Maikammer
Wenn KI den Urlaub bucht: Was das für den Tourismus in der Pfalz bedeutet
Es gab Zeiten, da begann die Reise mit dem Gang ins Reisebüro. Wer Urlaub plante, ließ sich beraten, blätterte in Katalogen und entschied anhand von Bildern und Empfehlungen, wohin der nächste Urlaub geht. Reisebüros gibt es noch immer. Doch Buchungsprozesse finden heute überwiegend digital statt. Statt Katalogseiten umzuschlagen, klicken sich viele Menschen durch Suchmaschinenergebnisse und Buchungsplattformen. Im Hintergrund entscheiden dabei längst Algorithmen und KI-gestützte Systeme mit, welche Angebote sichtbar werden – und welche nicht.
Auch bei der konkreten Reiseplanung greifen immer mehr Menschen auf Künstliche Intelligenz zurück. Noch liegt der letzte Schritt meist beim Gast: die Auswahl der Unterkunft, die Buchung, die Bezahlung. Doch genau das könnte sich bald ändern. Davon ist Daniela Wiehenbrauk überzeugt. Beim Infotag Tourismus des Vereins Südliche Weinstraße in Maikammer sprach die Professorin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn über eine Neuerung, die den touristischen Vertrieb grundlegend verändern dürfte: KI-Agenten.
„Weniger menschliche Buchungen“
Anders als bisherige KI-Anwendungen, die auf Anfrage neue Inhalte generiert, handeln KI-Agenten eigenständig, erklärt Wiehenbrauk. Der Mensch gibt ein Ziel vor, etwa einen Familienurlaub in der Südpfalz, der Agent zerlegt die Aufgabe mithilfe großer Sprachmodelle in einzelne Schritte. Er recherchiert, vergleicht Angebote, berücksichtigt persönliche Vorlieben, Budgets und besondere Anforderungen und kann perspektivisch sogar E-Mails schreiben, Buchungen ausführen und Zahlungen abwickeln, sofern die nötigen Schnittstellen vorhanden sind. „Wir werden künftig weniger menschliche Buchungen erleben und viel mehr Buchungen durch die KI“, prophezeit Wiehenbrauk. Der Wandel verlaufe rasant. KI-Agenten seien zwar erst im Entstehen, verbreiteten sich aber mit exponentiellem Wachstum.
Studien deuteten bereits an, wie groß die Offenheit auf Seiten der Reisenden ist: 89 Prozent der Befragten einer Studie der Plattform Booking wünschten sich KI-Unterstützung bei der Reiseplanung. 58 Prozent würden einer KI anvertrauen, den gesamten Urlaub zu planen und zu buchen, zitiert die Expertin eine andere Studie. Demnach wären 64 Prozent sogar bereit, für einen KI-Agenten zu bezahlen, der sie bei der Buchung unterstützt.
Aus Kundenpflege wird Datenpflege
Für Gastgeber, Hotels, Weingüter und touristische Anbieter stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie bleibt ein Angebot sichtbar, wenn künftig nicht mehr der Gast selbst sucht, sondern eine Maschine vorsortiert? Gastgeber müssten sich darauf einstellen, nicht mehr nur mit Menschen, sondern zunehmend mit Systemen zu kommunizieren. „Wenn die KI mit uns kommuniziert, dann funktioniert das über Daten“, sagt Wiehenbrauk. Aus Kundenpflege werde damit immer stärker Datenpflege. Wer von KI-Agenten gefunden und empfohlen werden will, brauche aktuelle, strukturierte und auswertbare Informationen. Auch Bewertungen gewinnen laut der Expertin an Gewicht, weil KI-Systeme sie analysieren und mit anderen Daten abgleichen. „Für den Agenten bin ich gut sichtbar, wenn ich meine Daten gut gepflegt habe“, sagt Wiehenbrauk.
Auch Sichtbarkeit bekommt eine neue Bedeutung. Künftig reiche es nicht mehr aus, möglichst weit oben in einer Trefferliste zu erscheinen. Entscheidend sei, in die engste Auswahl zu gelangen. „Der Agent schlägt nur noch drei Sachen vor“, sagt Wiehenbrauk. Der Rest bleibe unsichtbar.
Trotzdem seien starke Bilder, emotionale Texte und stimmungsvolle Beschreibungen nach wie vor wichtig. Wer Gäste früh erreiche und, wie Wiehenbrauk es formuliert, „vor dem KI-Agenten da ist“, löst im besten Fall keine offene Suche mehr aus, sondern nur noch den Auftrag, ein konkretes Angebot zu buchen. Zugleich empfiehlt Wiehenbrauk den Betrieben, KI auch selbst einzusetzen, um Abläufe effizienter zu gestalten.
Infrastruktur für regionale Anbieter
Doch wie erfährt ein KI-Agent von Angeboten entlang der Weinstraße? Damit touristische Daten maschinenlesbar genutzt werden können, braucht es die passende Infrastruktur. Hier setzen die Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH und die touristischen Akteure in der Pfalz mit dem Informations- und Reservierungssystem Deskline an. Dort können Leistungsträger ihre Daten strukturiert und offen erfassen. Martin Weiher, Datenmanager bei der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH, beschreibt dies als Gemeinschaftsaufgabe. Landesweit würden Systeme bereitgestellt, über die Hotels, Winzer, Gastronomie- und Freizeitbetriebe ihre Informationen einpflegen und über Schnittstellen ausspielen können. Zentral seien offene und strukturierte Daten: Wenn eine KI nicht sicher sei, ob sie Informationen weiterverarbeiten dürfe, würden diese im Zweifel nicht berücksichtigt. Deskline sei dabei ein wichtiger Baustein, ergänzt durch einen Data Hub, in dem Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengeführt werden. „Wir versuchen, das Rennen mitzugehen, das da läuft“, sagte Weiher, „und die Daten immer in der richtigen Form bereitzustellen.“
Wie diese Arbeit vor Ort funktioniert, weiß Anita Ballweber, die beim Verein Südliche Weinstraße für Deskline und den Data Hub zuständig ist. Die touristischen Stützpunkte seien erste Ansprechpartner für Betriebe, die online buchbar werden, Daten einpflegen oder Vertriebsportale nutzen wollen. Neben Öffnungszeiten und Sehenswürdigkeiten würden in Deskline perspektivisch auch Infrastrukturdaten wie etwa E-Bike-Ladestationen eingepflegt. Gerade Veranstaltungen seien auf der Webseite besonders gefragt, sagt Ballweber. Umso wichtiger sei es, alle Informationen aktuell, vollständig und einheitlich zu erfassen, damit KI-Agenten darauf zugreifen können.