Sport und Medizin RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Schmerzmittel eine Sportverletzung noch schlimmer machen

Kein Vorbild für den Nachwuchsleistungssport: Rafael Nadal ließ sich wegen seines Fußes nicht nur Schmerzmittel geben.
Kein Vorbild für den Nachwuchsleistungssport: Rafael Nadal ließ sich wegen seines Fußes nicht nur Schmerzmittel geben.

Schnell eine Pille einwerfen wegen der Knieschmerzen vor dem Aufstiegsspiel. Oder mit Schmerzmitteln und einer nicht auskurierten Verletzung früh zurück ins Training. Das Einnehmen von Analgetika ist im Profi- und Amateursport verbreitet.

Trainieren bis zur Schmerzgrenze. Oder vielleicht auch darüber hinaus. „Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird. Für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen.“ Diese Aussage von Neven Subotic, in der Saison 2010/2011 mit Borussia Dortmund deutscher Fußball-Meister und serbischer Nationalspieler von 2009 bis 2013, gibt ein erschreckendes Bild ab vom Profifußball, wo die Einnahme von Schmerzmitteln verbreitet ist. „Von der Kreisklasse bis zur Bundesliga sind die nur vermeintlich harmlosen Substanzen für viele Spieler zu unverzichtbaren Begleitern geworden“, schreiben das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv und die ARD-Dopingredaktion nach über einjähriger gemeinsamer Recherche.

Warum nehmen Sportler Schmerzmittel?

Das Rechercheteam hatte über 150 Bundesligakicker, Exprofis, Funktionäre, Ärzte und Wissenschaftler gesprochen. Zudem hatte es deutschlandweit über 1100 Fußballer und Fußballerinnen aus dem Amateur- und Profibereich befragt: Über 40 Prozent der angegebenen Gründe, Schmerzmittel einzunehmen, sind auf den Wunsch, die sportliche Leistung zu steigern, zurückzuführen.

Dr. Gregor Berrsche vom Deutschen Gelenkzentrum in Heidelberg, aus Haßloch stammender Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, befasst sich in seinen Forschungsarbeiten unter anderem mit dem Schmerzmittelgebrauch im deutschen Nachwuchsleistungssport und fand ähnliche Verhaltensmuster schon bei den angehenden Profis. „Zwei von drei Kindern spielen mehr als einmal unter Schmerzen mit Werten im Mittel 4 von 10 auf der Schmerzskala (Anm. d. Red.: 10 ist der stärkste bekannte Schmerz). 40 Prozent der Kinder geben an, einmal im Monat Schmerzmittel einzunehmen – darunter vor allem Ibuprofen, Paracetamol, Diclofenac, aber zwei Prozent auch Tramadol“, berichtet er aus seiner Studie von 2018 aus dem deutschen Nachwuchsbasketball. Beunruhigend war dabei, dass „nur ein Drittel die Medikamente vom Arzt erhielt, zwei Drittel besaßen sie selbst oder bekamen sie von den Eltern mit selbstbestimmter Dosierung und Einnahmedauer sowie zum Teil wenig sinnhaften, aber schädlichen Schmerzmittel-Kombinationen.“

Was sind eigentlich Wachstumsschmerzen?

Die meisten Jungen und Mädchen fingen kurz vor der Pubertät mit systematischem Training an, spezialisierten sich und kämen oftmals immer früher in den aktiven Bereich und den Leistungssport, beschreibt der Fachmann das Problem. Oft seien sie, gerade in den ersten Jahren der Spezialisierung, noch einer Mehrfachbelastung ausgesetzt: „Montags Handball, dienstags Fußball, mittwochs Leichtathletik.“ Berrsche spricht von einer Risikobelastung für die Kinder. „Besonders, wenn dann mit fortschreitender Spezialisierung Steigerungen der Intensität in Trainings- und Wettkampfplanung kommen. Die notwendigen Anpassungsreaktionen kann der in dieser Zeit auch mit dem physiologischen Wachstum beschäftigte Bewegungsapparat nicht immer erbringen.“ Die Folge: sogenannte Disbalancen von Belastung und Belastbarkeit, erklärt der Sportorthopäde, der lange den Olympiastützpunkt in Heidelberg betreut hat. Er spricht das Mark-Jansen-Gesetz an: Es besagt, dass sich die Empfindlichkeit des Binde-, Knochen- und Muskelgewebes proportional zur Wachstumsgeschwindigkeit verhalte. „Je umsatzstärker ein Gewebe ist, desto anfälliger ist es für Stress“, erklärt der aus Haßloch stammende Arzt. „Gerade bei Kindern, die im Wachstum sind, müssen sich die Zellen sehr schnell, sehr häufig teilen. Das ist Stress.“ Wenn von außen noch zusätzlicher Stress durch Sport hinzukomme, könne sich das Gewebe entzünden. Belastungen seien deshalb bei den kleinen Sportler zu dosieren.

Sei ein Kind im Sport aber in einer Konkurrenzsituation oder versuche es, seinen Kaderstatus aufrechtzuerhalten, „ist der Griff zum Schmerzmittel erleichtert“. In seinen Studien waren dies, sportartübergreifend, insbesondere die A-Junioren am Ende der Wachstumsphasen, die unmittelbar vor dem Eintritt in den Profibereich standen. Mädchen und junge Frauen waren dabei signifikant häufiger betroffen. „Sie spielen im Heimatverein, in einer Auswahl und trainieren vielleicht noch mit den Aktiven mit. Sie möchten oftmals nach Jahren des Aufbaus den Sprung schaffen“, beschreibt der Arzt diese Situation.

Welche Folgen hat die Einnahme von Schmerzmitteln für Sportler?

„Ich kann mir mit Schmerzmitteln zwar eine kurzfristige Leistungsfähigkeit verschaffen, aber die verletzte Struktur bleibt bestehen“, erläutert der Mediziner das Problem. „Dem Sportler fehlt das Feedback von der verletzten Struktur. Die Verletzung wird zwangsläufig immer schlimmer.“ Ein Feedback ist der Schmerz. Man übertünche die eigentliche Verletzung. Mit Schmerzmitteln werde die Verletzung nicht behoben, so Berrsche und verweist auf den spanischen Tennisprofi Rafael Nadal. Der hatte sich, von chronischen Schmerzen an seinem linken Fuß geplagt, 2022 vor jedem seiner sieben Partien Spritzen und Schmerzmittel geben lassen. Den Sieg, seinen 14. Titel bei den French Open, erspielte er gar mit einem tauben Fuß. „Das sind sicher Extrembeispiele und im besonderen Umfeld des Leistungssports“, so der Sportorthopäde. „Dennoch sollten sie nicht auf den Amateursport übertragen werden und haben insbesondere keine Vorbildfunktion für den Nachwuchsleistungssport.“ Zwei Tage nach seinem Triumph in Paris unterzog sich Nadal übrigens einer noch invasiveren Therapie zur dauerhaften Unterbrechung des Schmerzempfindens. Erst nach einer erneuten Verletzung bei den darauffolgenden US Open kündigte er eine längere Pause und Verletzungsbehandlung an.

In Akutsituationen könne man für zwei, drei Tage Schmerzmittel einnehmen. Berrsche: „Aber diese Medikamente sollen nicht genommen werden, um dauerhaft in der Lage zu sein, seine Leistung abzurufen.“ Wenn das Schmerzmittel die Krücke sei, um seine Leistung zu bringen, laufe etwas falsch, warnt der Mediziner.

Schmerzmittel, im Fachjargon Analgetika genannt, solle man weder prophylaktisch noch dauerhaft einnehmen. Der Körper habe viele ausgeklügelte Feedbackmechanismen, einer sei der Schmerz. Die prophylaktische Einnahme von Schmerzmitteln sei sinnlos. „Man hat ein viel größeres Risiko, sich prinzipiell und darüber hinaus auch schwerer zu verletzen, da man ohne ein adäquates Schmerzempfinden die Belastbarkeit der einzelnen Strukturen überschreitet“. Besonders für Kinder, aber auch für erwachsene Amateursportler gelte: „Die Verletzung ausheilen lassen.“

Kinder wollten meist den Erwartungen des Umfeldes, ihrer Trainer, ihrer Eltern, entsprechen. Dies gelte besonders im leistungsorientierten Sport. Berrsche warnt davor, Jungen und Mädchen regelmäßig selbst dosierte Schmerzmittel für Training und Wettkampf zu geben: „Sie sind oftmals noch nicht ausreichend mündig, können die Risiken nicht abschätzen. Da hört der Spaß auf.“

Welche Nebenwirkungen haben Schmerzmittel?

Mit der dauerhaften und teils durch Kombinationen verstärkten Wirkung von Medikamenten wie Ibuprofen oder Diclofenac wird als Nebeneffekt der Schmerzstillung auch die Produktion der schützenden Schleimhaut des Magens verringert. Somit könne es durch die einwirkende Magensäure zu Reizungen, Geschwüren und Blutungen im Magen-Darm Trakt kommen, erklärt der Arzt. Auch die Nieren könnten geschädigt werden. Gregor Berrsche verweist hier auf den Exfußball-Profi Ivan Klasnic, der bereits drei Nierentransplantationen hinter sich hat. Klasnic erzählt, dass er von Vereinsärzten seines früheren Arbeitgebers Werder Bremen trotz bereits schlechter Nierenwerte oftmals Schmerzmittel bekommen habe und dabei nicht ausreichend über die Risiken einer dauerhaften Einnahme informiert worden sei.

Sind Schmerzmittel eigentlich Doping?

Schmerzmittel stehen nicht auf der Dopingliste. „Zu Recht, wenn ich sie im Sport nicht prophylaktisch und nicht dauerhaft nehme“, sagt Gregor Berrsche. „Was die Dosis und Kombination angeht, das sollte, insbesondere bei Kindern, mit ärztlicher Rücksprache erfolgen.“ Der Mediziner warnt davor, Analgetika in Eigenregie zur Leistungssteigerung zu nehmen. „Wenn Schmerzmittel einen erst in die Lage versetzen sollen, seine sportliche Leistung abzurufen, um länger zu rennen und weniger zu spüren, ist es ein Fehleinsatz von Schmerzmitteln“, sagt Berrsche. „Dann sind wir nahe dran am Doping“, gibt er zu bedenken.

Zur Person: Gregor Berrsche

Dr. Gregor Berrsche ist orthopädischer Chirurg im Deutschen Gelenkzentrum in der Atos-Klinik in Heidelberg und Kooperationsarzt im Kreiskrankenhaus Grünstadt. Er ist spezialisiert auf das gesamte Spektrum sportorthopädischer Fragestellungen, auch bei Kindern und Jugendlichen, einschließlich der Begutachtung zur Sporttauglichkeit. Schwerpunkt ist die gelenkerhaltende Chirurgie von Sportverletzungen an Hüfte, Knie- und Sprunggelenk, insbesondere rekonstruierende Eingriffe an Kreuzbändern, Sehnen, Menisken und Knorpel. Er ist zertifizierter Arthroskopeur, macht also Gelenkspiegelungen, und zugelassener Arzt für Knorpelzelltransplantationen. Als ärztlicher Betreuer der deutschen Volleyballnationalmannschaft der Frauen, von Kaderathleten der Metropolregion Rhein-Neckar sowie des Südwestdeutschen Fußballverbandes ist er im Spitzen- und Amateursport aktiv. Er ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) und wissenschaftlich im Komitee Kindersportorthopädie engagiert.

Schmerzmittel stehen nicht auf der Dopingliste. Manche Sportler nehmen sie aber, um in der Lage zu sein, ihre Leistung abzurufen
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Schmerzmittel werden missbraucht, wenn sie ein Sportler nimmt, um beispielsweise länger laufen zu können.
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Gregor Berrsche
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