Neustadt Studenten ohne Studentenstadt

Conor Hadley war auf der Suche. Irgendeine Gemeinsamkeit zwischen seiner alten kalifornischen und seiner neuen Pfälzer Heimat musste es doch geben. In den USA hatte Hadley Germanistik studiert, bei einem Auslandssemester in Tübingen lernte er seine heutige Frau kennen. Sie wurde schwanger, 2009 zog der heute 28-Jährige zu ihr nach Deutschland. „Mit dem Germanistikstudium konnte ich hier leider nicht viel anfangen“, sagt Hadley, der jetzt in Bad Dürkheim wohnt. Er suchte nach einer neuen Perspektive, nach etwas, das er in der Pfalz lernen und vielleicht irgendwann auch in Kalifornien brauchen könnte. Sein Blick fiel auf die Reben, die sich durch die sanft geschwungenen Hügel zogen. „Zu Hause sieht es ähnlich aus“, dachte sich Hadley. Er hatte die Gemeinsamkeit gefunden. Mittlerweile verbringt der Amerikaner die meisten Tage in den Weinbergen. Oft trennen ihn allerdings eine Tafel und ein paar Wände von den Pflanzen. Mit seinen Kommilitonen sitzt er dann in einem der Hörsäle, die der „Weincampus Neustadt“ ein paar Kilometer außerhalb der Stadt bezogen hat. In dem dualen Bachelor-Studiengang „Weinbau und Önologie“, der seit 2009 von den Fachhochschulen Bingen, Kaiserslautern und Ludwigshafen und dem Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz angeboten wird, absolvieren Studenten in vier Jahren gleichzeitig die praktische Winzerlehre und einen Bachelor of Science. Neben Praxisprojekten im Weinbau stehen „Wirtschaftsrecht“, „Marketing“ und „Steuern“ auf dem Lehrplan. Die Studenten sollen nicht nur Winzer, sondern auch Betriebsleiter in der Weinwirtschaft werden können. „Ich hatte mir das Studium nicht so stressig vorgestellt“, sagt Juliane Köhler. „Von einem ,Easy-Going-Studentenleben’ kann keine Rede sein.“ Die 21-Jährige kommt aus der Pfalz, nach dem Abitur war auch sie auf der Suche nach einer Ausbildung mit Zukunft. „Wein wird immer getrunken“, überlegte sie sich und bewarb sich in Neustadt. Dort sitzt sie jetzt mit ihren Kommilitonen auf einem kleinen Hof in der Sonne, vor der Tür steht ein Traktor. Arbeiter tragen Pflanzen von einem Gewächshaus ins nächste. Gerade haben sich die Studenten eine Vorlesung zum Thema Öko-Weinbau angehört. „Wir sind immer von morgens bis abends hier auf dem Campus“, sagt Köhler. Zum Studienbeginn wurde sie wie alle Kommilitonen 16 Monate auf einem Weingut ausgebildet. Jeden Juli, September und Oktober folgen seitdem weitere Praxisphasen. Danach beginnt sofort der Theorieunterricht, das nächste Semester. „Richtige Semesterferien kennen wir gar nicht“, sagt Köhler. Frei haben die angehenden Winzer nur im August. Gibt es also auch kein klassisches Studentenleben in Neustadt? „Naja“, sagt Köhler. „Das Freizeitangebot ist nicht so toll. Man kann zusammen wandern. Aber das ist ja nicht unbedingt der Traum eines Studenten.“ Sie wohnt in Ludwigshafen. „Man merkt Neustadt schon an, dass hier Studenten leben“, findet dagegen Torsten Schober. Der 24-Jährige kommt aus Thüringen, zusammen mit drei Kommilitonen hat er ein Haus in Mußbach gemietet. Einige seiner Kommilitonen wohnen direkt in Neustadt, die Wohnungsbaugesellschaft hat mehrere Appartments für sie reserviert. „Wir grillen oft zusammen, oder gehen auch mal in Neustadt einen trinken“, sagt Schober. Verändern die Studenten die Stadt? „Ich glaube schon, dass wir den Ort ein bisschen bunter machen.“ Jedes Jahr starten nach Angaben der Studiengangsleitung 50 junge Menschen in den Studiengang, 180 Studenten sind es insgesamt. „Die Zahlen haben sich sehr positiv entwickelt“, sagt Kerstin Klein, Assistentin der Studiengangsleitung. Für den ersten Jahrgang mussten am Ende nur zwölf Bachelorzeugnisse ausgestellt werden. Und wie hat sich das Angebot für die Studenten in der Stadt entwickelt? „Es gibt ein paar gute Kneipen“, sagt Schober. „Aber insgesamt ist die Auswahl beschränkt. Nach Mannheim ist es zum Glück nicht so weit.“ Der Großteil der Studenten zieht gar nicht erst nach Neustadt, von 180 wohnen nach Angaben der Studienverwaltung nur 25 hier. Schober findet das nicht schlimm, er sucht sowieso eher die Ruhe. Bevor er in die Pfalz zog, war er „Vogelzivi“ auf der Nordsee-Insel Juist. Was man so macht, als Vogelzivi? „Man zählt Vögel“, sagt Schober und lacht. Danach studierte er halbherzig ein paar Semester Geophysik, eigentlich wollte er zurück in die Natur. „Ich werde Winzer“, beschloss er irgendwann und schmiss das Studium. Als er sich beim Staatsweingut Weinsberg über eine entsprechende Ausbildung erkundigte, erzählte man ihm von dem dualen Studium. Schober zog nach Mußbach. Dort zählt er zwar keine Vögel, dafür sitzt er abends manchmal zu Hause und schnuppert an Brombeeren, Honigmelonen oder Blumen. „Wir müssen im Selbststudium lernen, einen Wein an seinem Geschmack zu erkennen“, sagt er. Dafür müsse man nicht jeden Tag trinken, sondern lernen, ein Aroma zum Beispiel mit dem Duft einer bestimmten Blume zu assoziieren. „Das kann man lernen wie eine Sprache“, sagt der Amerikaner Hadley. Wein wird aber trotzdem getrunken? „Ich trinke lieber Bier“, sagt Schober. Für das Studium sei das kein Problem, es gebe auch Studenten, die keinen Tropfen Alkohol trinken. Vielleicht machen sie eine Ausnahme bei der Abschlussfeier, für Schober, Köhler und Hadley steht die voraussichtlich im Juli 2015 an. Was danach kommt? „Der Berufseinstieg ist nicht so einfach, wenn man keine Winzerfamilie hinter sich hat“, sagt Hadley. Ein Drittel seiner Kommilitonen werde nach dem Studium ins Familienunternehmen eintreten, schätzt er. Obwohl er diese Möglichkeit nicht hat, ist Hadley optimistisch. „Viele Weingüter haben Nachwuchsprobleme. Gerade junge Leute, die auch einen Betrieb leiten können, werden gesucht.“ Vielleicht ergibt sich schon Ende dieses Jahres etwas, die Studenten reisen dann zu einem Auslandssemester in die Ferne. Den ehemaligen Vogelzivi Schober zieht es nach Georgien, Köhler will nach Neuseeland oder Südafrika. Und Hadley? „Ich gehe auf ein Weingut, das ein Freund von mir eröffnet hat“, sagt er. Wo? „In Kalifornien.“

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