Neustadt Wie das Aus für das älteste Volksfest der Pfalz kam

Historisches Schauspiel: Sturm auf das Winzinger Tor bei der Festeröffnung 1967.
Historisches Schauspiel: Sturm auf das Winzinger Tor bei der Festeröffnung 1967.

Die Winzinger Kerwe war einst das älteste Volksfest der Pfalz. Sie war für ein spektakuläres Schauspiel bekannt. Nach langem Siechtum wurde sie 2008 zuletzt gefeiert.

„Die Kerwe wird nicht mehr stattfinden.“ Es ist ein nüchtern formulierter Satz, den Heiko-Alexander Geist, Chef des Neustadter Schaustellerverbands, Anfang Januar 2011 gegenüber der RHEINPFALZ sagte. Aber ein Satz von enormer Tragweite. Denn damit wurde nicht irgendein Fest beerdigt, sondern die Winzinger Kerwe. Und das war nicht irgendeine Ortsteil-Kerwe, wie man meinen könnte. Sie galt seinerzeit als das älteste Volksfest der Pfalz. Sie soll zeitweise sogar das größte Fest der Pfalz gewesen sein. Für das große Festzelt wurden in der Hochzeit 100 Bedienungen per Zeitungsanzeige gesucht. Mehr als 100 Schausteller und Betriebe beteiligten sich. Vom einstigen Glanz war freilich nicht mehr viel übrig, als das Ende verkündet wurde.

Sieben Betriebe waren nur noch zur letzten Ausgabe im Jahr 2008 gekommen, obwohl die Stadt sogar die Platzmiete erlassen hatte. 2009 fiel die Kerwe wegen des Umbaus der Festwiese aus, 2010 wegen des Rheinland-Pfalz-Tags. Auf einen Neustart 2011 wurde dann verzichtet. Die Konkurrenz durch die Weinfeste sei einfach zu groß, hieß es. Wobei man sagen muss, dass sich die Macher lange tapfer gegen das Aus gewehrt hatten.

Dass es das Fest überhaupt bis ins 21. Jahrhundert schaffen würde, war bei der ersten Ausgabe nicht abzusehen. Wann diese war, ist unklar. Die erste Erwähnung ist in einer Urkunde von 1281 als „Frühmesserei unserer Lieben Frau“ zu finden. Gefeiert wurde in der Anfangszeit an der Alten Winzinger Kirche und in den angrenzenden Straßen, wo sich Musiker und Gaukler tummelten.

Historisches Schauspiel zur Eröffnung

Nicht in jedem Jahr wurde gefeiert, Seuchen und Kriege ließen mitunter keinen Platz für ein ausgelassenes Fest. Doch die Winzinger Kerwe überlebte alle schwierigen Zeiten. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der Standort auf die Gemeindewiese zwischen Rehbach und Floßbach verlegt. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde diese zur Festwiese ausgebaut und 1936 vergrößert.

In jenem Jahr wurde erstmals bei der Festeröffnung ein historisches Schauspiel aufgeführt, das von da an prägend für die Kerwe wurde, die damit ein Alleinstellungsmerkmal hatte. Gezeigt wurde „die Erstürmung des Winzinger Tors“. Historischer Hintergrund war eine Holz- und Weidefehde zwischen Neustadt und dem damals eigenständigen Winzingen. Die Winzinger wollten nicht, dass die Neustadter ihr Vieh auf Winzinger Weiden grasen ließen. Die Neustadter verwehrten den Winzingern, Holz im Wald zu schlagen. Die Neustadter zogen 1514 dann bewaffnet gen Winzingen, beschossen das Stadttor mit der Kanone „Eiserne Gretel“ und siegten im anschließenden Kampf. Die Kerwe wurde dann als Versöhnungsfest gedeutet.

Das Schauspiel blieb auch nach der Wiederbelebung der Kerwe nach dem Zweiten Weltkrieg zentrales Element. Mit dem damals üblichen Festzug haderte man hingegen, wie aus einem Bericht des Markt- und Messe-Ausschusses an den Neustadter Oberbürgermeister vom April 1952 hervorgeht. Es sei schwierig, Handel, Handwerk und Vereine für eine Teilnahme zu gewinnen, heißt es da. Zudem bestehe die Gefahr, dass es zu viele Festwagen mit Geschäftsreklame gebe. Denn: Ein Festzug, „der zu viele Reklame-Fahrzeuge enthält, wird regelmäßig in der Öffentlichkeit abfällig kritisiert“.

Ohne Risiko für die Betreiber war die Veranstaltung schon damals nicht. So zog die Kerwe 1954 nur wenige Besucher an. Vor allem regnerisches Wetter verdarb den Schaustellern das Geschäft, und das Finale in Bern, bei dem sich Deutschland erstmals zum Fußball-Weltmeister krönte, ließ die Menschen in die Gaststätten strömen und nicht auf die Festwiese. Public Viewing gab es in dem Sinn ja noch nicht. An der Kerwe an sich wurde dennoch nicht gezweifelt.

Schon lange defizitär

Das änderte sich in den 1980er-Jahren. 1985 wurde noch eine bejubelte Neufassung des Schauspiels zur Festeröffnung gezeigt. Noch nie habe die „Eiserne Gretel“ so laut gedonnert, zeigte sich der RHEINPFALZ-Berichterstatter beeindruckt. Eine mit Mehl gefüllte Kanonenkugel krachte gegen das Stadttor und zerplatzte.

Doch das Schauspiel fiel schon zwei Jahre später flach, der Stadtvorstand hatte die finanziellen Mittel dafür gestrichen. Die Schausteller waren frustriert. Das Schauspiel sei die einzige Attraktion gewesen, jetzt unterscheide sich die Kerwe nicht mehr von anderen Festen, klagte Hans Geist, der Vorsitzende des Vereins reisender Schausteller der Pfalz. Zeltbesitzer Hans Abel war auf 180: „Das ist der Ausverkauf einer bankrotten Stadt“, schimpfte er.

Oberbürgermeister Dieter Ohnesorge erklärte bei der Eröffnung, ein städtischer Zuschuss in Größenordnung von 11.000 Mark sei nicht mehr möglich. Aus der Verwaltung hieß es, die Winzinger Kerwe sei schon lange nicht mehr kostendeckend gewesen. Die Stadt zog sich deswegen immer stärker zurück. Die Schausteller und der Bürgerverein Winzina versuchten, die Lücke zu füllen.

„Der Winzina-Verein mühte sich redlich um die Organisation, aber die Luft ist einfach aus allem heraus“, kommentierte die RHEINPFALZ 1990 und führte unter anderem als Beleg an, dass keine Musikgruppe der Stadt sich zum Mitmachen habe bewegen lassen. 1991 klagten Schausteller, dass sie nicht einmal genug Geld verdient hätten, um die Stromkosten ihrer Fahrgeschäfte zu bezahlen. Erstaunlich, dass man dennoch bis 2008 durchhielt – bevor die über 700 Jahre alte Tradition zu Ende ging.

Die Serie

Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir deshalb auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.

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