Neustadt
Unbändige Phantasie: Eine Doppelausstellung würdigt den Bildhauer Gernot Rumpf
85 Jahre alt wäre der im vergangenen Jahr verstorbene Neustadter Bildhauer Gernot Rumpf am 17. April geworden, und passend dazu startet genau an diesem Tag eine große Doppelausstellung in seiner Heimatstadt. Diese führt einmal mehr vor Augen, was für ein äußerst vielseitiger, vor witziger Ideen nur so übersprühender und dabei technisch hochversierter Künstler der Verstorbene war.
Wo soll man bei der Beschreibung dieses opulenten Kunst-Events anfangen? Die Qual der Wahl beginnt ja schon damit, dass es zwei Standorte gibt: die Villa Böhm – nicht ganz überraschend bei einer von der Kulturabteilung der Stadt initiierten Präsentation –, aber eben auch noch das heimische Anwesen des Künstlers in Lachen-Speyerdorf mit seinem riesigen Skulpturengarten. Rumpfs Mutter entstammte einer alteingesessenen Lachener Winzerfamilie. Rund 7000 Quadratmeter groß ist das Grundstück deshalb, auf dem früher Reben standen – viel Platz, den es aber auch braucht, denn Rumpf versammelte hier zahlreiche Zweitgüsse seiner vielen großen Denkmalprojekte im öffentlichen Raum. Barbara Rumpf, die Witwe und selbst eine renommierte Bildhauerin, hat jetzt für die Schau zusätzlich auch noch diverse Gipsmodelle aus dem Fundus geholt. Zu sehen sind aber auch eigene Werke von ihr – ebenso wie solche der anderen Mitglieder der Künstlerfamilie: vom Großvater Ludwig, dem Vater Otto, der Mutter Martha und den beiden Töchtern Katharina und Eva.
Ein riesiges Einhorn als Blickfang im Garten
Der absolute Blickfang im Garten ist dabei ein monumentales Einhorn, das auf einen Entwurf zurückgeht, den Rumpf gemeinsam mit seiner Ehefrau für eine 1994 realisierte Gruppe von Plastiken für den Kaiserslautern-Platz des mit der Westpfalz-Metropole verjumelierten Tokioter Stadtbezirks Bunkyo-Ku schuf. Rund 3,40 Meter ist das Fabeltier aus Bronze hoch. Aber auch vielen anderen bekannten oder auch weniger bekannten „Doubles“ begegnet man, dem Heidelberger „Brückenaffen“ zum Beispiel, einer der Schnecken vom Città-Slow-Brunnen in Maikammer oder einem Doppelportrait von Martin Luther und Katharina von Bora, das in den 90ern für eine Ausstellung der Landeskirche in Speyer entstand.
Auch etliche Projekte, die in der Pfalz vielleicht nicht ganz so bekannt sind, kann man sich hier in 3D vor Augen führen: eine Bianca Sforza vom Kaiserbrunnen in Konstanz etwa oder mehrere der „Todsünden“ vom Remigiusbrunnen im niederrheinischen Viersen. Der Begriff klingt dabei martialischer, als der für seinen verspielten Humor bekannte Künstler es umgesetzt hat: Als Symbolgestalt für die Trägheit zum Beispiel wählte Rumpf einen possierlichen Seehund, für die Wollust zwei freizügige Hühnervögel. Eine „eiserne Jungfrau“ aus den 60er Jahren steht für Rumpfs frühe Zeit, als er aus Kostengründen noch oft auf Aluguss auswich. Von seinem Vater Otto (1902-1984) ziert unter anderem eine bronzene „Europa auf dem Stier“ den Garten. Hier zeigt sich, wie der Sohn den Vater, von Haus aus Steinbildhauer, beeinflusste, denn den Bronzeguss entdeckte Rumpf junior erst beim Studium in den 60ern an der Akademie in München.
Die Werkstatt selbst mit dem Brennofen ist nicht zu sehen, wohl aber einige Räume des Atelierhauses, wo unter anderem Keramiken von Tochter Eva, filigrane Hänge-Plastiken von Katharina oder Batiken der Mutter Martha gezeigt werden.
In der Villa liegt der Schwerpunkt auf den 70ern
Wer nun glaubt, nach einer solchen Fülle sei keine Steigerung mehr möglich, wird in der Villa Böhm eines Besseren belehrt: Wohl noch nie war hier eine so dichte (qualitativ gemeint) Bildhauerschau zu sehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass an diesem Ort nicht mit tonnenschweren Plastiken aufgewartet werden kann, aber eben klein sind die Werke auch nicht. Einen Schwerpunkt bilden freie Metallarbeiten vornehmlich aus den 1970er Jahren, als Rumpf noch ganz von den Eindrücken zehrte, die er 1972/73 als Villa Massimo-Stipendiat in Rom sammeln konnte. Die Vorliebe für tierisches Personal war damals schon angelegt, wie eine Schnecke mit Mitra, eine Krabbe mit Stimmgabeln oder zwei musizierende Gottesanbeterinnen belegen.
Besonderen Spaß habe es ihrem Mann bereitet, bewegliche Teile in seine Bildwerke einzubauen, berichtet Barbara Rumpf. Eine „Römische Wölfin“ mit Glocken an den Zitzen steht beispielhaft dafür. Nicht zuletzt um solche technisch sehr anspruchsvolle Lösungen umsetzen zu können, behielt Rumpf seine eigene Gusswerkstatt in Lachen auch dann noch bei, als er für die monumentalen öffentlichen Projekte längst mit einem größer dimensionierten Fachunternehmen zusammenarbeiten musste. Wie aufwendig seine Vorgehensweise war, zeigt zum Beispiel seine Bronze-Adaption des berühmten, von Piero della Francesca gemalten Doppelportraits von Federico da Montefeltro und Gattin Battista Sforza, das aus zehn einzeln gegossenen Teilen besteht. Auch ein Bild von Gustav Klimt hat Rumpf plastisch nachempfunden.
Wie mehrere (Farb-) Radierungen beweisen, in denen er eigene plastische Werke motivlich aufgriff, konnte der Bildhauer aber auch selbst 2D. Auch für seine Ausflüge in den Messing- oder Aluguss finden sich in der Villa Böhm Hinweise. Seine Spezialität war und blieb allerdings der Bronzeguss in der schon in der Antike bekannten Technik des Wachsausschmelzverfahrens, das deshalb in einem der Räume auch anschaulich erläutert wird. Für den Bereich Kleinplastik steht unter anderem ein Modell für den Ludgerus-Schrein in Essen, das zugleich das weite Feld der sakralen Kunst, auf dem Rumpf gleichfalls unterwegs war, zumindest andeutet. Was insgesamt aber vor allem hervorsticht, ist die unglaubliche Phantasie und die fast kindliche Freude, mit der dieser Künstler an alles heranging. Hier verspricht die Ausstellung mit ihren zwei Standorten so viele Entdeckungen, dass man sie hier allenfalls anreißen konnte.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Wachs – Feuer – Bronze. Gernot Rumpf zum 85. Geburtstag“ wird am Freitag, 17. April, um 19 Uhr in der Villa Böhm in Neustadt eröffnet und ist bis 24. Mai immer freitags 16-18 Uhr sowie samstags und sonntags 11-13 und 15-18 Uhr zu besichtigen. Bei der Vernissage sprechen u. a. der frühere Kulturstaatssekretär Walter Schumacher und der Journalist Dietrich Mack. Für Musik sorgt der Gitarrist Adax Dörsam. Der zweite Standort, der Skulpturengarten und das Atelierhaus in der Pestalozzistraße 16 in Lachen-Speyerdorf, öffnet jeweils samstags und sonntags 14–19 Uhr seine Pforten. Dort findet am 24. Mai ab 15 Uhr auch die Finissage statt. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Abendkonzerten – darunter ein schon vorab heiß begehrtes mit der „Pfälzischen Kurrende“ am 25. April –, Vorträgen und Führungen zu Leben und Werk des Künstlers und des Künstlerpaares Rumpf sowie Veranstaltungen für Kinder.