Maikammer RHEINPFALZ Plus Artikel Wie der „glückliche Zufall“ den Weintourismus in der Pfalz ankurbeln soll

Mit Eventcharakter neue Zielgruppen erreichen: Die Studie sieht in ungewöhnlichen Formaten wie dieser Weinprobe im Riesenrad in
Mit Eventcharakter neue Zielgruppen erreichen: Die Studie sieht in ungewöhnlichen Formaten wie dieser Weinprobe im Riesenrad in Landau großes Potenzial.

In der Pfalz machen längst nicht nur Weinliebhaber Urlaub. Gerade darin liegt laut einer Studie eine große Chance . Denn wer noch kein Fan ist, kann noch überzeugt werden.

Der Weinbau steckt in der Krise. Es ist ein Satz, der immer öfter fällt. Und einer, der längst nicht mehr nur Winzer beunruhigt. Auch Touristiker, Gastronomen und viele andere, deren Arbeit am Wein mitverdient, blicken mit Sorge auf eine Branche unter Druck. „Die allgemeine Lage und Stimmung in der Weinbranche ist ziemlich negativ. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gibt es Probleme“, sagt Gergely Szolnoki, Professor für Markt- und Konsumforschung an der Hochschule Geisenheim und Experte für Weintourismus. Beim Infotag Tourismus des Vereins Südliche Weinstraße spricht Szolnoki vor einem voll besetzten Saal mit Vertreterinnen und Vertretern aus Tourismus, Gastronomie und Weinbranche. Im Zentrum der Veranstaltung steht die Frage, wie sich weintouristische Angebote weiterentwickeln lassen.

Genau darin liegt für ihn die große Chance. Nicht als Allheilmittel, aber als reale Chance. „Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine Entwicklung, die man als Öffnung des Weintourismus bezeichnen könnte“, sagt er. Lange habe Weintourismus vor allem Fachpublikum bedeutet. Menschen mit Vorwissen, die verkosten und über Jahrgänge, Lagen und Aromen sprechen. Dieses Bild greife heute zu kurz. In Weinregionen seien längst auch Menschen unterwegs, die nicht primär wegen des Weins kommen, sondern wegen Landschaft, Kultur, Kulinarik oder Erholung.

Laien machen den Großteil aus

Weingüter könnten all das abbilden. Wer nicht gezielt eine Weinprobe sucht, lasse sich womöglich trotzdem auf ein Weingut locken, wenn das Angebot breiter gedacht wird. In der Forschung spricht man vom „happy accident“, dem glücklichen Zufall. Das kann der musikbegeisterte Wanderer sein, der eigentlich wegen des Pfälzerwalds in die Region reist und dann von einer Weinverkostung mit Live-Musik hört. Plötzlich ist da ein Angebot, das auch ihn anspricht. Aus einem Gast, der nie vorhatte, sich näher mit Pfälzer Wein zu beschäftigen, wird im besten Fall einer, der am Ende des Abends nicht nur begeistert nach Hause geht, sondern vielleicht sogar noch eine Flasche mitnimmt.

Die eigentlichen Weinexperten machen laut Szolnoki nur fünf bis zehn Prozent der Besucher einer Weinregion aus. „Die Wein-Freaks kommen ohnehin, weil sie gute Weine trinken möchten“, sagt er. Der weitaus größere Teil bestehe aus Laien, aus Menschen also, die nicht primär wegen des Weins in eine Region reisen. Laut Szolnoki sind das 90 bis 95 Prozent.

Neue Zielgruppen ansprechen

Grundlage dieser Einschätzung ist der „Global Wine Tourism Report“, für den Szolnoki und sein Team 1310 Weingüter aus 47 Ländern befragt haben. Die Botschaft ist eindeutig. Wer nur auf die „Weinfreaks“ setzt, verschenkt Potenzial. Zwar gehörten Weinverkostungen, Kellerführungen und Weinbergsführungen vielerorts längst zum Standard. Doch entscheidend sei, diese Formate mit Angeboten zu verbinden, die auch andere Zielgruppen ansprechen. Ein wichtiger Hebel ist die Kulinarik. „Es muss nicht immer das Fünf-Gänge-Menü sein. Es reichen auch regionale Häppchen“, sagt der Experte. Ebenso wirksam seien Kulturangebote, Unterkünfte, Stellplätze, Wander- und Radtouren, persönliche Begegnungen mit dem Winzer, private Veranstaltungen oder familienfreundliche Konzepte.

Gerade Familien seien lange kaum mitgedacht worden. Inzwischen hätten einige Betriebe erkannt, dass sie damit eine ganze Zielgruppe ausschließen. Spielflächen, Workshops und Mitmachangebote für Kinder könnten hier viel verändern. Auch digitale Formate wie Online-Weinproben oder virtuelle Weintouren könnten neue Zugänge schaffen. Auch bei jüngeren Zielgruppen sieht die Studie trotz veränderter Trinkgewohnheiten und eines gewachsenen Gesundheitsbewusstseins Potenzial. Besonders groß sei das Interesse bei den 25- bis 44-Jährigen, wenn Wein mit Bildung, Kulinarik und Nachhaltigkeit verbunden werde. Nachhaltiger Weintourismus werde in Zukunft an Bedeutung gewinnen, prophezeit der Experte.

Entscheidend sei dabei die Kommunikation. Nach außen, etwa über soziale Medien, aber auch vor Ort. Gäste müssten dort abgeholt werden, wo sie stehen. Wer wenig über Wein weiß, dürfe nicht mit Fachsprache überfordert werden. Es gehe darum, Geschichten zu erzählen, Bilder entstehen zu lassen, Emotionen zu wecken und Bindung zu schaffen.

Verbindung von Wein und Kultur

Auch in der Pfalz ist der Weintourismus im Wandel. Das wurde im anschließenden Dialogforum deutlich. Jennifer Arar-Freudenstein, Mitinhaberin des Hotels Immenhof in Maikammer und Pächterin der Ortsvinothek in Maikammer, beobachtet ebenfalls, dass viele ihrer Gäste keine Weinexperten sind. „Einige haben vielleicht Vorlieben, aber sie wollen beraten werden. Von welchem Weingut der Wein kommt, ist in der Regel nicht wichtig“, sagt sie. Typische Fragen seien eher, was man empfehlen könne und was typisch für die Region sei. Ansprechende Beschreibungen der Weine seien dabei oft entscheidend. „Wenn da Bilder entstehen, ist die Entscheidung schon gefallen.“

Dass sich auch jenseits klassischer Weinkundschaft kaufbereites Publikum erreichen lässt, hat Maren Klebba vom Weingut Schmitt in Ilbesheim bereits erlebt. In ihrer Weinstube setzt die Winzerin auf Jahrgangspräsentationen mit Live-Musik, Kulturveranstaltungen, Kabarett und gemeinsame Formate mit anderen Weingütern. „Die Leute kommen eigentlich wegen Kultur, Essen und Trinken. Und es ist bemerkenswert, wie viel an solchen Abenden dann auch an Verkauf passiert“, sagt sie. Die Zeiten, in denen Kunden einfach kamen und den Kofferraum voll luden, seien vorbei. Viele hätten dafür nicht mehr das Geld. „Die Leute kommen, wenn man sich etwas einfallen lässt“, sagt Klebba. Für kleinere Betriebe sei das nicht leicht, aber es lohne sich.

Entkorkt - Newsletter  - Anmeldeseiten 729 x 450 (1)

Dürfen wir nachschenken?

Was sind die Trends der Weinszene? Welche Neuigkeiten gibt es von den Weingütern in der Region? Was ist Naturwein? Wie arbeitet ein Kellermeister? Und wo stehen Weinautomaten in der Pfalz? In unserem kostenlosen Newsletter Entkorkt" liefern wir alle zwei Wochen Weinwissen für Pfälzer Weinliebhaber.

 

Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.  

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

x