Neustadt
„Was soll an Elitenkultur schlecht sein?“: Ein Interview mit den diesjährigen Neustadter Kulturpreisträgern
Jörg Sebastian Schmidt, Musiker, Pädagoge, Dirigent und vielfältiger Ideengeber der regionalen Kultur, sowie posthum der Kulturjournalist Markus Pacher erhalten am kommenden Sonntag den Neustadter Kulturpreis 2025. Holger Pöschl hat vorab mit Schmidt und Elke Schlimbach, die den Preis für ihren 2024 verstorbenen Partner entgegennehmen wird, über ihr kulturelles Wirken und die Lage vor allem der Musik in Neustadt gesprochen.
Frau Schlimbach, Herr Schmidt, vorstellen muss man Sie einander nicht. Sie kennen sich seit Ewigkeiten, oder?
SCHLIMBACH: Ja, seit meinem fünften Lebensjahr. Meine Eltern und das Ehepaar Schmidt hatten sich damals kennengelernt, über die Musik, denke ich ...
SCHMIDT: Ja, über das Neustadter Sinfonieorchester, das damals aber noch ein Kammermusikkreis war.
SCHLIMBACH: Und diese Freundschaft hat sich erhalten bis heute ...
SCHMIDT: Wobei Du dann ja auch noch Klavier-Unterricht hattest bei mir. Das muss so 1973 begonnen haben ...
SCHLIMBACH: Nein, das war etwas später, 1974/75, als wir gerade nach Neustadt gezogen waren. Wir hatten zuvor in Hochdorf-Assenheim gewohnt.
War er denn ein strenger Lehrer?
SCHLIMBACH: Nein, er war nicht streng. Er hat sogar bei uns zu Hause unterrichtet, so dass ich auf meinem eigenen Klavier spielen konnte. Das gibt es ja auch nicht so oft. Und er hat mir immer kleine Bildchen ins Hausaufgabenheft gemalt und wollte mich damit erheitern.
SCHMIDT: Ja, Elke war sehr ernst damals. Hat wenig gesprochen. Es hat bestimmt ein halbes Jahr gedauert, bis Du aufgetaut bist ...
SCHLIMBACH: Die Klavierstunden bringe ich in meinem Kopf heute vor allem mit Béla Bartók in Verbindung. Ich habe sehr viel Bartók gespielt in dieser Zeit ...
SCHMIDT: Ja, es gibt von ihm hübsche Kinderstücke oder auch den „Mikrokosmos“, den die Kinder aber gar nicht lieben, denn man muss da sehr konsequent sein. Auch meine Tochter Nanette hat sich darüber beklagt. Und dann habe ich ihr auch noch die Tasten abgedeckt, damit sie das Greifgefühl lernt. Das hat sie gehasst, hat sie gerade vor ein paar Tagen erzählt.
SCHLIMBACH: Ich hatte das Ding auch [lacht].
SCHMIDT: Ja, die Idee ist, dass man das Relief der Tasten erfühlt. Ich habe da auch selbst davon profitiert.
SCHLIMBACH: Ich auch. Ich schaue auch heute noch nur sehr selten auf die Tasten ... Ja, und später am KRG hatte ich Jörg Sebastian Schmidt dann als Altgriechisch-Lehrer. Und davor schon in Musik.
SCHMIDT: Und dann hast Du Bratsche gespielt und warst bei mir im Schulorchester.
SCHLIMBACH: Ja, und heute spielen wir beide zusammen im Neustadter Sinfonieorchester. Wir haben wirklich schon einiges zusammen unternommen [lacht].
SCHMIDT: Sie sitzt aber ein Pult vor mir [lacht gleichfalls].
Das was Sie beide unmittelbar verbindet, ist neben der Musik auch die Musikpädagogik. Wo stehen wir da? Ist die große Zeit der Schulorchester und Streicherklassen vorbei, weil die Kids alle nur noch daddeln wollen?
SCHMIDT: Es steht und fällt aus meiner Sicht vor allem mit denjenigen, die es leiten, den Lehrern. Ohne Idealismus geht es da nicht, denn das, was der Stundenplan vorsieht, reicht nie und nimmer. Also muss man in seiner Freizeit ran. Das KRG war damals fast ein kleines Konservatorium. Ich konnte Musiker der Staatsphilharmonie gewinnen, nachmittags zum Unterrichten zu uns zu kommen, auch Spitzenleute. Aber es hat sich gelohnt. Von meinen damaligen Schülern wurden sehr viele Orchester- oder Schulmusiker.
SCHLIMBACH: Das sehe ich auch so. Wir hatten an der Eichendorff-Schule ja auch eine Streicherklasse, aber es funktioniert nur, wenn alle es wollen und mittragen. Ohne Engagement geht es nicht.
SCHMIDT: Vieles ist allerdings auch systembedingt. Wenn die Musikerziehung einen anderen Stellenwert hätte, stünden wir ganz anders da. Wenn ein Musiklehrer fehlt, dann hört man von der Schulaufsicht sofort: Dann lasst doch einfach Chor und Orchester weg. Es gibt da keinerlei Verständnis dafür, wie solche Ensembles arbeiten, wie wichtig da Kontinuität ist ...
Aber noch mal zurück zu den Schülern: Kann man jedes Kind an die Musik heranführen, oder gibt es hoffnungslose Fälle?
SCHLIMBACH: Ich sage grundsätzlich, ja, man kann jedes Kind an die Musik heranführen. Es ist wie beim Sport: Nicht jeder wird Leistungssportler, aber Bewegung tut allen gut.
Ein anderes Thema: Wie kommt es, dass eine vergleichsweise kleine Stadt wie Neustadt eine so lebendige Klassikszene hat?
SCHMIDT: Offen gestanden: Ich weiß es nicht, vielleicht ist es Zufall.
SCHLIMBACH: Ich denke, es hat vielleicht mit der hohen Lebensqualität hier zu tun. Leute, die schöne Dinge tun, zieht es auch an schöne Orte. Und dann gibt es hier auch eine sehr intensive Laien-Kultur ...
SCHMIDT: Ja, das ist wahr. So bildet sich dann eine Art Graswurzel-Kultur, die auch Profis anzieht, und so erwächst ein blühende Landschaft. Auch jemand wie Simon Reichert wird sich die Situation hier genau angeschaut haben, bevor er sich für Neustadt entschied.
Herr Schmidt, wir befinden uns hier ja bei Ihnen zu Hause. Sie haben hier schon vor Jahren einen privaten Konzertsaal eingerichtet, der 120 Zuschauer fasst. Wie kamen Sie auf eine solche Idee?
SCHMIDT: Das hat sich langsam entwickelt. Es begann damit, dass das „Mandelring Quartett“ das damals noch rohe Kelterhaus als Probenlokal nutzte. Das ist bis heute so. Der nächste Gedanke war dann: Könnte man nicht auch andere Musiker einladen? Wir haben kräftig renoviert, und inzwischen sind wir beim 263. Mandelringkonzert seit 1984 angelangt.
Heute gibt es in der Region gerade im Bereich der Kammermusik sehr vielfältige Angebote – oft bei freiem Eintritt. Fördert das beim Publikum nicht die Gratismentalität?
SCHMIDT: Bei unseren Konzerten war die Zahlungsmoral am Anfang auch sehr schlecht. Ich habe dann mal für das Publikum eine exakte Rechnung aufgestellt, was für die Musiker übrig bleibt, wenn man alle Unkosten abzieht. Ich will ja mit diesen Konzerten selbst nichts verdienen, aber die Künstler sollen auf keinen Fall umsonst arbeiten. Heute gebe ich die erwünschte Spendenhöhe immer direkt an: 10 Euro für ein Schülerkonzert, 25 für eines mit hochkarätigen Profis. Und ich komme in der Regel auf die Summe, die ich mir vorstelle. Normal sind 500 Euro pro Spieler, manchmal wird es auch mehr.
Frau Schlimbach, Sie nehmen den Preis ja für Ihren verstorbenen Partner Markus Pacher entgegen. Dass ein Journalist einen Kulturpreis bekommt, ist ja wirklich nicht alltäglich. Was haben Sie gedacht, als Sie die Nachricht erhielten?
SCHLIMBACH: Das hätte ihn sehr gefreut – das war der erste Gedanke, den ich hatte. Und der nächste dann: Wie schade, dass er das nicht mehr erleben durfte. Verdient hat er den Preis: Er hat ja zeitlebens Künstler unterstützt, wo er nur konnte. Außerdem hat er Teilnehmer des Meistersingerkurses oder der früheren „Frühlingsakademie“ bei sich zu Hause beherbergt oder auch Mitglieder des „Ensembles 1800“.
Als Kultur-Journalist war er ja sehr häufig hier im Schmidt’schen Anwesen bei Konzerten der „Mandelringkonzert“-Reihe. Sie auch?
SCHLIMBACH: Ja, wir haben die Konzerte ja immer zusammen besucht, uns danach ausgetauscht über das Erlebte. Er hatte ja sogar vor, später selbst einmal solche Konzerte zu veranstalten. Das war sein Traum. Darüber haben wir sehr oft geredet.
Herr Schmidt, Markus Pacher hat ja über viele Jahre auch das „Hambacher Musikfest“ journalistisch begleitet, dem Sie über Ihre Kinder eng verbunden sind. Wie haben Sie ihn da erlebt?
SCHMIDT: Die enge Begleitung durch die lokale Presse war für uns immer unglaublich hilfreich. Das ist bis heute so. Ich kann das ja genau nachvollziehen, wie viele Kartenbestellungen eingehen, sobald ein Artikel in der RHEINPFALZ erscheint.
Frau Schlimbach, in der Preisbegründung wird ja auch der Neustadter Figuralchor erwähnt. Was hat Markus Pacher denn damals veranlasst, den zu gründen? Es gab doch schon jede Menge Chöre in Neustadt ...
SCHLIMBACH: Das weiß ich gar nicht, was ihn veranlasst hat. Ich bin selbst erst ein Jahr nach der Gründung dazugestoßen. Aber die Kernmannschaft war ein ganz kleiner Kreis von Leuten, die speziell Werke aus Renaissance und Barock singen wollten. Einen Kammerchor dieser Art gab es in Neustadt bis dahin nicht.
Er hat ja auch im Sinfonieorchester Neustadt gespielt, dessen Vorsitzende Sie sind. Wie würden Sie die Bedeutung dieses Ensembles beschreiben?
SCHLIMBACH: Es ist im Bereich der Laienkultur das einzige Sinfonieorchester in weitem Umkreis. Kammerorchester gibt es ja mehrere in der Region, aber ein in allen Instrumentengruppen gut besetztes Orchester wie unseres nicht. Wir haben über 60 Mitwirkende. Die Leute kommen aus Weißenburg oder Heidelberg angefahren, um bei uns zu spielen.
Herr Schmidt, Sie waren ja auch lange Konzertberater der Stadt, also verantwortlich für das Programm der städtischen Konzertreihe im Saalbau. Nun wird diese wie alle Aboreihen ja von mancher Seite als „Elitenkultur“ gebrandmarkt. Was sagen Sie dazu?
SCHMIDT: Was soll an „Elitenkultur“ schlecht sein? Wir können doch froh sein, wenn es noch so etwas gibt wie Elite. Und wenn eine Stadt mit einem so lächerlichen Kulturetat so etwas Großartiges auf die Beine stellt, dann kann man doch nur den Hut ziehen. Das Grundproblem ist diese unselige Geschichte mit der Kultur als freiwilliger Leistung. Für Parkplatzbegrenzungen aus chinesischem Granit werden Zehntausende Euros ausgegeben, aber bei der Kultur muss gespart werden, weil sie in einer anderen Kategorie läuft. Das ist eine Schande!
Wahr ist aber schon, dass es viele graue Köpfe im Konzert-Saal gibt. Stirbt das Klassik-Publikum vielleicht irgendwann weg?
SCHMIDT: Das behauptet man schon seit Jahren!
SCHLIMBACH: Ich glaube das auch nicht. Es gibt für jeden im Leben so eine Phase, in der man wegen Beruf und Familie einfach nicht die Zeit findet, solche Angebot wahrzunehmen. Wenn man dann aber aus dem Gröbsten raus ist, so mit 45, steigt das Interesse wieder. Sicher, das Publikum wird kleiner werden, aber aussterben wird es nicht.
SCHMIDT: Das sehe ich genauso. Und es ist ja ein allgemeines Gesetz: Wenn man jemanden erreichen will, muss man ihn gezielt ansprechen. Aus dem Grund habe ich damals die Einführungen vor den Konzerten eingeführt. Das stieß sofort auf große Resonanz.
Ganz allgemein gesprochen, was würden Sie beide sich für die Zukunft in Neustadt kulturell wünschen? Was für Stellschrauben sollte man drehen, um die Stadt kulturpolitisch noch besser zu positionieren?
SCHLIMBACH: Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn Neustadt wieder eine städtische Musikschule bekäme!
SCHMIDT: Das kann ich nur unterstützen!
SCHLIMBACH: Viele Kommunen ringsherum haben eine, nur Neustadt nicht.
SCHMIDT: Ja, es fehlt hier leider völlig das Verständnis dafür, was für eine wichtige kulturelle Basisarbeit in kommunalen Musikschulen geleistet wird.
Und zum Schluss noch eine Frage, die sich bei Vertretern der klassischen Musik natürlich aufdrängt: Hören Sie ab und zu auch mal Rock, Pop, Jazz?
SCHLIMBACH: Ja, natürlich. Aber mehr noch Salsa!
SCHMIDT: Ich antworte da mit dem alten Musiker-Bonmot: Ich höre keine Musik, ich mache sie. Aber im Ernst: Ich höre kaum CDs, ich habe nicht die Zeit dazu. Und dann höre ich ja sehr viel live. Das unmittelbare Erleben ist mir im Zweifelsfall doch wichtiger.
Termin
Der Kulturpreis des Neustadter Stadtverbands für Kultur wird am Sonntag, 9. November, um 11 Uhr im Schmidt’schen Kammermusik-Gewölbekeller im Mandelring 69 in Haardt verliehen. Preisträger sind in diesem Jahr Jörg Sebastian Schmidt und der im vergangenen Jahr völlig überraschend im Alter von erst 59 Jahren verstorbene Markus Pacher. Für den Kulturjournalisten, der auch für die RHEINPFALZ schrieb, wird seine Partnerin Elke Schlimbach die Auszeichnung in Empfang nehmen. Die Laudatio auf Schmidt hält Neustadts Oberbürgermeister Marc Weigel, die auf Pacher Fritz Burkhardt, Musiker, Dirigent und Leiter des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums.
Die musikalischen Umrahmung übernehmen das zu Dreivierteln aus Schmidt-Kindern bestehende „Mandelring Quartett“, die Enkelin Clara Seibt sowie der Hausherr selbst. Es erklingen der 1. Satz aus Dvoráks Klavierquintett in A-Dur op. 81, zwei Songs aus der „Dreigroschenoper“ von Kurt Weill und Bert Brecht und drei Nummern aus der CD „Pennies from Heaven“. Um Anmeldung unter schmidt.mandelring@gmx.de wird gebeten.