Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Wer hat mit wem? Theaterstück „… und es gibt ihn doch“ eröffnet die Komödien-Saison im Saalbau

Same Procedure zu anderer Jahreszeit? Aber soll man wirklich mit dem Osterhasen versuchen, was schon mit dem Weihnachtsmann so v
Same Procedure zu anderer Jahreszeit? Aber soll man wirklich mit dem Osterhasen versuchen, was schon mit dem Weihnachtsmann so viel Chaos verursacht hat?

Es konnte viel und herzlich gelacht werden am Dienstagabend im Neustadter Saalbau.

Zu Gast war laut offizieller Ansage die Landesbühne Rheinland-Pfalz aus Neuwied mit ihrem recht frisch gekürten Intendanten René Heinersdorff, der aber inzwischen über ein so großes Boulevardtheater-Konglomerat gebietet, dass eine klare Zuordnung eigentlich kaum mehr möglich ist. Die Uraufführung des Stücks aus der eigenen, erfolgreichen Komödien-Manufaktur, bei der er auch gleich selbst inszenierte, fand jedenfalls in fast identischer Besetzung vor einem Jahr in seinem Düsseldorfer Stammhaus, dem „Theater an der Kö“, statt.

„… und es gibt ihn doch!“ Wen? Natürlich den Weihnachtsmann, der im roten Kostüm mit gelocktem Rauschebart, Gabensack und strammer Rute die Geschenke bringt, auch wenn sich Weihnachten allmählich auf die Lichterketten-Olympiade im Nachbarschaftsverbund und den Braten im Ofen an Heiligabend herunterdefiniert hat. Aber wenigstens die Kinder, die brauchen ihn doch – Logik, Realismus, gesunder Menschenverstand hin oder her. Findet jedenfalls Thea (Friederike Linke), die ihren drei Sprösslingen auch an diesem Heiligabend unbedingt und – zum letzten Mal, versprochen! – das Glück der rot befrackten Illusion bescheren möchte. Und 30 Minuten vor Bescherung noch ohne „Opfer“ - die der Vorjahre sind alle vorsichtshalber in den Urlaub geflüchtet, wie zu hören – fürs schon bereitliegende Kostüm dasteht.

So sehr sie davon geradezu manisch besessen scheint, so süffisant wie strikt lehnt ihr Gatte Matthias (Jens Hajek) diesen Betrug an der kindlichen Seele ab. Hokuspokus, Vorspiegelung falscher Fakten … Der Diskurs im Wohnzimmer des Paares – klassisches Boulevard-Outfit mit roter Couch, Sesseln, Bar und drei Türen für rasante Auf- und Abgänge – bringt das Geschehen heftig, wortreich und mit gepfefferten Pointen rasant in Fahrt.

Als Matthias – Werbetexter und im desillusionierenden Schlagabtausch eindeutig der Sieger – das Thema gerade als erledigt betrachten will, klingelt es an der Tür. Herein schneit Bernhard (Miguel Abrantes Ostrowski), vor vier Wochen erst in die untere Wohnung eingezogen. Und sein Begehr ist eigentlich profaner Natur, eine Knoblauchknolle, um mit der beim Einkauf vergessenen Zutat für das Heiligabend-Käse-Fondue die offenbar missliche Stimmung seiner Frau Pia (Aline Hochscheid) wieder aufzupolieren.

Nach einigen „Gi-Tos“ – Gin Tonics – und Bernhards leichtsinniger Äußerung, er würde so gerne mal wieder als Weihnachtsmann verkleidet in große Kinderaugen blicken, ergreift Thea die Gelegenheit beim Schopf und steckt den Nachbarn ins Kostüm. Heimlich, denn Pia, die auch bald auftaucht, hätte ihm diese lächerliche Maskerade nie verziehen. Um den neuen Bekannten nicht zu kompromittieren, behauptet Matthias dann spontan, im Kostüm stecke Peter, der andere Nachbar von nebenan. Mit dem aber hat nun wieder Pia seit vier Jahren ein heimliches Verhältnis, wähnt ihn in der Schweiz, um mit seiner Familie reinen Tisch zu machen und sich mit ihr zu vereinigen. Sie ist irritiert und schmachtet den vermeidlichen Liebhaber unter seiner toten Tarnung ununterbrochen an.

Von da an wird’s nahezu unübersichtlich. Wer sich gerade unter der Kapuze des Weihnachtmanns verbirgt, entschlüsselt sich nicht immer gleich; dafür nehmen die Verwechslungen rasant an Fahrt auf. Thea verdächtig Matthias mit Pia zu techtelmechteln, Bernhard weiß über Peter Bescheid, und Pia denkt, ihr Bernhard, das stille Wasser, habe was mit Thea. Die Verwirrung ist vielfach verstrickt und wird am Ende doch nach bester Komödien-Manier zu aller Wohlgefallen entknotet. Und das alles nur wegen des Weihnachtsmanns …

Heinersdorffs Stück kombiniert alle Ingredienzien des klassischen Boulevardtheaters aufs handwerklich Perfekteste. Die Dialoge haben weit jenseits von flachen Klamauk Schliff, Esprit und werden temporeich und ohne dramaturgische Brüche in Szene gesetzt. Ein wenig Zeitgeist-Konflikt darf ebenfalls nicht fehlen – Traditionsnostalgie – Thea, die Hirschbraten und Weihnachtsmann-Kult frönt - versus feministische Selbstinszenierung mit Pia, der veganen Genderfrau. Heinersdorff hat schon mehr als 20 solcher Komödien auf Podien geschickt und den Plot für unzählige populäre Fernsehfilme geliefert. Er ist durch und durch Profi, kein Leerlauf im Geschehen, die Statik des Gefüges stimmt, der sprachliche Duktus, mal elegant, mal deftig, hat Klasse, und die Zuschauerschaft wird rundum bestens unterhalten.

Im Quartett seiner Protagonisten hatte Heinersdorff vier rundum bühnenerfahrene, zudem auch vielfach in Film und Fernsehen präsente Akteure zur Hand, die – wohltuend – mit vorzüglicher Artikulation ebenso punkten konnten wie mit einem rundum temporeichen und sorgsam nuancierten Spiel. So gab’s zu Recht am Schluss jubelnden Beifall, und man kann nur bedauern, dass der Saal noch reichlich Platz geboten hätte für Etliche, die sich diesen unbeschwerten Abend entgehen ließen.

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