Neustadt
Systemkritiker auf dem Hambacher Schloss: Bewegung verliert an Zulauf
(aktualisiert: Sonntag, 15.20 Uhr)
Weingläser klirren aneinander. Ein Paar hat es sich am Sonntagnachmittag auf der Bank vor dem Tor zum Hambacher Schloss gemütlich gemacht und prostet sich zu. Die Aussicht zu genießen und kühlen Weißwein zu trinken, bietet sich ja an. Die weißen Shirts mit aufgedruckten Slogans weisen die beiden indes als Teilnehmer der Freieinig-Kundgebung aus – und die läuft da noch. Der Genussmoment scheint den beiden aber wichtiger zu sein. Zur gleichen Zeit bilden andere Mitmarschierer vor dem Eiswagen am Buswendeplatz unterhalb des Schlosses schon eine Schlange oder warten auf den Bus.
Dass nicht alle Teilnehmer einer Demo bis zum Ende bleiben, ist nicht ungewöhnlich, und doch wirkt es symptomatisch für eine Bewegung, die an Bindungskraft zu verlieren scheint. Zur Auftaktkundgebung am Vormittag auf dem Neustadter Marktplatz zählt die Polizei 120 Teilnehmer, beim Marsch durch die Fußgängerzone sind es demnach 220, auf dem Schloss 280. 450 Teilnehmer waren angemeldet. Im vergangenen Jahr waren 380 Menschen Freieinig aufs Schloss gefolgt, auch schon deutlich weniger als in der Jahren davor. Richtig mit geht das Publikum auch nur phasenweise, bei manchen Rednern zeigt das laute Gesumme, dass man sich eher untereinander unterhält. Eine Sängerin fordert zum Mitsingen auf. Als dies ignoriert wird, kündigt sie an, so lange weiterzusingen, bis mitgesungen werde. Dass dies dann eine Handvoll Leute tut, reicht ihr.
„Unsere Waffe ist unser Herz“
Tanja Bergmann von Freieinig erwähnt in ihrer Begrüßung den RHEINPFALZ-Bericht, wonach Reichsbürger in der Organisation des ab Dienstag geplanten „Freiheitslaufes“ nach Berlin dabei sind. Das dementiert sie nicht ausdrücklich, sondern sagt dazu nur, dass alle Organisatoren auf dem Boden des Rechtsstaats stünden. Bergmann betont, ihre Bewegung sei friedlich, ohne Gewalt, ohne Waffen. „Unsere Waffe ist unser Herz, unsere Liebe“, ruft sie. Man folge nicht der „Kriegstreiberei und Impftreiberei“. Vieles von dem, was sie sagt, bleibt im Vagen. So gehen ihrer Meinung nach Unternehmen pleite, weil die Gesellschaft so geworden sei, wie sie nun sei.
Thomas Espey wirbt für den Freiheitslauf und rechtsgerichtete Medien. Er richtet sich an Jugendliche, die er am Livestream der Veranstaltung vermutet. „Wir sehen euch kaum“, beklagt er. Die meisten Teilnehmer seien über 50, dabei liefen sie auch für die Rechte der Jugend. Die überschaubare Teilnehmerzahl hält ihn indes nicht davon ab, eine Million Menschen für das Finale des „Freiheitslaufs“ in Berlin anzukündigen.
Ein Aschenbecher fliegt
Die Redner sagen alle, dass sie für Frieden seien. Ein Mann mit Superman-T-Shirt beklagt die Angriffe auf die Ukraine in der vorangegangen Nacht. Grund dafür seien die vorherigen Angriffe auf Russland, meint er. Dass Russland den Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, erwähnt er nicht.
Die Versammlung verläuft nach Auskunft der Polizei „sehr ruhig“. Einen Zwischenfall habe es gegeben. Noch in der Innenstadt wurde aus einer Wohnung ein Aschenbecher in Richtung der Versammlung geworfen. Verletzt wurde niemand, die Polizei ermittelt.
Als Freieinig den Marsch aufs Schloss beginnt, läuft in Hambach am Alten Rathaus noch die Kundgebung von „Neustadt bleibt bunt“. Begonnen hat sie mit einem gemeinsamen Frühstück, dann beginnt die eigentliche Kundgebung, die von Stefanie Karbach moderiert wird. Für Musik sorgen die Neustadt-bleibt-bunt-Band, die Bänkelsängerinnen der Omas gegen Rechts, Josef Bodes und Martina Gemmar. In der Spitze sind nach RHEINPFALZ-Zählung rund 150 Menschen da.
Hambachs Ortsvorsteher Pascal Bender beklagt das politische Klima: Es würden Menschen beleidigt, eingeschüchtert und bedroht. Da sei es wichtig, „Haltung zu zeigen für Demokratie und ein friedliches Miteinander“. Er betont: „Der Geist von Hambach verpflichtet uns, nicht zu schweigen, wenn die Demokratie angegriffen wird.“
Johann Dreyer von der Engagierten Jugend Neustadt berichtet, dass das Jugendzentrum immer wieder „Besuch“ bekomme von Rechtsextremisten, die Aufkleber mit Hakenkreuzen und anderen rechtsextremen Inhalten hinterließen. Er kritisiert die Stadt und die Stadtratskoalition, weil Veranstaltungen mit der Weinstraßen Antifa im Jugendzentrum verboten wurden.
„Der Amateursport baut Brücken“
Andy Meckelburger von der Aktiven Bewegung Neustadt hebt die Bedeutung des Vereinssports als „Ort für gelebte Demokratie“ hervor. Auf dem Sportplatz begegneten sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschlecht, Nationalität und Religion spielten keine Rolle. Gerade in Zeiten, in denen es viele gesellschaftlichen Gräben gebe, brauche es Orte der Begegnung. „Der Amateursport baut Brücken – und das jeden Tag“, sagt Meckelburger.
Wilhelm Kreutz, der Vorsitzende der Hambach-Gesellschaft, hebt hervor, dass das Hambacher Fest frei von Antisemitismus und weitgehend auch frei von fremdenfeindlichen Äußerungen gewesen sei, anders als das Wartburgfest. Esther Grüne stellt den neuen Neustadter Frauenstadtplan vor. Eine Vertreterin der Omas gegen Rechts liest einen Text von Rafik Schami vor, in dem der Schriftsteller vor den Folgen von Gleichgültigkeit warnt.
Claudia Dorka, stellvertretende Ortsvorsteherin von Hambach, warnt vor der Bedrohung von Frauenrechten. Sie sagt, sie habe sich oft gefragt, was sie in den 1930ern bei der Machtübernahme der Nazis gemacht hätte. Mittlerweile habe man nicht mehr den Luxus, sich hypothetisch mit der Frage zu beschäftigen, vielmehr müsse man handeln. Sie sagt eindringlich: „Es geht ums Ganze.“
Am Montag sind Freieinig und verschiedene Initiativen mit Infoständen rund um den Marktplatz zu finden. Das Interesse ist überschaubar. Man hört das von den Gruppen Bekannte. Innenstadtbesucher nehmen das alles kaum wahr, genießen Eis, Pizza und Getränke. Auch einige Aktivisten lassen sich lieber im Schatten bei der Gastronomie nieder. Laut Polizei bleibt alles „ganz störungsfrei“. Rund um die Infostände zählt sie 100 Teilnehmer, 65 beim Schweigemarsch.
