese Sitte ist erst 1934 eingeführt worden. Zuvor, und zwar nur 1685, war davon die Rede, dass der jüngste Lambrechter Bürger den Bock abzuliefern hatte. Im 19. und 20. Jahrhundert hat dieser aber die Aufgabe fast immer an den Lambrechter Ziegenhirten delegiert, der noch bis 1940 in Gehrock und Zylinder den Bock in Deidesheim ablieferte und dabei unter anderem durch den Verkauf seiner Postkarten recht schöne Einnahmen hatte.“ Im Zeitalter von Handy-Fotos würde der Ziegenhirte wohl ganz schön leiden, recht schöne Einnahmen gibt es in der Regel aber bei der Versteigerung des Bocks – der Rekordpreis liegt bei 6100 Euro und wurde im Jahr 2010 erzielt. Vor 40 Jahren, im Jahr 1984, wurde der Bock übrigens für satte 9100 D-Mark (4550 Euro) versteigert. Für die damalige Zeit war das ziemlich viel Geld!

Programm

Das Programm am Dienstag nach Pfingsten: 5.30 Uhr: Geißbock-Marsch von Lambrecht nach Deidesheim, Start: Friedrich-Ebert-Brücke. 8 Uhr: Begrüßung durch den Deidesheimer Waldschütz und die Stadtsoldaten im Mühltal; danach gemeinsames Frühstück in der „Waldschenke“. 10 Uhr: Abholung des Geißbocks an der Stadtgrenze mit Musik, Schuljugend, Stadtrat und Trachtenvolkstanzgruppe und Übergabe des Bocks vor dem Historischen Rathaus. 15 Uhr: Standkonzert der Kolpingkapelle am Historischen Rathaus. 15.45 Uhr: Folkloristisches Programm vor dem Historischen Rathaus mit Musik, Küferschlag des Männergesangvereins, Fassschlüpfen, Trachtengruppe und Verhandlung des Stadtgerichts. 17.45 Uhr: Versteigerung des Geißbocks. 18 Uhr: Bekanntgabe des Steigerers. 18.30 Uhr: Bekanntgabe der Gewinner des Geißbock-Schätzwettbewerbs am Historischen Rathaus. Über das ganze verlängerte Pfingstwochenende – von Freitag bis Dienstag – sind die Höfe der Weingüter geöffnet, es gibt Musik und Führungen. Zudem haben die elf Weinmacher der Gruppe „Winechanges“ aus Deidesheim, Forst, Ruppertsberg, Meckenheim und Niederkirchen am Samstag ab 14 Uhr und am Sonntag ab 11 Uhr im Schlossgarten eine Weinverkostung in Achteln auf die Beine gestellt. Am Pfingstsonntag, 15 Uhr, wird in Lambrecht der Bock im Hof der Grundschule an das Brautpaar übergeben, der Musikverein Königsbach spielt.

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