Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Tradition im Wandel: Was zwischen Tanztee und TikTok verloren geht

tanzen2

Nachklapp: Die Lust am Tanzen scheint ungebrochen, nur die Form hat sich verändert. Statt in Tanzlokalen wird zunehmend vor Kameras getanzt.

Am 29. April ist Internationaler Tag des Tanzes. Ausgerufen wurde er, um den Tanz als universelle Sprache zu würdigen. Gefeiert wird er jedes Jahr am Geburtstag des französischen Tänzers und Choreographen Jean-Georges Noverre, der als Begründer des modernen Balletts gilt.

Bis dahin ist zwar noch etwas Zeit. In Deidesheim gibt es in der Gaststätte des Winzervereins jedoch das ganze Jahr über die Möglichkeit, die Kultur des klassischen Paartanzes zu pflegen: freitagabends, wenn der Alltag langsam abfällt, und zweimal im Monat ganz traditionell beim Tanztee am Sonntagnachmittag. Mit ihren Tanzveranstaltungen setzen Violeta Hillebrand und Manfred Albert von Vioma Events bewusst ein Zeichen gegen einen allgemeinen Trend.

Denn Orte, an denen Menschen sich einfach zum Tanzen treffen, sind seltener geworden. Früher gehörten Tanzlokale und Diskotheken selbstverständlicher zum gesellschaftlichen Leben. Heute ist vielerorts eher von Schließungen die Rede als von Neueröffnungen. Das gilt für den klassischen Paartanz ebenso wie für die Clubkultur insgesamt. Auch in der Pfalz ist diese Entwicklung spürbar. Namen wie das Datscha in Offenbach, das Baccara in Bad Dürkheim oder auch die Diskothek A65 in Kandel stehen für Erinnerungen an eine Ausgehkultur, die vielerorts brüchig geworden ist.

Verlagerung ins Digitale

An der Lust am Tanzen allein scheint es jedenfalls nicht zu liegen. Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2025 gaben 37 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an, in ihrer Jugend einen Tanzkurs in einer Tanzschule absolviert zu haben. Viele hätten also, wenn sie ein Tanzlokal beträten, zumindest noch eine Vorstellung davon, wie man sich zu Walzer, Rumba oder Discofox bewegt.

Und wie steht es um die Jüngeren? Auch bei ihnen ist das Tanzen keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: Es ist sichtbarer denn je. Nur hat es seine Form verändert. Wer sich heute in den sozialen Medien umsieht, gewinnt schnell den Eindruck, dass überall getanzt wird. Allerdings oft allein, vor dem Smartphone, für die Kamera und ein anonymes Publikum. Plattformen wie TikTok leben von Choreographien, die sich in Sekunden verbreiten, millionenfach kopiert und neu inszeniert werden. Tanz hat sich vom konkreten Ort gelöst und ist aus dem Saal ins Display gewandert.

Darin liegt ein eigentümlicher Widerspruch. Selten war Tanzen so präsent, und vielleicht war es zugleich nie so unverbindlich. Der Schritt wird gefilmt, nicht geführt. Die Bewegung wird geteilt, aber nicht unbedingt der Abend. Man lernt eine Choreographie, aber nicht zwangsläufig einen Menschen kennen. Die soziale Dimension geht dabei verloren. Gerade deshalb bewahren Tanzveranstaltungen wie in Deidesheim nicht nur Schritte, sondern eine Kulturtechnik. Tanzen ist eben nicht nur Bewegung, sondern vor allem auch Begegnung.

x