Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Suhrkamp-Autorin Angela Steidele stellt ihren Kino-Roman „Ins Dunkel“ in der Stadtbücherei vor

Ins Dunkel des Kino-Saals: Angela Steideles Roman dreht sich vor allem um die Hollywood-Diven Greta Garbo (hier auf der Leinwand
Ins Dunkel des Kino-Saals: Angela Steideles Roman dreht sich vor allem um die Hollywood-Diven Greta Garbo (hier auf der Leinwand) und Marlene Dietrich – da darf Anschauungsmaterial natürlich nicht fehlen.

Die Lesung ist ein szenisches Gesamtkunstwerk aus Text, Film und Erzählung.

Kino im Lesesaal: Zwischen Bücherregalen flackern Schwarz-Weiß-Bilder, und man merkt schnell – diese Lesung will nicht nur gelesen, sondern gesehen werden. Wer am Dienstagabend in der Neustadter Stadtbücherei Platz nahm, geriet mitten hinein in eine Zeitreise, die Licht ins Dunkel wirft und dabei genüsslich mit Schatten spielt.

Mit einer Trailershow aus Filmen mit Greta Garbo und Marlene Dietrich stimmt Angela Steidele ihr Publikum auf ihr Buch „Ins Dunkel“ ein – und setzt damit gleich das Programm: Film und Literatur, Erinnerung und Montage, Erkenntnis und Verführung. Garbo und Dietrich erscheinen dabei nicht allein, sondern in Gesellschaft von Erika Mann und Klaus Mann – als Protagonistinnen und Protagonisten eines Textes, der sich – wissenschaftlich recherchiert und literarisch geschrieben - beharrlich jeder eindeutigen Gattungszuschreibung entzieht. Roman? Erzählung? Dokumentation? Steidele, geboren in Bruchsal, in Köln lebende promovierte Literaturwissenschaftlerin, spielt virtuos mit Genres und nutzt cineastische Stilmittel, als hätte sie selbst jahrelang im Schneideraum gesessen – zweieinhalb Jahre Arbeit stecken drin, die man dem Buch anmerkt, ohne dass es je nach Fleiß riecht.

Greta Garbo und Marlene Dietrich waren in ihrer Zeit Ikonen weiblicher Selbstbestimmung

Die eingestreuten Filmausschnitte aus „Königin Christine“, „Mädchen in Uniform“, „Der blaue Engel“ und „Morocco“ legen die historischen Wurzeln heutiger Gender-Debatten frei – vor 100 Jahren bereits verhandelt, riskant, radikal, glamourös. Garbo in der Hosenrolle, Dietrich im Frack, der Kuss mit einer Frau: Das sind keine filmischen Fußnoten, sondern Freiheitsentwürfe. In „As You Desire Me“ wird weibliches Begehren nicht versteckt, sondern ins Zentrum gerückt – Frauen, die aktiv lieben, die Ja und Nein sagen können. Influencerinnen ihrer Zeit waren Garbo und Dietrich, Vollenderinnen der ersten Frauenbewegung, Ikonen der Selbstbestimmung, Grenzgängerinnen in Kleidung, Lebensstil und Haltung.

Steideles Montagetechnik folgt konsequent dem Kino: Parallelmontagen, Zeitsprünge, Schuss und Gegenschuss – der Roman ist wie ein Film geschrieben, beim Lesen stellt sich das Gefühl ein, man sitze im dunklen Saal, während die Bilder ineinandergreifen. Zwei Zeitebenen treffen bei den vorgetragenen Passagen aufeinander: Zum einen das Berlin der 1920er Jahre mit seiner Spree-Bohéme in Cafés, Nachtclubs und Tanzlokalen, zum andern ein Gipfeltreffen der alten Damen, anno 1969 im mondänen Schweizer Bergdorf Klosters – Lebensrückschau in Zauberberg-Ambiente. Besonders elegant: Die Autorin schreibt sich selbst in den Text hinein, spricht während der Begegnung Greta Garbo, Marlene Dietrich und Erika Mann in einem erzählenden „Wir“ und öffnet den Blick für die Conditio humana – wir alle fürchten den Tod und suchen Trost in den Künsten. Diese Erzählgeste ist frei von paternalistischer Vereinnahmung; sie setzt auf ein wohlwollendes Miteinander und gewinnt gerade dadurch politische Schärfe.

Welche Macht hat Film über unsere Wirklichkeitswahrnehmung?

Immer wieder stellt Steidele die Frage nach Verantwortung und Wahrheit: Welche Macht hat Film über unsere Wirklichkeitswahrnehmung? Wo klärt Kunst auf, wo verdunkelt sie, wo wird vertuscht? Dass Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich einst im selben Boxclub trainierten, ist eine ihrer Anekdoten, die hängen bleiben – ebenso wie das Miniaturmodell von Erika Manns weißem Ford Mustang auf dem Lesepult. Steidele trägt klassisch im Garçonne-Look vor, mit sonorer Sprech- und Gesangsstimme, und macht aus der Lesung ein szenisches Gesamtkunstwerk aus Text, Film und Erzählung.

Der Abend – wieder eine gelungene Kooperation von Stadtbücherei, Buchhandlung Quodlibet und Literarischem Forum – hat neugierig gemacht auf eine cineastische Lektürereise. Und er erinnerte daran, wie eng Freiheit, Kunst und Verantwortung miteinander verschränkt sind – klug montiert, funkelnd erzählt, lange nachwirkend.

Lesezeichen

Angela Steidele: Ins Dunkel. Roman. Suhrkamp, 357 Seiten, gebunden 26 Euro, als E-Book 21,99 Euro. Eine Taschenbuch-Ausgabe ist für Dezember angekündigt.

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